Gedenken in Dachau
Gedenken in Dachau
Dachau: Gedenken im Regen
Dachau: Gedenken im Regen
Kanzlerin Merkel bei der Kranzniederlegung
Kanzlerin Merkel bei der Kranzniederlegung

03.05.2015

Gedenkfeier und ökumenischer Gottesdienst in Dachau Warnung vor neuem Antisemitismus

Im Konzentrationslager Dachau wurde am Sonntag an die Befreiung vor 70 Jahren erinnert. Vertreter der Überlebenden, des Judentums und der Kirchen warnen vor einem Wiederaufleben von Rassismus und Antisemitismus.

Die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten und die Befreiung des Konzentrationslagers 1945 sei "wichtig für Europa und den Aufbau einer humanen Zivilisation", sagte Kardinal Reinhard Marx am Sonntag in Dachau. Mit dem zeitlichen Abstand habe die Intensität der Erinnerung eher noch zugenommen, sagte der katholische Erzbischof von München und Freising in der Karmel-Klosterkirche nahe der KZ-Gedenkstätte. Die Erinnerung sei so kraftvoll, dass sie viele Menschen heute in Bewegung bringe, auch viele jüngere. Marx dankte besonders den überlebenden Zeitzeugen, von denen viele erst nach Jahrzehnten die Kraft gefunden hätten, über das Erlittene zu sprechen.

Die evangelische Münchner Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler, die auch Ständige Vertreterin des bayerischen Landesbischofs ist, würdigte den damaligen Einsatz der US-Soldaten. "Wir verneigen uns in Respekt vor denen, die ihr Leben eingesetzt haben, um den Terror zu beenden", sagte Breit-Keßler. Zu dem Gottesdienst waren auch Veteranen der US-Army gekommen.

Bei der ökumenischen Gedenkfeier, bei der auch Metropolit Augoustinos für die Griechisch-Orthodoxe Kirche in Deutschland mitwirkte, zitierte der badische evangelische Altbischof Ulrich Fischer, Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), aus dem Tagebucheintrag des Häftlings Karl Adolf Groß zur Befreiung: "Unser Glück vermögen wir noch nicht zu fassen."

Schuster: Verpflichtender Besuch einer KZ-Gedenkstätte

Bei der in der KZ-Gedenkstätte Dachau stattgefundenen Gedenkfeier sagte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, mit Blick auf die Jugendlichen: "Ihr seid zwar nicht schuldig, aber ihr tragt Verantwortung!"

Schuster bekräftigte seine Forderung, dass Schüler ab der neunten Jahrgangsstufe zum Besuch einer KZ-Gedenkstätte verpflichtet werden sollten. "Ich hoffe, dass mein Vorschlag im bayerischen Landtag noch einmal wohlwollend geprüft und auch in anderen Bundesländern aufgegriffen wird", sagte er. Nur wenn man die authentischen Orte besuche, bekomme man eine Ahnung, "wie es gewesen ist". Fachleute hatten sich skeptisch zu verpflichtenden Besuchen in Gedenkstätten geäußert.

Knobloch: Juden spüren Antisemitismus in ihrem Alltag

Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, forderte in Dachau erneut ein NPD-Verbot. Alle deutschen 'Verfassungsorgane sollten sich geschlossen hinter den Verbotsantrag des Bundesrates stellen, sagte die frühere Zentralrats-Präsidentin an der jüdischen Gedenkstätte im ehemaligen KZ Dachau.

An dem Gedenkakt nahmen auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) teil. Damit hätten die beiden Spitzenpolitiker das "richtige Zeichen im richtigen Moment" gesetzt, sagte Knobloch. Denn die jüdische Gemeinschaft in Deutschland sei von "wachsenden Sorgen und Zweifeln" erfüllt.

Allerdings gebe es eine klaffende Lücke zwischen dem Verantwortungsbewusstsein der Politik und den Einstellungen und Stimmungen in der Bevölkerung, sagte Knobloch. Antisemitismus sei wieder salonfähig. Diese Stimmung spürten die Juden auch in ihrem Alltag. "Der Antisemitismus begegnet uns inmitten unserer Gesellschaft mit blankem Hass, mit Genugtuung, mit Arroganz und Hochmut" und keime auch in der breiten bürgerlichen Mitte furchtbar auf, sagte Knobloch.

