Symbolbild: Islam und Christentum
Symbolbild: Islam und Christentum
Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide
Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide

17.02.2019

Islamische Friedensbewegungen sind dem Westen oft fremd Die unbekannte Seite des Islam

Von Osama bin Laden bis Anis Amri: Muslimische Terroristen kennt die westliche Welt oft beim Namen. Islamische Friedensaktivisten sind hingegen selbst den Muslimen in Deutschland oft kein Begriff. Das schafft Feindbilder - auf beiden Seiten.

Er kämpfte für ein unabhängiges Indien, predigte Gewaltlosigkeit und verbrachte wegen seines Einsatzes für den Frieden viele Jahre im Gefängnis: Die Rede ist nicht etwa vom weltberühmten Mahatma Gandhi, sondern von seinem muslimischen Mitstreiter Khan Abdul Ghaffar Khan. Zusammen mit zehntausenden Anhängern setzte sich Khan wie Gandhi, letztlich vergeblich, gegen die Teilung Indiens ein. In der westlichen Welt ist Khan trotz alledem, wie auch viele andere muslimische Friedensaktivisten, weitgehend unbekannt.

Islam und Frieden?

"Selbst Muslime wissen oft nichts über die zahlreichen islamischen Friedensbewegungen", sagt Mouhanad Khorchide, Islamwissenschaftler an der Universität Münster. Viele Muslime seien nicht unmittelbar Teil des islamischen Friedensdiskurses und demnach schlecht informiert - auch wenn sie selbst friedliche Menschen sind. Für die Mehrheitsgesellschaft sei derweil entscheidender, was im Alltag zu sehen oder zu hören sei. "Wenn muslimische Gelehrte Unterschriften gegen den 'IS' sammeln, dann ist das abstrakt. Die sozialen Diskrepanzen zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen im Alltag oder in den Medien nehmen die Menschen hingegen wahr."

Wie aus dem Religionsmonitor 2015 der Bertelsmann Stiftung hervorgeht, empfindet über die Hälfte der deutschen Bevölkerung den Islam als Bedrohung. Knapp zwei Drittel sind der Ansicht, dass der Islamnicht in die westliche Welt passt. Muslimen wird zudem oftmals eine hohe Gewaltbereitschaft nachgesagt, wie die Ergebnisse der repräsentativen Studie "Deutschland postmigrantisch" des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung zeigen: Einer von vier Befragten war 2014 der Meinung, Muslime seien aggressiver als er selbst.

Islam ist friedlicher als sein Ruf

"Die Menschen wollen gegenüber Religionen offen und fair sein, sind es aber oft nicht", sagt Detlef Pollack, Religionssoziologe an der Universität Münster. Keine Religion wecke so viele negative Assoziationen wie der Islam - mit ihm verbinde die Mehrheit Eigenschaften wie Fanatismus, Gewaltbereitschaft oder die Unterdrückung der Frau. Der Islam werde insgesamt negativer eingeschätzt als alle anderen Religionen.

Vor allem in Regionen, in denen es nur wenige Muslime gebe, seien Ängste vor dem Islam verbreitet, sagt der Islamwissenschaftler Khorchide. Wer nie oder kaum Kontakt zu Muslimen habe, lasse sich besonders von dem düsteren Islambild beeinflussen, wie es unter anderem in den Medien verbreitet werde. Soziologe Pollack kann das bestätigen: "Direkte Kontakte helfen, Vorurteile abzubauen." Auch Bildung und Aufklärung könnten helfen - insbesondere wenn schon früh damit begonnen werde. "Viele Haltungen entstehen bereits im jugendlichen Alter."

Warum Muslime wichtig für Europa sind

Der Theologe Khorchide wünscht sich, dass in den Schulen mehr über islamische wissenschaftliche Errungenschaften gesprochen würde. "Es sollte im Bewusstsein der Menschen verankert sein, dass Muslime einen wichtigen Beitrag zur Zivilisation in Europa geleistet haben." Es sei wichtig, diesen Beitrag zu würdigen und zu schätzen. "Wenn sich zum Beispiel ein junger Muslim in Deutschland seiner Geschichte bewusst ist und nicht nur hört, wie schlecht seine Religion ist, baut er ein gesundes Selbstbewusstsein auf."

Auch die Bildung von Feindbildern kann laut Khorchide so vermieden werden. "Die Fremdzuschreibungen der Gesellschaft sind bei Muslimen zu Eigenzuschreibungen geworden", sagt er. Sie würden sich öffentlich stark mit ihrer Religion und Herkunft identifizieren, obwohl sie sich privat gar nicht so sehr mit dem Islambeschäftigen.

Mehr Selbstkritik - für beide

Der Soziologe Pollack erklärt diese Selbstbehauptung als Versuch, das Gefühl mangelnder Anerkennung auszugleichen. Wer sich als Bürger zweiter Klasse fühle, tendiere dazu, sich selbst moralisch, kulturell oder religiös auf- und andere abzuwerten. "Dann werden dem Westen zum Beispiel moralischer Verfall oder Dekadenz zugeschrieben."

Im schlimmsten Fall enstehe so ein Kreislauf der wechselseitigen Verdächtigung, sagt Pollack: Vorurteile werden vermeintlich bestätigt, was zu erneuter Ächtung und weiterer Selbstbehauptung führt. "Am Ende wird dann immer von der Gegenseite erwartet, die eigene Position zu verändern und sich auf den anderen zuzubewegen." Pollack fordert daher mehr Selbstkritik - auf beiden Seiten. "Der Prozess der Integration ist zweiseitig."

Jana-Sophie Brüntjen
(epd)

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