Mann mit Kippa
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Erste deutsche Rabbinerin nach dem Krieg: Antje Yael Deusel
Erste deutsche Rabbinerin nach dem Krieg: Antje Yael Deusel

20.12.2017

In Bamberg etabliert sich eine zweite jüdische Gemeinde "Keine Spaltung des Angebots"

Der Bamberger Fall ging vor das Arbeitsgericht: Vor fast drei Jahren kündigte die Israelitische Kultusgemeinde ihrer Rabbinerin Antje Yael. Entstanden ist eine zweite, liberale jüdische Gemeinde. Yael versteht ihre neue Gemeinde als Erweiterung.

Der Betsaal am Schillerplatz in Bamberg füllt sich. Dicht gedrängt sitzen Männer und Frauen jeden Alters an den mit blütenweißen Leinentüchern bedeckten Tischen. Die Kerzen auf dem neunarmigen Leuchter brennen noch nicht. Doch dann beginnt Rabbinerin Antje Yael Deusel mit der Zeremonie am Chanukkafest. Vor wenigen Jahren noch tat sie das in der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) in Bamberg. Heute feiert Deusel mit der "Liberalen Jüdischen Gemeinde Mischkan ha-Tfila Bamberg e.V.", die sich als zweite jüdische Gemeinde in der Stadt etabliert hat.

"Das Licht vertreibt die Dunkelheit", sagt die promovierte und weiterhin praktizierende Ärztin unter Segenssprüchen auf Hebräisch, als sie die nächste Kerze auf dem Leuchter entzündet. Die versammelte Gemeinde begrüßt das Licht mit kräftigem Gesang. Da treten die finsteren Stunden der Enttäuschungen und Verletzungen in den Hintergrund. Vor knapp drei Jahren war Deusel, damals einzige Rabbinerin in Bayern, von der IKG gekündigt worden. Der Vorstand sprach davon, dass das Vertrauen in eine gedeihliche Zusammenarbeit "unheilbar erschüttert" gewesen sei, Deusel beklagte gegen sie gerichtete persönliche "Attacken". Der Fall landete vor dem Arbeitsgericht, es folgte eine außergerichtliche Mediation.

Neue Gemeinde nicht als Spaltung zu verstehen

Heute sagt die Rabbinerin, sie verstehe ihre neue Gemeinde nicht als "Spaltung, sondern als Erweiterung des Angebots". Sie biete Gläubigen eine spirituelle Heimat, die sich in der herkömmlichen Gemeinde nicht aufgehoben fühlten. Inzwischen gehören über 60 Personen dazu - mit stetig wachsender Tendenz. Es sind überwiegend deutsche Mitglieder sowie einige Studenten aus verschiedenen Ländern. Nur wenige stammen aus Osteuropa. Der Altersdurchschnitt liegt unter 50 Jahren.

Was als kleine Zelle begann, hat nun auch einen offiziellen Status: Die liberale Gemeinde gehört zur "Union progressiver Juden in Deutschland". Zur Arbeitsgemeinschaft gehören inzwischen 26 liberale jüdische Gemeinden und Institutionen wie das in Potsdam angesiedelte Abraham Geiger Kolleg, das erste nach dem Krieg gegründete liberale Rabbinerseminar in Kontinentaleuropa. Die Union mit Sitz in Bielefeld und unter Vorsitz von Rabbiner Walter Homolka ist als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt. Sie wird auch vom Zentralrat der Juden in Deutschland vertreten.

"In kleinen Änderungen der Liturgie liegt Kraft"

"Wir haben dieselben Grundlagen wie die Israelitische Kultusgemeinde, nur eine etwas andere Auslegung. Uns unterscheidet etwas, das uns aber nicht trennt", betont Deusel. Ihre Gemeinde sei tief in den Traditionen des Judentums verwurzelt und gleichzeitig bereit, angesichts moderner Sichtweisen und in Anbetracht neuer Lebensumstände bestimmte Neuinterpretationen vorzuschlagen. "In kleinen Änderungen der Liturgie liegt Kraft!", sagt die Rabbinerin.

"Es geht darum, das Judentum im 21. Jahrhundert als lebendige Kraft zu erhalten, die es in früheren Generationen war, mit einer klaren Aussage über den Glauben und die für heute gültigen Werte." Leute abwerben sei ihre Sache nicht, betont Deusel. "Jeder kann zum Beten hingehen, wohin er will." Allen Richtungen müsse ihr Recht gelassen werden, gleich ob orthodox, konservativ oder liberal. Insofern "haben wir zur Israelitischen Kultusgemeinde ein neutrales Verhältnis und sind offen für Gespräche", sagt die Rabbinerin.

Was der neuen Gemeinde noch fehlt, ist ein dauerhafter Betsaal, in dem auch Shabbatleuchter oder Gebetbücher bleiben können. Am Schillerplatz ist man nur Gast. Noch dringlicher wünscht sie sich jedoch eine eigene Thora-Rolle. Bisher muss diese für hohe Feste ausgeliehen werden.

Marion Krüger-Hundrup
(KNA)

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