Andrang an der Klagemauer
Andrang an der Klagemauer
Georg Röwekamp
Georg Röwekamp

29.05.2017

Israel plant Seilbahn zur Klagemauer Ein Touristenmagnet?

Die Klagemauer in Jerusalem zieht täglich tausende Besucher an. Deshalb will Israel jetzt eine Seilbahn dorthin bauen. Doch das Projekt ist umstritten. Palästinenser befürchten im Zuge des Neubaus illegale Enteignungen von privatem Besitz.

domradio.de: Die Seilbahn soll von vom Westen Jerusalems 1,4 Kilometer weit in die Altstadt in die Nähe der Klagemauer im Osten der Stadt führen. Das israelische Kabinett von Regierungschef Benjamin Netanjahu hat am Sonntag grünes Licht für dieses Projekt gegeben. Für die Palästinenser ist das ein Affront. Ihr Büro liegt direkt an der Altstadt. Können Sie dann demnächst mit der Seilbahn zur Arbeit fahren?

Georg Röwekamp (Repräsentant des "Deutschen Vereins vom Heiligen Land" in Jerusalem): Da, wo ich sitze, im Norden der Altstadt, direkt am Damaskustor, werden wir von diesem Projekt nicht berührt, von daher wäre es für mich keine Hilfe, ganz abgesehen davon, dass man wirklich schauen muss, wann das Projekt verwirklicht wird und ob es überhaupt gebaut wird.

domradio.de: Wo soll denn in der engen Jerusalemer Altstadt noch Platz für eine Seilbahn sein?

Röwekamp: Es geht darum, dass der Westteil der Stadt mit der Altstadt verbunden wird. So wie ich das verstanden habe, gibt es die Überlegung, die Seilbahn über das Hinomtal zu führen. Das liegt südlich der Altstadt. Von der Straße aus, die Richtung Süden nach Betlehem führt soll über dieses Tal hinweg eine Seilbahn bis zu einem Platz vor der Westmauer gebaut werden.

domradio.de: Von den Palästinensern kommt bereits massive Kritik. Was ist so problematisch an solchen Bauvorhaben in Jerusalem?

Röwekamp: Das hängt mit dem Status der gesamten Altstadt zusammen, in der auch die Klagemauer liegt: Das Gebiet wurde 1967 von den Israelis erobert und besetzt; die Israelis würden sagen: befreit und Jerusalem als Stadt wiedervereinigt. Aber völkerrechtlich gesehen sind Bauvorhaben, ebenso wie archäologische Ausgrabungen in den besetzten Gebieten durch den Besatzer, nicht erlaubt. Und aus Sicht der Palästinenser, die eben die Entscheidung, dass Jerusalem die ungeteilte Hauptstadt Israels ist, nicht akzeptieren, ist das natürlich ein weiterer Bruch dieser Regelung.

domradio.de: In diesen Tagen wurde der Jerusalem-Tag gefeiert, der an die Eroberung - oder wie andere sagen: Wiedervereinigung - der Stadt vor 50 Jahren erinnert. Auch stehen die Feierlichkeiten für den 50. Jahrestag des Sechstagekrieges an. Mit den Eroberungen von Ostjerusalem und dem Westjordanland wurde damals die Grundlage für den bis heute andauernden Konflikt mit den Palästinensern gelegt. Wie wird darüber in der offiziellen Rhetorik in diesen Tagen gesprochen?

Röwekamp: Das hängt davon ab, auf welcher Seite man steht: Auf der einen Seite ist es sicher ein Glück, dass diese Stadt, die einst wie Berlin durch eine Mauer getrennt war, nicht mehr geteilt ist. Auf der anderen Seite bleiben die Probleme, die sich dadurch ergeben haben, ungelöst. Die palästinensische Bevölkerung Ost-Jerusalems sieht sich - obwohl sie Jerusalemer Bürgerrechte genießen  - auch als besetzt an. Zumal sich auch der Status des östlichen Stadtteils zunehmend durch Maßnahmen der Jerusalemer Stadtverwaltung verändert.

domradio.de: Dass Kabinettssitzungen in der Jerusalemer Altstadt stattfinden, ist eher außergewöhnlich. Dort wurde das Seilbahnprojekt jetzt beschlossen. Ist es ein Tourismusprojekt oder ist es nicht vielmehr ein politisches Statement, jetzt zum 50. Jahrestag des Sechstagekrieges?

Röwekamp: Das ist sicher beides. Wie so oft können hier verschiedene Dinge nicht voneinander getrennt werden. Diese Kabinettssitzung und dieses Projekt sind auch ein politisches Statement. Man darf aber nicht übersehen, dass es derzeit gegen diese ganze Instrumentalisierung der Jubiläen hier in Israel auch durchaus kritische Stimmen gibt. Gerade am vergangenen Wochenende hat seit langem wieder eine große Friedensdemonstration stattgefunden, bei der sich tausende Israelis gegen die Besatzung gewandt und ein Ende dieser 50-jährigen Praxis gefordert haben.

Das Interview führte Heike Sicconi.

(DR)

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