Sie könne den oft zitierten Satz "Nie wieder" inzwischen nicht mehr hören. Zustimmung erhielt Knobloch vom Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, Karl Freller. "Ich teile Ihre Auffassung voll und ganz", sagte er. Die deutsche Gesellschaft hätte im vergangenen Jahr mehr gegen die antisemitischen Demonstrationen im Zuge des Gazakonflikts tun müssen. 

Merkel: Antisemitismus zielt auf die Würde des Menschen

Merkel rief in ihrer Ansprache zu einem aktiven Einsatz gegen Antisemitismus und alle Formen von Extremismus auf. Niemand dürfe die Augen vor antisemitischen Übergriffen verschließen, sagte sie bei dem Festakt. Diese Anschläge und Hassparolen zielten auf die Würde des Menschen und damit auch auf die freiheitliche Grundordnung. Alle Kräfte in Politik und Gesellschaft müssten deshalb unmissverständlich klar machen, dass jüdisches Leben ein Teil unserer Identität sei und das Antisemitismus in Deutschland keinen Platz haben dürfe.

Merkel hob vor den anwesenden Dachau-Überlebenden die Bedeutung der Zeitzeugen hervor. Es sei wichtig, dass die ehemaligen KZ-Häftlinge von ihren furchtbaren Erlebnissen berichten. Denn nur so lasse sich dieses Leid erahnen, das sich dem menschlichen Vorstellungsvermögen entziehe. Durch ihre Schilderungen würden hinter den bloßen Zahlen Gesichter, Namen und Lebenswege sichtbar.

Weil es immer weniger Zeitzeugen gebe, seien aber auch "Lernorte" wie die KZ-Gedenkstätte unverzichtbar für die nachwachsenden Generationen, sagte Merkel. Durch ihre Informationen und die Darstellung der Nazi-Verbrechen leisteten sie einen wesentlichen Beitrag für die Erziehung zur Demokratie.

Seehofer: KZ Dachau ist ein "Synonym des Schreckens"

Auch Seehofer rief bei der Gedenkfeier zum aktiven Einsatz für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte auf. Diese Grundwerte seien "der entscheidende Kompass für die Zukunft", sagte der bayrische Ministerpräsident. Freiheit und Demokratie bräuchten Erinnerung. Die Erinnerung an das unvorstellbare Leid im KZ Dachau münde "in das Bekenntnis: Nie wieder!".

In Deutschlands dunkelster Zeit sei Dachau zu einem "Synonym des Schreckens" geworden, sagte Seehofer. Die Verbrechen der nationalsozialistischen Gewaltherrscher, Verfolgung, Mord und Holocaust erfüllten die Deutschen mit Trauer und Scham. An dem Gedenkakt nahmen auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) teil sowie 130 Überlebende teil.

Seehofer versicherte bei der Gedenkfeier, dass die Opfer des KZ Dachau, das als erstes Konzentrationslager von den Nazis direkt nach Hitlers Machtergreifung 1933 eingerichtet wurde, unvergessen bleiben. Ausdrücklich hob der Ministerpräsident den Einsatz der US-Soldaten hervor, die das KZ am 29. April 1945 befreiten. Diese Soldaten hätten ihr Leben riskiert für ihre Überzeugungen, den Deutschen den Wert von Freiheit und Demokratie vorgelebt und "uns die Hand zur Versöhnung und zum Wiederaufbau" gereicht.

Der KZ-Überlebende und Vorsitzende der Lagergemeinschaft Dachau, Max Mannheimer, sagte, aus dem heutigen Gedenken müsse ein verantwortliches Bewusstsein und mutiges Handeln gegen jede Art von Ungerechtigkeit entstehen. "Menschen dürfen nicht verfolgt werden, weil sie anders leben und glauben, eine andere Hautfarbe oder Sprache haben." Der 95-Jährige unterstrich, von den Gedenkfeierlichkeiten 2015 solle ein "Zeichen der Versöhnung und der Menschenrechte" ausgehen.

Nach dem Gedenkakt in einem Zelt auf dem ehemaligen Appell-Platz des Konzentrationslagers legten Merkel und Seehofer Kränze nieder. Damit erinnerten sie an die über 40.000 Menschen, die im KZ Dachau zu Tode kamen oder ermordet wurden.

(epd, dpa, KNA)

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