Lutherstadt Wittenberg
Das Verhältnis Luthers zum Judentum soll beim Reformationsgedenken 2017 nicht ausgeklammert werden.
Yakov Hadas-Handelsman, seit 2012 Botschafter des Staates Israel in der Bundesrepublik Deutschland, an seinem Schreibtisch
Hadas-Handelsman

28.08.2015

Israels Botschafter verlangt mehr Einsatz gegen Antisemitismus "Bekenntnisse der Kirchen reichen nicht aus"

Luther und die Juden - mit dem Antisemitismus des Reformators befasst sich am Sonntag und Montag eine Tagung. Schirmherr ist Israels Botschafter in Deutschland, Hadas-Handelsman. Er spricht im Interview über das Verhältnis von Christen und Juden.

Katholische Nachrichten-Agentur: Herr Botschafter, am Wochenende findet in Wittenberg die Tagung "Reformation und Israel" statt. Sie sind Schirmherr. Wie kam das?

Yakov Hadas-Handelsman: Zwei Dinge kommen hier zusammen: Das Jubiläum der Reformation im Jahr 2017 und die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland vor 50 Jahren. Wir wollten beides verbinden. Papst Franziskus hat bereits vor zwei Jahren die Juden als "ältere Brüder" der Christen begrüßt. Ich denke, es war an der Zeit, eine Veranstaltung mit den Kirchen zusammen zu machen.

KNA: Wie beurteilen Sie grundsätzlich die Beziehung zwischen Israel und den deutschen Kirchen?

Hadas-Handelsman: Die Beziehungen zwischen Judentum und Christentum waren aufgrund der Vergangenheit immer sensibel. Aber es gibt vieles, was in den vergangenen 50 Jahren zwischen Vertretern des Judentums und den Kirchen und auch zwischen Israel und dem Vatikan verwirklicht worden ist. Besonders Papst Franziskus setzt sich gegen Antisemitismus ein, wie aber auch schon einige Päpste vor ihm. Wenn es um Deutschland geht, gibt es aber immer diesen zusätzlichen Aspekt - den Holocaust, die Nazizeit. Das macht die Beziehung einzigartig. Und zur Vergangenheit gehören auch die deutschen Kirchen.

KNA: Reformator Martin Luther gilt in der Forschung teilweise als Wegbereiter des Antisemitismus. Wie ist das Bild Martin Luthers in Israel? Gilt er dort als Antisemit? 

Hadas-Handelsman: Luthers Antisemitismus hat mit Sicherheit die Beziehungen zwischen Christen und Juden beeinflusst. Das sehen wir bis heute. Wie Luther heute in Israel wahrgenommen wird, das wird die Tagung zeigen. 

KNA: Liberale und orthodoxe Rabbiner in den Niederlanden haben jetzt anlässlich des Reformationsgedenkens 2017 von der protestantischen Kirche eine Entschuldigung wegen der antisemitischen Äußerungen Luthers verlangt. Wäre so etwas auch in Deutschland wünschenswert?

Hadas-Handelsman: Eine Entschuldigung ist immer ein gutes Signal, besonders, wenn es um christlich-jüdische Beziehungen geht, vor allem in Deutschland. Wichtiger ist aber, dass sich diese Einstellung auch im Alltag durchsetzt.

KNA: Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hat kürzlich gesagt, dass Antisemitismus in der Mitte der deutschen Gesellschaft angekommen ist, dass es nicht nur Extremisten sind, die antisemitisch sind. Empfinden Sie das auch so?

Hadas-Handelsman: Laut einem Bericht des Bundestags ist jeder fünfte Deutsche latent antisemitisch. Das sehen wir besonders in sozialen Netzwerken oder im Internet allgemein, weil die Leute hier frei ihre Meinung äußern. Das Stereotyp "Die Juden sind immer schuld" - das existiert noch.

KNA: Müssten die Kirchen hier mehr tun?

Hadas-Handelsman: Ja, beide Kirchen sollten sich mehr engagieren im Kampf gegen Antisemitismus. Auch wenn Antisemitismus in offener Form nicht auf den ersten Blick auf deutschen Straßen zu sehen ist. Nicht nur im Interesse der Juden - sondern aus allgemeinen gesellschaftlichen Gründen. Niemand kann sagen, dass er von Rassismus und Ausgrenzung nicht irgendwann betroffen sein wird. Heute sind es die Juden, morgen jemand anders. Im 21. Jahrhundert darf es keinen Platz mehr dafür geben. Aber auch hier gilt: Bekenntnisse der Kirchen reichen nicht aus, Toleranz muss in den Gemeinden gelebt werden. 

KNA: Was ist für Sie die gemeinsame Basis zwischen Christen und Juden?

Hadas-Handelsman: Ich bin manchmal bei offiziellen Anlässen in Kirchen bei katholischen, evangelischen oder ökumenischen Gottesdiensten. Dann sehe ich wie ähnlich das alles ist - bei Juden und Christen. Es ist derselbe Gott. Ich habe noch nicht gehört, dass es einen katholischen Gott oder muslimischen oder jüdischen Gott gibt - Gott ist Gott. Auch ein großer Teil der christlichen Gebete stammt aus Psalmen, wir Juden sagen dasselbe - nur eben auf Hebräisch. Wir haben gemeinsame Wurzeln. Es gibt verschiedene Arten und Weisen Gott zu würdigen. Dabei kommt es darauf an, einander zu tolerieren und zu respektieren.

KNA: Apropos Toleranz - der neue Leiter des Jüdischen Museums in Berlin, Peter Schäfer, ist Katholik ...

Hadas-Handelsman: Warum auch nicht? Bei dieser Aufgabe spielt die persönliche Religionszugehörigkeit keine Rolle. Es geht nur darum, ob einer aufgrund seiner Fähigkeiten und seines Wissens her in der Lage dazu ist, diesen Posten auszufüllen - so wie Peter Schäfer.

KNA: Weltweit gibt es auch auf christliche Einrichtungen Anschläge - etwa jüngst auf die römisch-katholische Brotvermehrungskirche am See Genezareth ...

Hadas-Handelsman: Leider ist es so. Dieser Anschlag wurde von allen Politikern und Hauptrabbinern in Israel scharf verurteilt und strafrechtlich verfolgt. Die Täter konnten nach schnellen Ermittlungen der israelischen Polizei gefasst werden, sie müssen sich derzeit vor Gericht verantworten. Eine Gruppe Rabbiner hilft nun den Christen beim Aufbau ihrer Kirche. Was mich auch sehr berührt, ist die Christenverfolgung im Nahen und Mittleren Osten, die zur Zeit stattfindet. Dort sterben Menschen, da darf die Welt nicht tatenlos zuschauen. Es sind die ältesten christlichen Gemeinden, die assyrischen und die syrischen Christen, sie werden ermordet und vertrieben. Diese Urväter der Christen bilden eine direkte Verbindung zu Jesus und damit zum Judentum. Ihre Gebetssprache ist Aramäisch, in dieser Sprache ist auch der jüdische Talmud geschrieben. So eng hängen die Religionen dieser Welt zusammen. 

Nina Schmedding
(KNA)

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