Zusammenleben der Religionen
Zusammenleben der Religionen: Oftmals konfliktreich

14.11.2017

Experte Bielefeldt: Welt ohne Religionen unmenschlich "Nicht mit dem Hackebeil an die Strukturen"

Die kirchlichen Strukturen hierzulande müssten mal ordentlich "durchgelüftet" werden, sagt der Theologe und Menschenrechtler Heiner Bielefeldt. Am Dienstag wurde er für seine Arbeit von der Uni Tübingen ausgezeichnet.

domradio.de: Sechs Jahre lang sind Sie um die Welt gereist, haben mit Regierungsvertretern, Geistlichen, einfachen Gläubigen gesprochen und vor den Vereinten Nationen immer wieder berichterstattet - das alles im Ehrenamt. Wenn Sie zurückblicken: Wo stehen wir bei diesem großen Thema "Religionsfreiheit"?

Heiner Bielefeldt (Deutscher Theologe, Philosoph und Historiker): Das ist schwer weltweit so pauschal zu sagen. Noch heute erleben wir dramatische Einbrüche. Manches bekommen wir ja auch schon über das Fernsehen mit. Denken wir nur an die Krisen im Nahen Osten. Zwar ist nach den Berichten der "Islamische Staat" zurückgedrängt worden. Aber ob Christen in der Region wieder mit ihren Nachbarn friedlich leben werden, sich wieder ansiedeln und wohlfühlen können, das ist alles sehr offen. Oder nehmen wir das Drama um die Rohingya in Myanmar - eine muslimische Minderheit, die aus dem Land vertrieben worden ist.

domradio.de: Also schon die Nachrichten bringen viele Beispiele, bei der die Religionsfreiheit nicht vorhanden ist. Ist denn alles ausgewogen berichtet?  

Bielefeldt: Manche Dinge finden weniger Aufmerksamkeit, etwa die Verfolgung der Zeugen Jehovas in Russland, die dort verboten worden sind. Oder ich denke da an die Verletzung der Religionsfreiheit in China oder Vietnam. Da schauen wir relativ wenig hin. Vieles geschieht ganz unter dem Radar öffentlicher Aufmerksamkeit.

domradio.de: Wie entscheidet man denn, was wirklich mit Religionsfreiheit zu tun hat und wo die Konflikte vielleicht eher im Politischen begründet sind? Oder geht das einfach ineinander über?

Bielefeldt: Ich würde mal behaupten, es gibt keinen Konflikt, der nur religiös ist. Meistens gibt es noch andere Motive. Aber oft geht das ineinander über.

domradio.de: Haben Sie da ein Beispiel?

Bielefeldt: Nehmen wir Bangladesch. In den Grenzregionen gingen vor fünf Jahren mit einem Schlag 22 buddhistische Tempel in Flammen auf. Auf den ersten Blick sieht sah es aus, als wenn ob es religiös motiviert sei. Allerdings ging es letzten Endes um mafiöse Konfliktlagen im Land.  

domradio.de: Also ging es um wirtschaftliche Interessen, um Grund und Boden?

Bielefeldt: Es wurde Land abgefackelt, um indigene Völker zu prellen. Oft geht es um politische Herrschaftsinteressen, Religion wird dann zum Instrument politischer Legitimation. Wir erleben das in Indien oder in Russland, aber auch im Nahen Osten.

domradio.de: Religionsfreiheit heißt ja auch das Recht auf Freiheit von Religion, also das Recht, mit einer atheistischen Weltanschauung zu leben oder eben sich gar nicht zu entscheiden. Ist das ebenfalls Thema für Sie?

Bielefeldt: Klar. Es heißt Freiheit zur Religion, Freiheit in der Religion, aber auch Freiheit von der Religion. Und im Übrigen heißt es ja auch Weltanschauungsfreiheit - also ein weit gespanntes Recht. Es geht um die identitätsstiftenden, die ganz existenziellen Grundüberzeugungen von Menschen und die Möglichkeit des Menschen auch ihr Leben danach einrichten können.

domradio.de: Leben danach einrichten…?

Bielefeldt: Das hat auch mit Feiertagsregelungen, mit Speisevorschriften oder der Kleidung zu tun. Es gibt da ganz komplexe und vielfältige Konfliktlagen. Man hat eine Menge zu tun in dem Feld.

domradio.de: Wo gibt es Handlungsbedarf in Deutschland? Sie haben mal gesagt: Die Kirchenstruktur gehört durchgelüftet. Was meinen Sie damit?

Bielefeldt: Das ist nicht militant gemeint. Ich glaube, dass das deutsche Modell eigentlich eine Menge Vorteile hat. Wir müssen es nur updaten - nämlich so, dass es der realen Vielfalt hier in Deutschland besser gerecht wird.

domradio.de: Was meinen Sie damit konkret?

Bielefeldt: Ich meine etwa die Präsenz des Islams in Deutschland, aber auch die wachsende Gruppe von Konfessionslosen. Aber auch im Bereich der Freikirchen hat sich in den letzten Jahren einiges entwickelt. Ich will an die Strukturen gar nicht mit dem Hackebeil ran. Aber ich will eben ein bisschen durchlüften, damit nicht der Eindruck entsteht, es gehe nur um die Privilegierung traditionell dominanter Religionsgruppen.

domradio.de: Was heißt denn genau "durchlüften", haben Sie ein Beispiel?

Bielefeldt: Es gibt einfach Handlungsbedarf.  Etwa Projekte im Kontext des islamischen Religionsunterrichts. Das ist ja ein Beispiel, wo die Dinge - wenn auch sehr zäh - voran gebracht werden. In dem Sinne ist immer Handlungsbedarf. Aber ich muss auch sagen, da steht Deutschland recht gut da in der Welt.

domradio.de: Wäre eine Welt ohne Religion friedlicher?

Bielefeldt: Um Gottes Willen. Nein. Vor allem wäre eine Welt ohne Religion nicht menschlich. Menschen sind Wesen, die sind nun Mal einigermaßen kompliziert. Und sie suchen nach Sinn und nach Orientierung. Sie finden Antworten in den Religionen. Manchmal sind das sehr engherzige Antworten, manchmal auch weite. Eine Welt ohne Religion kann ich mir nicht vorstellen. Das wäre eine sehr merkwürdige Welt, in der ich nicht leben möchte.

Das Interview führte Verena Tröster.

(dr)

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