Razzia gegen radikale Islamisten
Razzia gegen radikale Islamisten
Aiman Mazyek bei einer Veranstaltung in Berlin
Aiman Mazyek bei einer Veranstaltung in Berlin

10.06.2017

Muslimischer Zentralratschef warnt vor Spaltung der Gesellschaft "Wir brauchen ein gemeinsames Wir"

Vertreter der Union und der Grünen fordern ein deutliches Zeichen der Imame und Islamverbände gegen islamistischen Terrorismus. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime zeigt Verständnis, äußert aber auch Bedenken.

domradio.de: Ziehen sich die Imame, als wesentliche Vertreter der Muslime in Deutschland, wirklich so aus der Affäre, wie dies von einzelnen Bundestagsabgeordneten behauptet wird?

Aiman Mazyek (Vorsitzender des Zentralrats der Muslime): Ich kann das aus der Praxis nicht bestätigen. Wir haben den Monat Ramadan, hunderttausende deutsche Muslime gehen jeden Abend zu dem so genannten Tarawih, das ist das Ramadan-Gebet, in die Moscheen. Wir beten dort für den Frieden in unserem Land, gerade vor dem Hintergrund der vielen Verwerfungen und auch Anschläge. Die Bittgebete sind zum Teil auch so stark und eindrücklich, dass sie ganz deutlich machen, dass sie auch Teil der Gesellschaft sind. Das wäre zum Beispiel ein Teil der Aufgabenstellungen, die Imame haben.

Ich kann verstehen und kann es ihnen nicht verdenken, wenn viele nichtmuslimische Mitmenschen immer wieder fordern, dass wir uns von diesem muslimisierten Terrorismus distanzieren. Man muss auf der anderen Seite aber auch deutlich machen, welche Bemühungen hier geleistet werden. Es gibt unzählige Verurteilungen, vieles geht auch in die Berichterstattung nicht ein.

Auch wir als Zentralrat haben allein in den letzten Jahren in 50 bundesdeutschen Städten solche Aktionen und Mahnwachen organisiert, so etwa die Initiative "Muslime stehen auf gegen Hass und Unrecht", 2500 Gemeinden haben sich daran beteiligt. Aber man braucht immer wieder Zeichen und ich verstehe auch die Gemeinschaft und die Gesellschaft. Wir wollen das auch immer wieder tun und leisten. Nächste Woche gibt es in mehreren Städten wieder entsprechende Aktionen und Aufrufe dazu. Wir werden uns daran beteiligen.

domradio.de: Nach den Terroranschlägen von Manchester und London hat es eine Initiative gegeben von Imamen aus Großbritannien, die vorsah, den Attentätern die islamische Totenweihe vorzuenthalten – sie wurde von einigen Imamen aus Deutschland unterstützt. Finden Sie so etwas eine richtige Geste?

Aiman Mazyek: Wir hatten diese Diskussion auch vor einem Jahr in Deutschland gehabt nach dem Anschlag in München. Damals haben sich Imame geweigert, ein öffentliches Begräbnis vonstattengehen zu lassen. Letztendlich dürfen wir bei der ganzen Geschichte nicht Richter spielen. Wir wissen ja, dass das Mörder sind, dass das Verbrecher sind und dass sie gegen alle Regeln der Zivilisation und der Religion allemal gehandelt haben. Wir geben letztendlich diese Seele Gott und er richtet über sie. Das ist, so glaube ich, der Punkt, der dabei zu beachten ist. Aber ich kann menschlich verstehen, wenn Imame diese Reaktion haben.

Und wenn sie gerade Manchester erwähnen, weil ja auch die Diskussion in Deutschland stattfindet, wir müssen Zeichen setzen; ich finde es ein sehr eindrückliches Zeichen, welches die Muslime gerade in London und anderswo vorgenommen haben, zusammen mit Hunderttausenden zu demonstrieren, Gesicht zu zeigen. Das wird ja immer wieder passieren. Ich will nur weg von dieser Sache, dass man Muslime alleine adressiert bei solchen Sachen. Dann betreiben wir das Geschäft der Extremisten, hüben wie drüben, die eben diesen Spaltpilz reinbringen wollen, in unsere Gesellschaft und ohnehin diese Verwerfungen in dieser Gesellschaft weiter vorantreiben.

domradio.de: Machen Sie als Verband, als Zentralrat der Muslime in Deutschland, genug, um gerade jungen Männern, die für die Ideologie der Islamisten empfänglich sind, klar zu machen – Islamismus ist im Prinzip ein Verrat am Islam?

Aiman Mazyek: Wir tun das mit eigenen und staatlichen Präventionsmaßnahmen. Wir dürfen bei der ganzen Diskussion nicht verkennen, bei aller Kritik und manches kann viel besser sein, dass das ein großer Beitrag auch zur Mäßigung ist. Wenn wir aber ständig das Damoklesschwert so setzen, dass es heißt, Religion ist per se anfällig und Muslime allemal und Muslime tun grundsätzlich zu wenig. Dann würden wir auf den Leim gehen von IS-Terroristen, aber auch Rechtsradikalen, die gerade darauf setzen. Wir müssen sagen: Was können wir verbessern? Wie können wir das erweitern?

Zum Beispiel haben wir Präventionsprogramme über Jahre schon, wo wir in Moscheen gehen.. Da geben wir Hilfestellung für Imame, Vorstände, im Bereich Immunisierung gegen Extremismus, für Familien, die sich große Sorgen machen. Wir müssen immer wieder deutlich machen, dass diese Rekrutierung auf dieses Milieu trifft: Die Verschwörung, der Westen ist gegen den Islam oder umgekehrt, die Verschwörung von Rechtsradikalen, mit dem Stichwort der Islamisierung Europas. Das ist ein schlimmer Resonanzboden für Radikalisierung. Da müssen wir etwas dagegen setzen.

Wir brauchen ein gemeinsames Wir, das sich all diese Ideologien entgegensetzt, gegen Krieg und Hass, was eine Hauptursache ist für Terrorismus. Wir müssen diese zentrale Verantwortung als gesellschaftliche Aufgabe gemeinschaftlich annehmen. Wir müssen uns aus dieser Defensive rausbewegen. Und nicht nur fragen: Wer ist der Verantwortliche?

domradio.de: Wenn also Bundestagsabgeordnete fordern, dass sie sich mehr und entschiedener einsetzen müssen, dann sagen sie: Das tun wir schon!?

Aiman Mazyek: Nein, dann sage ich, das verstehe ich menschlich. Ich kann auch verstehen, wenn man das einfordert. Ich appelliere nur, dass wir das als gesamtgesellschaftliche Aufgabe wahrnehmen. Ein Beispiel sind Präventionsmaßnahmen, die es schon gibt, aber wir brauchen sie in größerem Format. Da ist gleichsam Politik gefordert, da sind auch muslimische und andere Einrichtungen der Zivilgesellschaft gefragt. Wie können wir das angehen? Nicht immer mit dem Zeigefinger auf andere zeigen, sondern fragen, wie können wir das gesamtgesellschaftlich angehen?

Die Muslime sind auf jeden Fall bereit dazu.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(DR)

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