Hans Küng neben seiner Büste in Tübingen, 2005
Hans Küng neben seiner Büste in Tübingen, 2005
Professor Georg Essen
Professor Georg Essen

07.04.2021

Theologe Essen über seine Begegnungen mit Hans Küng "Der Bildungshorizont hat mich fasziniert"

Der Tod Hans Küngs bewegt die katholische Welt. Der Berliner Theologieprofessor Georg Essen kannte Küng aus persönlichen Begegnungen, und würdigt einen kritischen aber loyalen Denker. Küng sei sogar Wegbereiter für den Synodalen Weg.

DOMRADIO.DE: Sie sind Hans Küng mehrmals begegnet. Was hat Sie besonders an ihm fasziniert?

Georg Essen (Professor für Systematische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin): Ich habe ihn einige Male, wenn ich in Tübingen war, in Vorlesungen gehört, noch als Student und dann als Assistent. Das war sehr beeindruckend. Zum letzten Mal, als ich in Nimwegen an der Universität war, das war 2006/2007 bei einem Vortrag über sein Weltethos-Projekt, das war schon faszinierend. Dieser Bildungshorizont hat mich immer wieder unglaublich fasziniert.

DOMRADIO.DE: Was haben Sie mit ihm unter vier Augen besprochen?

Essen: Das kann ich ruhig sagen. Ich hatte ihn vom Flughafen abgeholt und ich habe mich damals sehr stark mit Fragen der Christologie beschäftigt. Da haben wir über seine, wie ich finde, wichtigsten Bücher gesprochen. Das ist einmal "Menschwerdung Gottes", ein ganz frühes Buch von ihm und "Christ sein". Wir haben über die Debatten damals gesprochen, wie sie sich verändert haben. Er war sehr neugierig, vielleicht nicht ganz uneitel. Und ob er denn immer noch in der Forschung präsent ist? Das waren so die Themen.

DOMRADIO.DE: Den meisten Menschen wird Hans Küng auch deshalb bekannt sein, weil der Vatikan ihm seine Lehrerlaubnis entzogen hat. Worum ging es da?

Essen: Ich denke, es kamen verschiedene Dinge zueinander. Das eine ist, und damit wurde es auch offiziell begründet, sein viel beachtetes Buch "Unfehlbar? - eine Anfrage". Das spielte mit Sicherheit eine große Rolle. Darum gruppieren sich einige Publikationen von ihm zur Kirche, Kirchenreform, Änderungen der Kirche bis hin zum Zölibat und so weiter. Dann aber spielt in der Tat auch die Frage der Christologie eine Rolle, gerade in seinem Buch "Christ sein", wo er eine völlig andere Hinsicht auf Jesus Christus als wahrer Mensch und wahrer Gott vorgelegt hat. Er hat ihn einen Stellvertreter Gottes genannt. Das ist natürlich eine andere Sprache als die Sprache des Dogmas gewesen.

DOMRADIO.DE: Obwohl er ja von der Amtskirche nicht gerade mit Samthandschuhen angefasst wurde, ist er Priester geblieben und hat sich weiterhin als loyalen Theologen gesehen. Wie erklären Sie sich das?

Essen: Wenn man auf den ganz frühen Hans Küng schaut, der in Rom studiert hat, was er auch in seiner Biografie geschrieben hat, wird glaube ich klar, dass er so tief in einem Katholizismus verankert gewesen ist, auch in der privaten Frömmigkeit und in seiner Identität als Priester. Die Frage, die heute viele Menschen umtreibt "Soll ich nun aus der Kirche austreten? Eigentlich bin ich draußen. Warum bleibe ich noch hier?" wurde in dem Sinne zwar immer als Frage von ihm aufgeworfen, aber er ist wirklich ganz fest in seinem katholischen Glauben verankert geblieben.

DOMRADIO.DE: Hans Küng ist 2005 von Papst Benedikt XVI. empfangen worden. Welche Verbindungen hatten die beiden Theologen?

Essen: Das sind ja sozusagen die jungen Wilden im Umfeld des Zweiten Vatikanischen Konzils gewesen. Sie sind beide als Jungspunde, kaum älter als 30 Jahre, in Rom im Zweiten Vatikanischen Konzil dabei gewesen. Sie waren sozusagen treibende Kraft und Unruheherde und von daher kannten sie sich. Außerdem war Hans Küng damals schon mit 32 Jahren Professor an der Theologischen Fakultät in Tübingen und hat den jungen Ratzinger auch nach Tübingen geholt.

DOMRADIO.DE: Zusammen mit Joseph Ratzinger gilt Hans Küng als einer der bekanntesten und renommiertesten Theologen des 20. Jahrhunderts. Was meinen Sie, was wird von seiner Theologie bleiben?

Essen: Von der Theologie von Hans Küng, lassen wir die Fachdiskussion, halte ich nach wie vor sein großes Buch über Karl Barth "Die Rechtfertigungstheologie - Ein Meilenstein in der Ökumene" und die Christologie als sehr wichtig. Ich denke, es bleibt in jedem Fall das Weltethos-Projekt. Das ist unter Globalisierungsmaßstäben heute noch aktueller, als es vielleicht vor 15 Jahren vor der Gründung gewesen ist. Und man sieht natürlich auch die Agenda etwa des Synodalen Weges und aller Reformanstrengungen der katholischen Kirche. Keins von seinen damaligen Büchern zur Kirchenkrise, zur Kirchenreform hat an Aktualität verloren.

Das Interview führte Carsten Döpp.

(DR)

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