Ansicht des geplanten Moschee-Neubaus in Erfurt
Ansicht des geplanten Moschee-Neubaus in Erfurt

13.11.2018

Grundsteinlegung für Thüringens ersten Moschee-Neubau Start nach jahrelangen Protesten

Aufgespießte Schweineköpfe, meterhohe Protest-Kreuze, rechtsextreme Demos – das Bauvorhaben für eine Moschee in Erfurt begleiteten viele unschöne Bilder. Nun kommen Ministerpräsident und Bischöfe zur Grundsteinlegung.

Vor zweieinhalb Jahren kündigte die muslimische Ahmadiyya-Gemeinde in Erfurt an, eine Moschee im Vorort Marbach bauen zu wollen. Während Kirchen, Landesregierung und die meisten Parteien das Projekt begrüßten, formierte sich auch breiter Protest, der mitunter an Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten war und teils juristische Ermittlungen nach sich zog.

Am Dienstag ist nun die Grundsteinlegung für das islamische Gotteshaus. Unter den Teilnehmern sind Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke), der katholische Weihbischof Reinhard Hauke und der evangelische Regionalbischof Christian Stawenow. Es ist der erste Moschee-Neubau in Thüringen und - mit Ausnahme von Berlin - in Ostdeutschland.

Der Feldhamster und der Schweinekadaver

Das Bauprojekt sorgte für viele Schlagzeilen. Am Ende durch seltene Feldhamster: Die Nagertiere hätten ihre Höhlen auf dem 6.000 Quadratmeter großen Baugrundstück verlassen und das Weite gesucht, vermeldeten Medien Ende September. Naturschützer hatten die Hamster ins Feld geführt, um das Bauprojekt zu verhindern. Mit der gleichen Absicht griffen rechtsextreme Moschee-Kritiker im Sommer 2017 auf Schweinekadaver und einen Schweinekopf mit Nazi-Symbolen zurück, die sie auf dem Gelände aufspießten. Das Schwein gilt nach muslimischer Tradition als unreines Tier.

Es gab turbulente Bürgerversammlungen, Anhörungen und Stadtratssitzungen rund um das Bauprojekt im Gewerbegebiet. Im Januar schließlich wurde die Baugenehmigung erteilt: für eine Moschee mit einem acht Meter hohen Zierminarett ohne Lautsprecher und eine Kuppel mit dreieinhalb Metern Durchmesser. Neben zwei Gebetsräumen ist eine Wohnung für den Imam geplant. Die Baukosten veranschlagt die Ahmadiyya-Gemeinde mit 650.000 Euro, finanziert vollständig aus Spenden.

Meterhohe Protest-Kreuze

Insgesamt rund 70 Mitglieder zählen die Ahmadis in Thüringen. Auf die Frage, warum sie eine eigene Moschee brauchen, antwortet der Landesgemeindesprecher Suleman Malik: "Sie ist wichtig für unsere spirituelle Ernährung." Außerdem sei der Bau "ein großes Zeichen für die Deutungshoheit des Grundgesetzes, denn das Grundrecht auf freie Religionsausübung gilt eben auch für Muslime."

Dieses stellten Demonstranten, unter die sich zunehmend Rechtsextremisten mischten, immer wieder in Abrede. Im März 2017 errichteten Moschee-Gegner mehrfach meterhohe Protest-Kreuze auf dem Nachbargrundstück. Die Kirchen konterten sofort: Wer das Kreuz benutze, um Stimmung gegen andere Glaubensrichtungen oder gegen Andersdenkende zu machen, missbrauche dieses christliche Symbol.

Vor zwei Monaten zog nochmals ein Protestzug von 30 Menschen, teils mit "Araber-Masken" verkleidet, durch Erfurt-Marbach. In ihrer Mitte ein Mann, der offenbar Jesus darstellen sollte und theatralisch ein Kreuz schleppte. Arabische Musik tönte dazu aus Lautsprechern. Thüringens AfD-Chef Björn Höcke sagte bei einer Demo seiner Partei auf dem Erfurter Domplatz: "Ich bin in Sorge, dass auf unserem Dom bald, in nicht allzu ferner Zukunft, der Halbmond zu sehen sein könnte."

Wer steht hinter der Ahmadiyya-Gemeinschaft?

Die Ahmadiyya-Gemeinschaft gilt als älteste muslimische Gemeinde in Deutschland. Sie versteht sich als weltweite islamische Reformbewegung, wird aber von vielen anderen islamischen Strömungen nicht anerkannt und teils verfolgt. Bundesweit hat sie nach eigenen Angaben etwa 45.000 Mitglieder und unterhält mehr als 50 Moscheen sowie etwa 225 lokale Gemeinden, einen TV-Sender und einen Verlag.

Hessen verlieh der Ahmadiyya-Gemeinde 2013 den Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts. Hamburg vollzog den Schritt 2014. Kritiker werfen den Ahmadis indes vor, sektenähnlich zu sein und sich nur nach außen modern und reformorientiert zu geben.

Die Ahmadiyya Gemeinschaft verfolgt ein "100-Moscheen-Projekt", das Kalif Mirza Tahir Ahmad bereits 1989 ausrief. Gegenwärtig laufen unter anderem Bauprojekte in Nahe (Schleswig-Holstein), Fulda, Wiesbaden-Dotzheim, Marburg und Raunheim (Hessen) sowie Waiblingen (Baden-Würtemberg). Unterdessen verzögert sich der Start des Moscheebaus der Ahmadiyya-Gemeinde in Leipzig weiter. Ähnliche Neubau-Pläne für Dresden und Chemnitz liegen ebenfalls auf Eis.

Karin Wollschläger
(KNA)

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