24.02.2017

Juden und Muslime in vielen bioethischen Fragen einig Abtreibungen bis zum 40. Tag der Schwangerschaft möglich

Reproduktionsmedizin, Sterbehilfe, der Beginn des Lebens und lebensverlängernde Maßnahmen - bei einer Diskussion in Berlin wurden Gemeinsamkeiten zwischen Juden und Muslimen deutlich.

Knapp zwei Wochen ist es her, dass die deutschen Katholiken und Lutheraner nach acht Jahren Diskussion eine gemeinsame Stellungnahme zu bioethischen Fragen veröffentlicht haben. Vor allem zu Sterbehilfe und Geburtsmedizin haben die Christen unterschiedliche Ansichten. Islamische und jüdische Theologen sind sich dagegen in vielen Fragen einig, wie in einer Diskussionsveranstaltung am Donnerstagabend im Jüdischen Museum Berlin deutlich wurde.

Offen gegenüber der modernen Reproduktionsmedizin

"Das Judentum ist sehr pro-natalistisch, also für Familien und Kinder", sagte die Theologin und Ärztin Laurie Zoloth dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Thora fordere von den Menschen, mindestens zwei Kinder zu bekommen. "Seid fruchtbar und mehret Euch" sei als Verpflichtung zu verstehen, die insbesondere nach der Schoah sehr ernst genommen werde. Entsprechend groß sei die Offenheit gegenüber der modernen Reproduktionsmedizin. "Sogar die konservativsten Rabbiner werden Argumente für moderne Reproduktionstechnologie finden", sagte Zoloth.

Das sei aber nur deshalb möglich, weil das Leben nach jüdischer Auffassung erst mit der Geburt richtig beginne. So seien zum Beispiel Abtreibungen bis zum 40. Tag der Schwangerschaft erlaubt - also bis zu dem Zeitpunkt, von dem an der Embryo mit bloßem Auge als solcher zu erkennen sei. Ab dann habe er einen anderen Status, sei aber immer noch nicht so voll umfänglich Mensch wie zum Beispiel die Mutter.

Dem muslimischen Medizinethiker Ilhan Ilkilic zufolge ist diese Auffassung bei islamischen Theologen ebenfalls verbreitet. "Man kann in der islamischen Argumentation sowohl die jüdischen Argumente als auch die katholischen Argumente finden", sagte er. Entscheidend sei für die meisten Muslime der Zeitpunkt der Beseelung des Embryos, der je nach Interpretation am 40., 80. oder 120. Tag der Schwangerschaft angesetzt werde.

Präimplantationsdiagnostik und Stammzellenforschung seien demnach vor diesem Zeitpunkt möglich. Gelehrte, die Lebensschutz ab dem Tag der Befruchtung forderten, gebe es allerdings auch. Was die In-vitro-Fertilisation angehe, gebe es seine Einschränkung: "Sowohl die Eizelle als auch die Samen sollen von rechtsgültig verheirateten Ehepartnern stammen, und die befruchtete Eizelle soll in die Gebärmutter der Ehefrau implantiert werden", erklärte Ilkilic, der Mitglied im deutschen Ethikrat ist. Bei den Schiiten seien in Ausnahmefällen auch Keimzellenspenden Dritter möglich.

Crispr-Cas9-Methode

Bedenken gibt es von jüdischer wie islamischer Seite vor allem gegenüber Technologien, die eugenisch eingesetzt werden könnten. Dazu gehört die Crispr-Cas9-Methode, die erlaubt, einzelne Erbgutstränge auszutauschen und damit genetische Defekte zu beseitigen. Laurie Zoloth nannte für die Bedenken nicht nur theologische, sondern auch historische Gründe: "Wir leben in einer ungerechten Welt, die sehr wenig für Menschen übrighat, die anders sind." Gerade für Juden, die überall in Europa fast eliminiert wurden, sei die Frage der Rechtmäßigkeit eugenischer Maßnahmen fundamental.

Auch bei der Sterbehilfe wurden in dem Gespräch im Rahmen des jüdisch-islamischen Forums der W. Michael Blumenthal-Akademie Gemeinsamkeiten deutlich. Weil der Körper als Geschenk oder Leihgabe Gottes gelte, sei es aus beiden Perspektiven nicht zulässig, ihn selbst zu töten oder zu seiner Tötung beizutragen. Dschihadistische Selbstmordattentäter würden folglich nach klassischer islamischer Auffassung als Gotteslästerer gelten. Was die Bewertung des Todes und damit den Wert lebensverlängernder Maßnahmen anbelangt, stellen islamische und jüdische Zugänge sich hingegen sehr verschieden dar.

Im Judentum gibt es keine individuelle Auferstehung. Hier seien Islam und Christentum einander näher, erklärte Laurie Zoloth: "Ich hatte in der Klinik mit Eltern zu tun, die nach dem Tod ihres Kindes sagten, es sei jetzt bei Jesus oder an einem besseren Ort." Damit könnten Juden wenig anfangen.

Sophie Elmenthaler
(epd)

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