Mobbing-Vorwürfe in Berlin: Zentralrat der Juden fordert Aufklärung
Von Sorgen und Hoffnungen in der jüdischen Gemeinschaft

28.11.2018

Von Sorgen und Hoffnungen in der jüdischen Gemeinschaft Miteinander reden – und nicht weghören

Mobbing, Drohungen, Angriffe: Immer wieder ist von antisemitischen Straftaten zu hören. Eine Tagung in Düsseldorf beschäftigte sich jetzt mit Radikalismus, jüdischem Leben – und möglichen Strategien gegen Judenhass.

Vorsicht und Sorge - aber auch Optimismus. So beschrieben Experten die Gefühlslage vieler Juden in Deutschland am Dienstag auf einer Tagung in Düsseldorf. Drohungen, Beleidigungen, Spott, Mobbing, "Fake News" und handfeste Angriffe: Antisemitismus kommt in unterschiedlichen Ausprägungen und verschiedenen politischen oder religiösen Spektren daher. Das Problem ist laut der ehemaligen Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, so drängend wie lange nicht. Die Gesellschaft könne es sich nicht leisten, Antisemitismus aus den Augen zu verlieren.

Ins Gespräch kommen

Dass dafür auch schon junge Menschen eine Antenne haben, zeigte sich unter anderem daran, dass im Publikum des eintägigen Regionalforums "Antisemitismus in Deutschland" – organisiert von der Deutschen Gesellschaft und vom Bundesinnenministerium – auch zahlreiche junge Menschen saßen. Sie berichteten beispielsweise von antisemitischen oder verharmlosenden Äußerungen in der Schule. Und auch davon, dass Gruppen oft unter sich blieben: eine "Resistenz gegenüber der anderen Meinung", wie ein Schüler sagte.

"Auf jeden Fall ins Gespräch kommen" – das empfahl der Präsident des jüdischen Sportvereins Makkabi, Alon Meyer. Man dürfe niemanden abschreiben und nicht weghören. "In der Diskussion würde ich niemals aufgeben", betonte auch die Leiterin der Isaak-Emil-Lichtigfeld- Schule in Frankfurt, Noga Hartmann. Und forderte in Richtung Politik mehr Investitionen in Bildung. Denkbar sei zum Beispiel, Konzepte für Lehrer zu erarbeiten, in denen es um das Thema Gleichberechtigung und um Werte gehe.

Grundrechtsklarheit zeigen

Der Islamwissenschaftler Michael Kiefer sieht die Bildungspolitik stärker in der Verantwortung. Teilweise habe sie "geschlafen". Er verwies darauf, dass muslimischer Antisemitismus schon vor dem großen Flüchtlingszuzug im Jahr 2015 zu beobachten gewesen sei. Etwa als Reaktion auf Entwicklungen im Nahen Osten, die hierzulande auch über Satellitenfernsehen zu verfolgen seien. Kiefer forderte: "Schulen müssen Grundrechtsklarheit zeigen."

Und dann der Sport: Kürzlich war innerhalb der jüdischen Gemeinschaft eine Debatte über das neue Logo des Sportvereins Makkabi in den Farben Schwarz, Rot und Gold statt Blau und Weiß entbrannt. Meyer hatte in der "Jüdischen Allgemeinen" das neue Logo als Ausdruck eines deutsch-jüdischen Selbstverständnisses bezeichnet. Am Dienstag ergänzte er: "Wir sind stolze deutsche Juden."

Antisemitische Straftaten

Hartmann sagte, dass die Realität mitunter eine andere sei: Juden würden nicht immer als zur Mehrheitsgesellschaft zugehörig angesehen. Es komme vor, dass Selbstverständlichkeiten rasch keine mehr seien.

Dem Verfassungsschutzbericht zufolge gab es im vergangenen Jahr 1.385 rechtsextremistisch motivierte Straftaten mit antisemitischem Hintergrund. 2016 waren es noch 1.363 gewesen. Bei den Gewalttaten verzeichneten die Behörden einen Rückgang auf 28 (2016: 31). Im vergangenen Jahr wurden zudem 24 antisemitische Straftaten mit einer religiös ideologischen Motivation festgestellt, zu denen eine Gewalttat zählte.

"Wir müssen Allianzen bilden"

Der Geschäftsführer der Unterkommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum der Deutschen Bischofskonferenz, Andreas Verhülsdonk, betonte: "Es gibt nicht die eine Strategie gegen Antisemitismus." Türkan Kanbicak vom Pädagogischen Zentrum des Fritz-Bauer-Institus und des Jüdischen Museums Frankfurt warnte davor, gesellschaftliche beziehungsweise religiöse Gruppen gegeneinander auszuspielen. Das hinterlasse Verletzungen. Sie forderte stattdessen: "Wir müssen Allianzen bilden."

Trotz aller Probleme kam die Hoffnung in Düsseldorf, einer Stadt mit einer großen jüdischen Gemeinde, nicht zu kurz. Sie setze Hoffnung in Rechtsstaat und Demokratie, so Knobloch. Sie wünsche sich, dass jüdisches Leben eine Selbstverständlichkeit in Deutschland bekomme. Mit einem Appell wandte sie sich am Ende an die Jugend: "Wir haben an euch den Stab der Erinnerung weitergegeben."

Leticia Witte
(KNA)

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