Josef Schuster ist neuer Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland
Josef Schuster ist neuer Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland

01.12.2014

Der neue Zentralratspräsident Josef Schuster über die Lebenswirklichkeit der Juden in Deutschland "Polizeischutz ist leider die Normalität"

Der Würzburger Mediziner Josef Schuster ist neuer Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Im Interview erklärt der 60-Jährige, was er an der Spitze des Zentralrates plant und wie er mit den christlichen Kirchen auskommt.

epd: Herr Schuster, hätten Sie bei der Wahl am Sonntag nicht gerne einen Gegenkandidaten gehabt?

Schuster: Wenn mehrere Kandidaten zur Wahl stehen, dann erscheint das Verfahren sicher offener. Man muss vielleicht einmal erklären, wie diese Wahl vor sich geht. Die Ratsversammlung wählt als Gemeindevertretung drei Mitglieder ins Zentralrats-Präsidium, das Direktorium als Vertretung der Landesverbände und Großgemeinden weitere sechs. Diese neun Präsidiums-Mitglieder wählen dann aus ihrer Mitte den Präsidenten und die beiden Vizepräsidenten. Es haben schon vor Sonntag mehrere Wahlgänge stattgefunden. Ich finde das gut so. Im Präsidium herrscht Teamgeist, kein Konkurrenzdenken.

epd: Sie werden mit Sicherheit noch weniger Freizeit haben, was muss und wird nun zurückstehen?

Schuster: Tatsächlich die Freizeit, Zeit mit Familie und Freunden, Zeit für ein Buch oder was auch immer. Was nicht zurückstehen darf, ist meine berufliche Tätigkeit. Ich habe eine internistische Praxis in Würzburg, die ich auch künftig weiterführen werde.

Zentralratspräsident zu sein, ist ein reines Ehrenamt. Ich muss also auch künftig für meinen Lebensunterhalt sorgen. Ich werde auch meine Ämter in Würzburg und auf Landesebene vorerst weiterführen - da baue ich auf die Unterstützung meiner Stellvertreter.

epd: Sie sind - wie Ihr Vorgänger Dieter Graumann - ein Nachkriegskind. Wie wirkt sich das in Ihrer Arbeit im Zentralrat aus?

Schuster: Ich glaube nicht, dass Nachkriegskinder anders denken oder ticken als die Generation vor uns - auch wenn wir die Gräueltaten des Nationalsozialismus nicht selbst erlebt haben. Die Erzählungen unserer Eltern haben uns aber von Anfang an damit konfrontiert. Mir ist dabei auch wichtig zu sagen: Jüdisches Leben gab es in Deutschland nicht erst seit 1933, sondern schon viele Jahrhunderte zuvor. Und es gab schon kurz nach dem Holocaust wieder jüdisches Leben in Deutschland. Man soll das nicht immer auf zwölf Jahre Nazi-Regime reduzieren.

epd: Dieter Graumann hat nach seiner Wahl sinngemäß gesagt, er will die Juden aus ihrer Opferrolle herausholen. Ist ihm das gelungen?

Schuster: Dieter Graumann hat sicher gehofft, dass ihm das besser gelingt. Das lag aber nicht an seiner Person oder Arbeit, sondern an den Entwicklungen, die keiner von uns vorhergesehen hat. Ich denke da zum Beispiel an diesen Sommer, an die antijüdischen Demonstrationen als Folge des Israel-Gaza-Konflikts. Oder an die Beschneidungsdebatte. Da haben sich jüdische Menschen in Deutschland Äußerungen anhören müssen, von denen sie dachten, dass sie so etwas in Deutschland nie wieder ertragen müssen. Wenn so etwas passiert, kommt man schnell unfreiwillig in die Rolle des Mahners - und auch in die des Opfers.

epd: Vor welchen Herausforderungen stehen die jüdischen Gemeinden in Deutschland?

Schuster: Nach der Phase der ersten gelungenen Integration der vielen Zuwanderer aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion gilt es nun einen Konsolidierungsprozess einzuleiten. Wir müssen die zum Teil sprunghaft gewachsenen Gemeinden so festigen, dass sie ein Fundament für eine dauerhafte Existenz entwickeln. Das kann nur funktionieren, wenn die Synagoge das Zentrum der Gemeinde ist. Außen herum kann es freilich ein buntes, vielfältiges Leben geben. Aber eine Kultusgemeinde muss mehr sein als ein jüdischer Kulturverein. Daran müssen wir arbeiten.

epd: Sie sind Vorsitzender einer orthodoxen Gemeinde, vertreten nun aber auch viele liberale Gemeinden - ist das für Sie ein Spagat?

Schuster: Das ist für mich im neuen Amt wohl das kleinste Problem.

