20.12.2010

Zentralrats-Präsident über jüdisch-christliche Herausforderungen "Unsere Synagogen sind schön, aber immer leerer"

Wenige Wochen nach seinem Amtsantritt hat der neue Präsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, eine abnehmende "Bindungskraft der Religion im Christentum" bedauert. Auch im Judentum gebe es dieses Problem. Im Interview mit domradio.de beurteilt der 60-Jährige die bevorstehende Seligsprechung von Papst Pius XII. kritisch.

domradio.de: Rund vier Wochen sind Sie im Amt - wie geht es Ihnen?
Graumann: Es ist doch noch alles relativ frisch. Ich bin noch immer bemüht, begeistert, beseelt. Es ist noch immer eine ganz neue Aufgabe. Aber mein Optimismus ist noch immer ungebrochen.

domradio.de: Gibt es denn einen neuen Kurs im Zentralrat der Juden?
Graumann: Ich würde nicht von einem Kurswechsel sprechen. Ich komme ja nicht von außen in den Zentralrat hineingeflogen, sondern bin ja schon seit vielen Jahren dabei, die letzten Jahre als Vize-Präsident. Ich habe schon den Kurs des Zentralrats mitbestimmt, mitgetragen und mitverantwortet. Wollte ich jetzt sagen, alles solle anders werden, das wäre wenig glaubwürdig. Nein, es geht auch nicht um ein hektisches, nervöses alles anders machen. Aber natürlich ist es legitim, wenn jeder auch seine eigenen Akzente setzt. Wir haben sehr viel, was wir fortführen wollen und fortführen sollten. Aber es muss eine vernünftige Mischung sein, eine Balance zwischen Veränderung und Fortführung.

domradio.de: Was liegt Ihnen denn angesichts der NS-Vergangenheit Deutschlands und des Schicksals von so vielen unzähligen Menschen, die dabei ums Leben gekommen sind, am Herzen?
Graumann: Mir liegt natürlich vor allen Dingen am Herzen, dass wir diese Erinnerung bewahren. Diese Erinnerung trage ich ja in mir als jemand von der zweiten Generation. Ich bin mit diesen ganzen Geschichten aufgewachsen, sie sind immer in mir, sie sind immer präsent. Sie belasten mich auch immer. Mir ist es schon wichtig, dass diese Erinnerung bewahrt wird. Aber nicht in dem Sinne, dass man den Menschen, die heute in Deutschland leben, etwas von Schuld vermitteln wollte. Das wäre ja auch unsinnig. Aber die Verantwortung, wissen zu wollen und etwas Ähnliches verhindern zu müssen, das ist ganz wichtig. Der Bundespräsident hat bei seiner Israel-Reise ein ganz wunderbares Zeichen gesetzt, als er seine junge Tochter mitnahm und andere Jugendliche, um zu dokumentieren: Hier geht es nicht um große Worte, hier geht es darum, dass junge Menschen wissen, was geschehen ist damals, und dass sie versuchen, Verantwortung zu übernehmen, selbst zu verhindern, dass das wieder geschehen kann.

domradio.de: Der Rabbiner David Rosen hat die Europäer am Wochenende ermuntert, sich angesichts einer wachsenden muslimischen Präsenz in den westlichen Ländern stärker auf ihre christlichen Wurzeln zu besinnen. Ist das auch ihr Interesse?
Graumann: Mein Interesse ist es generell, dass man sich mehr auf den Glauben konzentriert. Das sage ich, weil ich persönlich ein gläubiger Mensch bin. Und Religion, Glaube gibt, das ist meine Überzeugung, den Menschen Werte, Inhalte, einen moralischen Kompass. Andere sehen es anders. Insofern begrüße ich es natürlich, wenn sich Menschen auf das Christentum besinnen. In aller Bescheidenheit darf ich darauf hinweisen, dass wichtige Teile des Christentums ja schließlich aus dem Judentum kommen, das wissen viel zu wenige Menschen, dass der wunderbare Satz "Liebe deinen nächsten wie Dich selbst", den das Christentum zum Glück so populär gemacht hat, aus dem Judentum kommt, dass er in dem Zweiten Buch Mose  steht. Wie das Judentum überhaupt die ganze Welt mit einem moralischen Fundament versorgt hat.

domradio.de: Wenn jetzt Weihnachten ist - welche Bedeutung hat das Christentum dann für Sie?
Graumann: Wir Juden feiern natürlich nicht Weihnachten. Aber das Christentum hat für mich eine ganz wichtige Bedeutung, weil ich weiß, dass die Menschen, die glauben, fundamentiert sind in moralischen Wertvorstellungen. Insofern bedauere ich auch, dass die Bindungskraft der Religion im Christentum abnimmt. Sie nimmt ja auch im Judentum ab. Insofern gibt es da ja ähnliche Probleme. Im Islam mag es anders sein. Aber uns Juden geht es ähnlich wie den Kirchen hier in Deutschland. Unsere Synagogen sind schön, aber immer leerer. Die Überzeugungskraft von Religion nimmt gerade bei jungen Menschen ab. Es ist eine ganz große Aufgabe, dass wir die Herzen unserer jungen Menschen alle gemeinsam gewinnen müssen.

domradio.de: Ein kritisches Thema für die Juden ist die anstehende Seligsprechung von Papst Pius XII. Auch für Sie?
Graumann: Hier haben wir eine kritische Einstellung. Ich meine, die Kirche ist natürlich frei hier zu handeln, wie sie mag. Aber wir sind auch frei, vorher in aller Offenheit und Fairness zu sagen: Das würde viele jüdische Menschen auf dieser Welt verletzen, mich übrigens auch. Papst Pius XII. bleibt für uns der Papst, der zu lange und zu laut schwieg angesichts der Schreie der Shoah. Und ihn mit dieser Ehre auszustatten wäre etwas, was uns schon verletzen würde.

Das Gespräch führte Monika Weiß.

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