Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli
Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli

11.12.2019

Berliner Staatssekretärin Chebli über Muslime und Weihnachten Gemeinsam feiern statt ausgrenzen

Das Weihnachtsfest sollte nicht aus Rücksicht auf andere Religionen zum neutralen Fest werden, meint die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli. Vielmehr müssten sich alle Religionen mehr für die Feste der jeweils anderen öfnnen, meint die Muslimin.

Weihnachtsbaum, Weihnachtsmann und Weihnachtslieder: Die muslimische Berliner SPD-Politikerin Sawsan Chebli hat palästinensische Wurzeln, ist aber in Deutschland geboren und aufgewachsen und mit den heimischen Bräuchen vertraut. Im Interview spricht die Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales über ihr Verhältnis zu Weihnachten, steigende Islamfeindlichkeit und warum sie sich grundsätzlich mehr Zusammenhalt der verschiedenen Religionsgemeinschaften wünscht.

Katholische Nachrichten-Agentur (KNA): Frau Chebli, Sie sind Muslima und in Deutschland zu Hause. Den Weihnachtsrummel kennen Sie von Kindesbeinen an. Was bedeutet Weihnachten für Sie?

Sawsan Chebli (Staatsskretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales in der Berliner Staatskanzlei): Für mich ist es eine Zeit der Entspannung und des Runterkommens. Ich erinnere mich auch gern an meine Kindheit zurück. Da kam ab und an der Weihnachtsmann, es gab Geschenke, und wir hatten auch mal einen Weihnachtsbaum. Wir haben Weihnachtslieder gesungen, christliche Lieder, ohne die religiöse Bedeutung zu hinterfragen.

Ich habe mich mit den Inhalten als Kind nicht auseinandergesetzt. Erst später habe ich gemerkt, wie tief christlich die ganzen Lieder sind, und dass das ja eigentlich gar nicht zu meiner Religion passt. Aber ich singe immer noch gern mit, "O Du fröhliche" zum Beispiel. Ich finde, das macht Spaß.

KNA: Wie feiern Sie heute?

Chebli: Heute verbringen mein Mann und ich Weihnachten seit Jahren mit unserer deutschen Großmutter. Wir sind keine Blutsverwandte, aber sie gehört inzwischen zur Familie, für uns ist sie unsere Großmutter und wir sind ihre Enkel.

KNA: Gibt es in Ihrem Bekanntenkreis viele Muslime, die Weihnachten feiern, oder sind Sie die Ausnahme?

Chebli: Nein, ich kannte bereits als Kind viele, die das gemacht haben. In meinem Umfeld, in meiner Nachbarschaft war das sehr normal, Weihnachten mitzufeiern. Auch heute feiern viele muslimische Freunde von mir mit ihren Kindern Weihnachten. Ich finde das schön.

KNA: Weil man sich arrangieren muss?

Chebli: Nein, hier geht es nicht um "müssen". Ich fand es immer schön, dass meine Eltern sich dem geöffnet und es nicht als christliches Fest verstanden haben. Es gibt natürlich auch jene, die sagen, man dürfe als Muslim keine christlichen Feste feiern. Das ist nicht mein Ansatz. Ich habe auch heute noch einen Adventskalender und einen Adventskranz zu Hause.

KNA: Das heißt, Sie zünden an jedem der vier Sonntage vor Weihnachten eine Kerze an?

Chebli (lacht): Nein, das nicht, mein Kranz hat nur eine Kerze.

KNA: Es gibt Berliner Grundschulen, in denen zur Weihnachtszeit statt einer Weihnachtsfeier ein "Lesefest" oder ähnliches stattfindet - um muslimische oder nichtgläubige Kinder nicht auszugrenzen. Wie finden Sie das?

Chebli: Ich möchte nicht, dass wegen mir als Muslima das Weihnachtsfest zum neutralen Festtag wird. Ich möchte keine Umbenennungen oder auch nicht, dass zwanghaft verzichtet wird. Ich finde es schön, wenn man bestimmte Traditionen wahrt. Es schadet Kindern nicht. Im Gegenteil: Es ist eine Bereicherung, andere Kulturen und Traditionen kennenzulernen. Man kann dann ja auch zum Zuckerfest zusammen etwas machen oder zu Chanukka und vielleicht stärker auch die anderen Feiertage mit beachten. Ich möchte nicht, dass man aufhört, Weihnachten zu feiern, weil sich irgendjemand schwer damit tut.

