Nach Brandanschlag in Tabgha
Nach Brandanschlag in Tabgha
Pater Nikodemus Schnabel
Pater Nikodemus Schnabel

23.06.2015

Benediktiner in Israel fordern Aufklärung nach Brandanschlag Konsequenzen statt schöner Worte

Trotz enormer Solidaritätsbekundungen fühlen sich die Benediktiner in Israel alleingelassen. Abteisprecher Pater Nikodemus fordert nach dem Brandanschlag auf das Kloster Tabgha konsequente Ermittlungen und Präventionsarbeit.

domradio.de: Sie halten engen Kontakt zu Tabgha, es gehört zu Ihrem Benediktinerpriorat. Wie geht es den Mitarbeitern und Mönchen vor Ort?

Pater Nikodemus Schnabel (Sprecher der Dormitio-Abtei in Jerusalem): Ich war selbst am ersten Tag vor Ort, um mir ein Bild zu machen. Der erste Tag war einfach nur schlimm, den kann man auch nicht schön reden. Um ungefähr 3.10 Uhr wurde ein Mönch durch diese Brandgeräusche geweckt. Wir reden nicht von einem kleinen Feuer, sondern von fünf Brandherden mit Brandbeschleunigern. Die Schäden sind wirklich enorm. Es treibt einem die Tränen in die Augen. Auch der Schock, dass zwei Menschen ins Krankenhaus mussten. Ein Mitbruder, der dieses Jahr 80 wird und eine junge Volontärin aus Deutschland mit 19 Jahren. Nach und nach verarbeiten wir, was da geschehen ist. Diese Brutalität sind wir nicht gewohnt. Wir sind zwar schon vieles gewohnt, aber das war eine neue Dimension.

domradio.de: Geht´s den beiden inzwischen besser?

Pater Schnabel: Es geht ihnen besser. Wir haben immer Jahresvolontäre, in dem Fall waren das sechs aus Deutschland, zwei aus den USA. Sie sind jetzt alle wieder zurück in ihren Heimatländern, die Zeit wäre eh vorbei gewesen. Das ist natürlich ein schlechter Abschluss, noch schlimmer wäre es gewesen, wenn die Volontäre ganz frisch da gewesen wären. Man hätte das dann abbrechen müssen. Solche Erlebnisse kriegt man nicht einfach weggesteckt.

domradio.de: Im Verdacht standen sofort radikale jüdische Siedler, hat sich der Verdacht bestätigt?

Pater Schnabel: Er hat sich weder bestätigt noch widerlegt. Ich meine dieser Verdacht ist aufgekommen von der Polizei und der israelischen Öffentlichkeit. Wir selbst als Mönche haben niemanden verdächtigt. Das tun wir nie. Wir sagen immer, wir sind hier um zu beten. Ermitteln sollen die staatlichen Stellen, aber weil es die hebräische Inschrift gab… Wir haben immer wieder mal hebräische Hassinschriften, auch schon in Jerusalem gehabt und wir kennen die Erfahrung als Mönche, dass radikal national religiöse jüdische Jugendliche vor uns ausspuken, uns verbal verfluchen, Graffitti sprühen. Das Grundphänomen antichristlicher Gewalt von diesen ultranational Religiösen ist nicht neu. Deswegen war es auch nicht unlogisch in diese Richtung zu suchen. Was uns bitter aufstößt: Es gab große Solidarität in den letzten Tagen, viele Minister aus Israel waren da, es gab eine klare Stellungnahme vom Oberrabbinat, von vielen Politikern, von Drusen, von den Muslimen, von den ganzen Christen, der Staatspräsident Riflin hat sogar unseren Abt angerufen, Netanjahu hat sich sehr klar geäußert. Die Worte haben gut getan, aber jetzt ist Dienstag. Der Brandanschlag war am Donnerstag. Es gibt bis heute immer noch keine Ergebnisse, wer das getan hat und nicht nur eben bei diesem Anschlag, sondern wir hatten letztes Jahr einen Brand in Dormitio, der bis heute nicht aufgeklärt ist. Wir hatten im April letzten Jahres Verwüstungen in Tabgha, an unseren Freiluftaltären direkt am See - auch da ist nichts aufgeklärt worden und vor zwei Jahren wurden zwei Autos ganz schwer beschädigt, auch da ist nichts aufgeklärt. Vor zwei Jahren wurden uns Überwachungskameras auf dem Zion versprochen, die sind bis heute nicht da. Wir sind ein bisschen gebrannte Kinder. Wir hören die Worte gerne, aber wir würden gerne auch Ergebnisse sehen.

domradio.de: Heute Abend gibt es für die Dormitio-Abtei Unterstützung aus Deutschland. Das Bundestagspräsidium reist aus Berlin nach Israel, Anlass sind 50 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Israel und Deutschland. Was erhoffen Sie sich denn von diesem Besuch?

Pater Nikodemus Schnabel: Ich glaube eine neue Ernsthaftigkeit. Wir hatten ja die Gnade in der Ungnade, dass an dem Tag des Brandanschlags deutsche Bischöfe und deutsche Rabbiner da waren, auch der deutsche Botschafter. Auch der Zentralrat der Juden hat sich sehr klar geäußert. Das hat uns sehr gut getan. Ich glaube, dass die deutschen Politiker als eine der engsten und wichtigsten Verbündeten und Freunde Israels auch im guten und im freundschaftlichen Sinn Israel sagen können, wir sind in Sorge. Es geht ja nicht nur um uns Mönche, wir sind freiwillig hier. Ich bin zum Beispiel 2003 eingetreten, da sind hier Busse hochgegangen, Cafés in die Luft gesprengt worden. Ich weiß, worauf ich mich hier einlasse, aber wir haben ja Verantwortung für junge Menschen, die bei uns im Studienjahr studieren, für die Pilger und Gäste.

Das ist etwas, wo wir als Deutsche gegenüber Israel auch sagen können: Bitte, so wie ihr zu Recht erwartet, dass wir jüdische Einrichtungen in Deutschland optimal schützen - weil wir wissen, es gibt leider Wirrköpfe, die Antisemiten sind und leider ist es immer noch ein Phänomen in Deutschland, was wir nicht wegbekommen, aber das können wir auch klar benennen - so wünsche ich mir auch, dass von israelischer Seite gesagt wird, ja, leider haben wir auch Splittergruppen bei uns, die antichristlich eingestellt sind und wir schauen mit aller Konsequenz hin, dass wir christliche Einrichtungen schützen.

Das eine ist, diese Leute gefangen zu nehmen und vor den Richter zu führen, wichtiger ist ein früheres Ansetzen in der Bildung. Es ist immer noch ein Problem, dass im israelischen Bildungssystem das Christentum zweimal vorkommt: in der Schule einmal im Rahmen der Kreuzzüge und einmal im Rahmen der Schoah, also des Holocausts. Da würde ich mir auch wünschen, dass vielleicht so eine Erklärung wie "Nostra Aetate" bekannter wird und dass auch ein positives Bild vom Christentum gezeichnet wird.

Wir haben natürlich eine schwarze Geschichte und wir können ja auch als Christen hier im Land sehr offen und klar benennen, dass der Antisemitismus seine Wurzeln im christlichen Antijudaismus hat. Darum bitten wir auch um Vergebung, nur mindestens seit 50 Jahren muss man uns doch zugestehen, dass das Christentum und Kirche dazu gelernt haben. Das würde ich gerne gewürdigt sehen und dass es auch die jungen Israelis wissen.

Das Interview führte Mathias Peter.

(dr)

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