Polizeibeamte stehen in der Nähe des Tatorts einer Messerattacke vor der Kirche Notre-Dame in der südfranzösischen Küstenstadt Nizza.
Polizeibeamte stehen in der Nähe des Tatorts einer Messerattacke vor der Kirche Notre-Dame in der südfranzösischen Küstenstadt Nizza.

30.10.2020

Gastkommentar von Wolfgang Picken zum Anschlag in Nizza Der Islam muss sich bekennen

Bei einem mutmaßlich islamistischen Anschlag in einer Kirche in Nizza sind am Donnerstag drei Menschen getötet worden. Die Anteilnahme ist groß. Dem Bonner Stadtdechant Wolfgang Picken ist es aus einer Richtung dennoch zu still.

Fast wäre es in den Coronameldungen und den Diskussionen über die Angemessenheit des am 2. November beginnenden neuen Teil-Lockdowns untergegangen: Es gab gestern einen blutigen Terroranschlag in der Basilika von Nizza. Vier Besucher des katholischen Gotteshauses wurden mit dem Messer umgebracht. Immer wieder soll der Täter dabei "Allah akbar" gerufen haben. "Gott ist größer."

Sofort wird die Erinnerung an eine ähnliche Tat wach. 2016 wurde in der Normandie dem Priester Jaques Hamel bei der Feier der Heiligen Messe die Kehle durchgeschnitten. "Weg mit dir Satan!", rief der Mörder hier bei der brutalen Exekution. Ein anderer Messbesucher wurde gezwungen, diese Tat zu filmen.

Die Opfer waren bei beiden Fällen unbescholtene Katholiken, die beim Besuch ihrer Kirche oder der Feier des Gottesdienstes hingerichtet werden. Sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort. Ihr Fehler: Sie waren gläubige Menschen und hielten sich in einem christlichen Gotteshaus auf.

Nicht weniger brutal, wenn auch andere Hintergründe dabei eine Rolle gespielt haben, war vor gut einer Woche die Ermordung des Geschichtslehrers, Samuel Paty, in Paris. Er wurde von seinem Mörder auf offenere Straße – man mag sich diese Brutalität kaum vorstellen – enthauptet. Und wieder war zu hören "Allah akbar", "Gott ist größer". Das beinahe sichere Identifikationsmerkmal islamistischer Terroranschläge.

Man ist als religiöser Mensch schockiert, wenn es unter Berufung auf Gott zu solch grausamen Attentaten kommt. Selbstverständlich darf man solche Ereignisse nicht dazu benutzen, um eine Religion wie den Islam pauschal zu diskreditieren. Sicherlich werden die meisten gläubigen Muslime die Trauer und die Entrüstung über diese Mordanschläge teilen und tiefe Scham darüber empfinden, dass es im Namen ihrer Religion zu solchem Terror kommt. Gleichwohl muss aber mehr geschehen, damit dieser aggressive Islamismus in den Augen vieler nicht zum Stellvertreter für eine Religion wird und Populisten ihn nutzen können, unsere westliche Gesellschaft weiter zu polarisieren.

Wenn der türkische Präsident in Liveübertragung zu wütenden Attacken ausholt und nach Freitagsgebeten in nicht wenigen Städten arabischer Länder von großen Mengen hasserfüllte Rufe gegen die westlichen Nationen ausgestoßen und ihre Fahnen angezündet werden, wird offenkundig, dass politische und geistliche Führer in islamischen Ländern ihre Religion gezielt nutzen, um Menschen zu radikalisieren. Nicht anders geschieht es, das bestätigen Verfassungsschutzorgane, in zahlreichen Moscheegemeinden innerhalb Europas. Hier wird Religion bewusst instrumentalisiert, um Hass zu schüren und Gewalt zu provozieren. Mit traurigem Erfolg wie wir erleben.

Entsprechend ist es nicht von der Hand zu weisen, dass zumal die religiösen Führer des Islam Mitverantwortung am Terror tragen, solange sie sich nicht eindeutig und hörbar vom politischen Missbrauch ihrer Religion distanzieren. Dass das zu erheblichen Konflikten mit Staatsoberhäuptern und religiösen Eiferern führen würde, rechtfertigt nicht das Wegsehen und Schweigen der Verantwortlichen. Auch reicht – so respektabel das im Einzelfall ist – nicht die distanzierende Demonstration einzelner Muslime an den Orten der Attentate. Solche Symbole sind angesichts des Gewaltpotentials zu schwach! Wenn perspektivisch ein Konflikt von Kulturen und Religionen vermieden soll, braucht es mehr und wird es Zeit, dass die Verantwortung dafür erkannt und wahrgenommen wird.

Sicherlich findet der islamistische Terror auch Gründe und Auslöser in unserer westlichen Kultur. Vielerorts gelingt die Integration der muslimischen Bevölkerung nicht, weil die Bildungs- und Sozialpolitik scheitert. Unsere Wirtschafts- und Außenpolitik verbreitet in vielen Teilen Welt zusätzlich den Eindruck, der Westen verfolge rücksichtlos die Absicht, überall die Vorherrschaft zu erreichen und die Ressourcen zu seinen Gunsten auszubeuten. Alles das ist gefährlicher Nährboden für Terror und Extremismus. Hier im Interesse von Frieden und Miteinander der Völker die eigene Strategie zu überdenken, erscheint dringend geboten.

Aber es ersetzt in keiner Weise die Notwendigkeit des Islam, sein Verhältnis zu Macht und Gewalt zu klären, eine klare Trennung von Staat und Moschee zu forcieren und in religiöser Bildung zu verdeutlichen, dass der Islam die Würde jedes Menschen respektiert und jeden Terror ablehnt.

Dr. Wolfgang Picken (Bonner Stadtdechant)
(DR)

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