KNA: Haben Sie als Muslima auch Angst, dass für die Abschaffung von solchen Weihnachtsfeiern der Islam verantwortlich gemacht werden könnte?

Chebli: Es passiert ja jetzt schon. Die AfD missbraucht diese Themen, um Hass gegen Muslime zu schüren. Wir sehen leider, wie sich Islamfeindlichkeit immer stärker in der Gesellschaft ausbreitet.

Unabhängig davon möchte ich nicht, dass Menschen das Gefühl haben, sie müssten auf Weihnachten, Ostern oder Schweinshaxe verzichten, weil es anderen nicht gefällt. Und ich freue mich, wenn ich Menschen begegne, die religiös sind und es praktizieren. Ich wünsche mir eine Stärkung aller Religionsgemeinschaften. Mich macht es traurig zu hören, dass die Kirchen leerer werden, dass immer weniger Menschen in die Kirche gehen.

KNA: Was muss sich im Zusammenleben der Religionen in Deutschland verbessern?

Chebli: Ich wünsche mir zum Beispiel stärkere Allianzen zwischen Juden und Muslimen. Gerade, wenn wir sehen, wie stark die Angriffe auf unsere Demokratie, auf Juden und Muslime sind, müssen wir stärker zusammenstehen. Religion ist für mich eine verbindende und friedensstiftende Kraft. Religiöse Menschen sollten sich zusammentun und als Vorbilder agieren für diese Gesellschaft.

KNA: Statistiken zufolge gibt es immer mehr antisemitische Vorfälle in Berlin und Deutschland. Wie sieht das mit islamfeindlichen Einstellungen aus? Sie selbst etwa haben kürzlich eine Morddrohung von Rechtsextremisten erhalten. Muss hier mehr getan werden?

Chebli: Auf jeden Fall wird antimuslimischer Rassismus in öffentlichen Debatten viel zu wenig thematisiert. Wenn muslimische Frauen mit Kopftuch angegriffen oder Moscheen geschändet werden, ist der Aufschrei relativ schwach, dabei passiert es täglich. In der medialen Berichterstattung oder in der Politik fehlt die notwendige Sensibilität. Nach dem Motto: Muslime, das sind doch die Täter, sie können ja nicht Opfer sein. Viele Muslime fühlen sich heute in Deutschland alleingelassen. Das ist meine Wahrnehmung aus der muslimischen Community.

KNA: Spüren Sie das auch persönlich, auf der Straße?

Chebli: Man sieht mir nicht an, dass ich Muslimin bin, weil ich kein Kopftuch trage. Aber auch ich habe schon Rufe wie "Haut ab hier", Anpöbelungen, schräge Blicke erlebt, wenn ich Arabisch rede oder wenn ich mit meiner Mutter unterwegs bin, die ein Kopftuch trägt.

KNA: Was bedeutet Ihnen Ihre Religion?

Chebli: Meine Religion ist Teil meiner Identität. Ich bete, ich faste, ich trinke keinen Alkohol. Ich war in Mekka. Ich komme auch aus einem sehr religiösen Elternhaus. Der Islam ist Teil meines Lebens. Natürlich gibt es Entwicklungen in der islamischen Welt, die ich ablehne und kritisiere. Und diese sind mit der Grund, wieso die islamische Welt da ist, wo sie ist, die Blütezeit vergangener Jahrhunderte vorbei ist. Heute haben Terroristen meine Religion gehijackt. Sie dominieren das Bild des Islam. Das macht mich traurig und wütend.

KNA: Gibt es für Sie einen Moment mit Gänsehautfaktor bei islamischen Festen - etwa vergleichbar für einen Christen, wenn der Weihnachtsbaum steht und die Kerzen brennen?

Chebli: Das kommt darauf an, ob ich zum Beispiel das Zuckerfest in Deutschland oder in muslimischen Ländern begehe. In der islamischen Welt ist es überall spürbar. Dort macht jeder mit, die Kinder haben alle schulfrei, überall läuft Musik, die Leute sind alle toll gekleidet, auf den Straßen glänzen Lichter. Das berührt mich. Hier in Deutschland sind es oft normale Arbeitstage, abends oder zeitversetzt kommt die Familie zusammen und wir essen gemeinsam. Das ist schön, weil ich die Gelegenheit habe, meine Geschwister zu sehen. Wir sind ja zwölf und kommen selten zusammen.

Nina Schmedding
(KNA)

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