Ich habe in den vergangenen vier Jahren im Zentralratspräsidium bereits den Bereich Kultus vertreten - also auch alle religiösen Strömungen von orthodox bis liberal. Ich verstehe den Zentralrat der Juden als politische Vertretung aller in Deutschland lebender Juden, unabhängig von deren religiöser Prägung. Ich selbst bin in einem sehr traditionellen Elternhaus aufgewachsen. Unsere Würzburger Gemeinde hatte bis zum Jahr 2001 keinen eigenen Rabbiner - in meiner Kindheit war der Hausrabbiner der Familie Schuster Rabbiner Levinson aus Heidelberg, der zum damaligen Zeitpunkt einzige liberale Rabbiner in ganz Deutschland.

epd: Wenn das Ihr kleinstes Problem sein wird, was wird ihr größtes?

Schuster: Hoffentlich gar keines. Ein großes Thema wird auf jeden Fall weiterhin das Problem der sozialen Absicherung der Gemeindemitglieder aus den ehemaligen Sowjetstaaten sein. Die Rentenansprüche aus dem ehemaligen Ostblock zählen in Deutschland nicht - und selbst wer nach der Zuwanderung noch 20 Jahre in Deutschland gearbeitet hat, liegt mit dem Rentenansprüchen noch meist unter der Grundsicherung. Diese breit gestreute Altersarmut wird die Gemeinden vor Ort beschäftigen.

epd: Das Verhältnis vieler Deutscher zum Staat Israel ist ambivalent. Wie ist das unter den Juden in Deutschland?

Schuster: Fakt ist, dass deutsche Juden Israel gegenüber nicht neutral sind und auch nicht sein können. Hätte es Israel bereits in den 1930er Jahren gegeben, wäre es nicht zu dem gekommen, was den Juden in ganz Europa angetan wurde. Für Juden weltweit und vor allen Dingen in Deutschland ist Israel eine Lebensversicherung. Wenn der Staat Israel also in Bedrängnis gerät, lässt das keinen Juden in Deutschland kalt.

epd: Darf man als Deutscher - ob nun jüdischen Glaubens oder nicht - den Staat Israel für seine Politik kritisieren?

Schuster: Ja, selbstverständlich. Wenn die Kritik jedoch als Deckmantel für antisemitische Ressentiments genutzt wird - wie in diesem Sommer bei Anti-Israel-Demos geschehen - ist das von der Meinungsfreiheit nicht mehr gedeckt. Über eines muss man sich im Klaren sein: Die Regierung in Israel ist demokratisch gewählt, die Mehrheit der dortigen Bevölkerung steht hinter der Regierung. Ich halte es allerdings nicht für die primäre Aufgabe des Zentralrats der Juden in Deutschland, Israels Politik zu kommentieren - nicht, solange sie uns nicht direkt betrifft.

epd: Worin sehen Sie die größte Gefahr für das jüdische Leben in Deutschland? In Neonazis, Salafisten, antisemitischen Bürgerlichen?

Schuster: Am meisten sorgt mich diese unheilige Allianz aus radikalen Muslimen - es geht mit nicht um den Islam an sich! - mit der extremen Rechten und Linken. Das ist eine neue Qualität des Judenhasses, eine bedrohliche Radikalisierung vor allem bei muslimischen Jugendlichen, die mich beunruhigt. Den bürgerlichen Antisemitismus gibt es dagegen seit vielen Jahrzehnten. Das macht ihn nicht besser, aber der prozentuale Anteil an Menschen mit antijüdischen Vorurteilen bleibt offenbar gleich.

epd: Was hilft gegen eine solche "unheilige Allianz"? Genügt da Bildung, oder erwarten Sie da Hilfe von den Sicherheitsbehörden?

Schuster: Aufklärungs- und Bildungsarbeit ist das A und O gegen Antisemitismus. Ich sehe durchaus die Notwendigkeit einer Beobachtung dieser Entwicklungen durch die Sicherheitsbehörden. Allerdings haben die Vorgänge um die Morde der NSU-Terrorzelle mein Vertrauen in die Verfassungsorgane der Länder etwas getrübt.

epd: Sie bekommen als Zentralrats-Präsident fortan Polizeischutz. Macht Sie das traurig, dass das nötig ist?

Schuster: Polizeischutz für jüdische Einrichtungen in Deutschland ist leider die Normalität. Wer als Jude hier lebt, kennt es nicht anders. Vor Schulen, Kindergärten und Gemeindezentren stehen Polizisten, mal mit, mal ohne Waffen. Das vermittelt einerseits Sicherheit. Ich sehne mich aber nach dem Tag, an dem wir all diese Sicherheitsmaßnahmen nicht mehr brauchen. Das gilt auch für mich ganz persönlich. Mich stört der Polizeischutz zwar nicht, aber ich freue mich auch nicht darüber. Anders gesagt: Ich bräuchte keine Personenschützer als Statussymbol.

Das Interview führte Daniel Staffen-Quandt.

(epd)

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