Jüdischer Kongress in Berlin
Jüdischer Kongress in Berlin

06.11.2018

Jüdischer Zukunftskongress eröffnet "So viel Zukunft war nie seit der Schoah"

In Berlin ist der erste Jüdische Zukunftskongress offiziell eröffnet worden. Zu der bis Donnerstag andauernden Tagung unter dem Motto "Weil ich hier leben will" haben sich nach Veranstalterangaben mehr als 1.000 Teilnehmer angemeldet.

Die Organisatoren wünschen sich, dass der Kongress Anstöße für eine Festigung und Erneuerung jüdischen Lebens hierzulande in "seiner ganzen Vielfalt" geben könne. Der Blick nach vorn ist verschränkt mit dem 80. Jahrestag der NS-Novemberpogrome an diesem Freitag.

Wie sicher ist jüdisches Leben?

"So viel Zukunft war nie seit der Schoah", sagte der Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland, Daniel Botmann, am Abend bei der Eröffnungsveranstaltung im Centrum Judaicum. Er verwies auf aktives jüdisches Leben in Deutschland und geschaffene Strukturen wie Gemeinden, Schulen und Kindergärten. Aus der ehemaligen Sowjetunion und aus Israel zugezogene Juden hätten die jüdische Gemeinschaft hierzulande bereichert und neue Perspektiven eingebracht. Dennoch stehe auch die Frage im Raum, wie sicher jüdisches Leben sei.

Der Vorsitzende der Stiftung Leo Baeck Foundation, Rabbiner Walter Homolka, hatte sich am Vormittag vor Journalisten erfreut über die "große Resonanz" gezeigt. Mehr als 30 Institutionen seien an den Veranstaltungen beteiligt, darunter auch Vertreter des orthodoxen Judentums. "Jeder, der wollte, konnte mitmachen."

Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) sagte mit Blick auf den 80. Jahrestag der Pogrome, es gehe darum, die "klassischen Formen des Gedenkens" zu ergänzen und dabei jüdische Selbstverständigung und den Austausch mit der Mehrheitsgesellschaft zu verbinden. In Berlin gebe es mittlerweile eine bunte jüdische Gemeinschaft, die "eine der interessantesten in Europa" sei, so Lederer, der auch auf wachsenden Antisemitismus und Rechtsextremismus hinwies.

Erinnerung an Holocaust weiter notwendig

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Gideon Joffe, betonte, die Erinnerung an den Holocaust sei weiter notwendig, doch müsse die Form des Gedenkens neu überdacht werden. Um einen sogenannten sekundären Antisemitismus zu vermeiden, der sich aus der Abwehr von Schuldgefühlen speise, sollte nicht nur an die Verbrechen der Nationalsozialisten an den Juden als der "größten Opfergruppe" erinnert werden, sondern auch an die am deutschen Volk allgemein.

Die jüngere Generation der Juden in Deutschland will sich nach den Worten Homolkas nicht mehr nur in der Opferperspektive wahrnehmen, sondern auch andere Erfahrungen einbringen. Eine sich entwickelnde "jüdische Zivilgesellschaft" wolle ihre Sichtweisen bei dem bis Donnerstag dauernden Kongress erläutern.

Die Initiative zu dem Kongress kam von der Leo Baeck Foundation. Sie kooperiert dabei mit der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und der Bundeszentrale für politische Bildung. Das Programm umfasst auch eine Filmmatinee, ein Konzert jüdischer Kantoren und die Verleihung eines Kunstpreises. Der Eintritt ist für alle Veranstaltungen kostenlos.

(KNA)

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