Grundschulkinder
Auch an den Grundschulen ist Mobbing ein Problem - nicht nur gegen jüdische Mitschüler
Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor
Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor

09.04.2018

Islamlehrerin Kaddor zu Antisemitismus-Prävention Mit Kreativität zur Empathie

Nach dem Angriff auf ein jüdisches Mädchen in Berlin ist die Antisemitismus-Debatte neu entflammt. Für die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor ist die Bedrohung der Grundschülerin kein Einzelfall - sie fordert mehr Aufklärung.

DOMRADIO.DE: Nachdem ein Mädchen jüdischen Glaubens an einer Berliner Grundschule von Mitschülern muslimischen Glaubens massiv bedroht worden ist, diskutiert Deutschland einmal mehr über richtige Antworten auf Antisemitismus.

Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor betreut ein Programm gegen Antisemitismus bei muslimischen Jugendlichen. Was sagen Sie, handelt es sich bei diesem religiösen Mobbing um Einzelfälle? Oder ist das Alltag an deutschen Schulen?

Lamya Kaddor (Islamwissenschaftlerin und Lehrerin): Ich glaube schon, dass eine gewisse Regelmäßigkeit da ist, dass es häufig Beschimpfungen und Diskriminierungen, antisemitische Vorfälle gibt. Aber wir dürfen auch Beleidigungen gegen andere Gruppen nicht vergessen, die gibt es auch.

DOMRADIO.DE:  Wie schätzen Sie das ein: Haben wir es hier mit blöden Sprüchen zu tun - oder haben die einen ernsten Hintergrund?

Kaddor: Meistens sind es tatsächlich blöd rausgehauene Sprüche. Das macht diese Vorfälle allerdings nicht erträglicher oder angenehmer, zu wissen, dass die Schülerinnen und Schüler ihrerseits gar nicht wissen, was sie da sagen. Ganz im Gegenteil, ich finde es fast noch schlimmer, dass sie so etwas unbewusst als platte Beleidigung daher rufen.  

DOMRADIO.DE: Von wem kommen denn solche antisemitische Sprüche?

Kaddor: Das ist ganz unterschiedlich. Ich glaube, dass Ausdrücke wie "du Jude" oder "du Scheißjude" - entschuldigen Sie, dass ich sie hier zitiere -, wenn sie denn so fallen, tatsächlich oft von Kindern arabischer Abstammung kommen. Sie haben aufgrund ihrer Sozialisation vor allem den Nahostkonflikt im Hinterkopf und meinen aus dieser Motivation heraus, Juden beleidigen zu müssen. Aber es gibt durchaus auch deutschstämmige Schülerinnen und Schüler, die dieselben Ausdrücke verwenden. Vermutlich tun sie das aus einer anderen Genese heraus, aber im Endeffekt ist beides Beleidigung.   

DOMRADIO.DE: Grundschüler wissen also oft gar nicht um die Tragweite solcher Sprüche. Wie sollten denn Lehrer und Schulleiter angemessen auf so etwas reagieren?   

Kaddor: Gerade bei Grundschülern, aber auch bei älteren Schülern, ist es ganz wichtig zu erklären. Dass, wenn so etwas ausgesprochen wird, es eben nicht eine bloße Beleidigung ist. Sondern dass, wer so etwas sagt, deutsche Geschichte und die Verbrechen des Nationalsozialismus negiert. Ich negiere damit, was den Opfern angetan worden ist; ich verharmlose schlimmste Verbrechen. Genau das muss alles sehr genau und ausführlich mit den Schülerinnen und Schülern besprochen werden. Damit sie das Ausmaß dieser Sprüche wirklich verstehen, dass viel weiter gehen als bloße Beleidigungen.    

DOMRADIO.DE: Sie haben als Islamlehrerin Praxiserfahrungen - und als Leiterin des Programmes "Extreme out - Empowerment statt Antisemitimus". Was genau bedeutet das?

Kaddor: Wir führen das gerade an einem Gymnasium in Duisburg-Marxloh durch, in einem Projektkurs, der mehrheitlich von muslimischen Schülerinnen und Schülern besucht wird. Die sind nicht unbedingt alle antisemitisch eingestellt, das ist ein Präventionskurs. Es geht darum, dass so etwas gar nicht erst aufkommt und warum so etwas nicht passieren darf.  Es geht vor allem um die Geschichte des Antisemitismus, aber auch um die Geschichte des Judentums.

Es geht um die Frage, warum Menschen sich abgrenzen, warum Menschen Identität durch Abgrenzung suchen. Ich kann zum Beispiel sagen: "Ich habe schwarze Haare" und lege so einen Teil meiner Identität fest. Ich kann aber auch sagen "Ich bin nicht blond" - und Identität durch Abgrenzung schaffen. Mit den Schülern arbeiten wir den Unterschied heraus zwischen der einen Form der Identitätsfindung und der anderen. Es geht auch darum, weitere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit deutlich zu machen und zu verstehen, dass immer dieselben Mechanismen greifen, ganz egal ob wir von Antiziganismus sprechen oder Antisemitismus oder eben auch bei Antiislamismus oder Homophobie.     

DOMRADIO.DE: Sie setzen also vor allem auf Information?

Kaddor: Ja, wobei dann auch ein kreativer Output erfolgen soll. Die Schülerinnen und Schüler sollen das, was wir theoretisch mit ihnen behandelt haben, kreativ umsetzen. Wir wollen ja den Schülern nicht irgendetwas eintrichtern, sondern sie sollen daraus etwas Kreatives, etwas Eigenes machen. Das macht den Empowerment- Ansatz aus. Das hält besser.   

DOMRADIO.DE:  Schaffen Sie das denn tatsächlich? Also durch Information und kreativen Output etwas zu Recht zu rücken, das diese Kinder möglicherweise in ihrem Elternhaus ständig gehört haben und weiter hören?

Kaddor: Häufig ist das bei muslimischem Antisemitismus tatsächlich so, dass die betreffenden Schüler selbst die Erfahrung gemacht haben, ausgegrenzt zu sein. Sie kennen selbst Diskriminierung. Das ist der soziale Mechanismus: sie denken, sie treten einfach weiter nach unten, auf eine noch kleinere Minderheit, in diesem Fall eben die Juden. Genau diesen Prozess müssen wir sichtbar machen. Wir müssen diesen Kindern und Jugendlichen sagen: "Ihr beklagt euch über Islamfeindlichkeit. Die gibt es. Aber die gibt euch noch lange nicht das Recht, das Gleiche einfach auf eine andere Gruppe zu übertragen." Das schafft sehr viel Empathie. Genau darum geht es: auch ein empathisches Vermögen zu entwickeln.   

Das Gespräch führte Andreas Lange.

(DR)

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