Leere Stühle in einer Kirche
Leere Stühle in einer Kirche
Sr. Dr. Christiana Reemts OSB
Sr. Dr. Christiana Reemts OSB

16.02.2021

Gastkommentar von Äbtissin Christiana Reemts OSB Zwischen allen Stühlen?

Liberal? Konservativ? Modern? Traditionell? Die Benediktiner-Äbtissin Christiana Reemts tut sich schwer mit diesen Begriffen und findet: Christen sollten mit offenen Herzen und offenen Ohren auf die Botschaft Jesu hören. 

Meine Eltern waren linke Sozialdemokraten, daher spielte bei uns die Partei die Rolle, die in anderen Familien die Gemeinde spielt. Als ich Abitur machte und anfing zu studieren, betrachtete ich mich als linke Feministin und fand die Beziehung von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre als ein Modell, das ich mir auch für mich selbst vorstellen konnte.

Als ich zum Glauben fand, tat sich mir eine neue Welt auf und ich habe viele Jahre damit verbracht, immer tiefer in die abendländische Theologie und Philosophie einzudringen - mit steigender Faszination. Ich habe die Bibel gelesen und versucht zu verstehen, was Gott mir sagen will. Es war mühsam, meine Vorurteile abzulegen und wirklich zuzuhören. Aber es hat sich gelohnt, meine jetzige Welt ist unendlich reicher.

Sind wir denn verrückt?

Wer im Deutschland des 21. Jahrhunderts glaubt, dass in der Bibel wirklich der lebendige Gott zu uns spricht, kann nichts anderes erwarten, als dass die Umwelt ihn für verrückt hält. Wer glaubt, dass Jesus Christus von den Toten auferstanden ist und dass wir in der Messe seinen auferstandenen Leib empfangen, gehört zu einer sehr kleinen kognitiven Minderheit und wird das auch immer wieder schmerzhaft erfahren. Sobald man aber bewusst als Teil der Kirche lebt, weitet sich der Horizont und man begreift, wie viele es sind, die den selben Weg gehen oder gingen.

Warum wird man Christ und warum bleibt man es in der katholischen Kirche? Die Antwort ist sehr einfach: Nur Jesus kann uns etwas von Gott sagen, weil nur er ihn kennt, und nur in der Kirche wird das Evangelium Jesu Christi unverfälscht weitergegeben. Selbst auf dem Hintergrund von all dem, was man der Kirche vorwerfen kann, von den Kreuzzügen angefangen über die Hexenverbrennungen bis zum Missbrauch, wage ich zu sagen: Ich habe von der Kirche alles empfangen, was mein Leben reich und glücklich macht, sie hat mir eine geistige Weite und Freiheit geschenkt, die ich sonst nirgends fand. Die Kirche ist für mich die Institution, die sich in allen theologischen Auseinandersetzungen, die es in der Geschichte gab, immer für die schwierigere Variante entschieden hat und damit für die Lehre, die das Geheimnis Gottes besser bewahrte.

Gott fährt keinen Kuschelkurs

Ich erwarte von meinem Glauben nicht in erster Linie, dass er mich tröstet, mir Kraft gibt oder mich beruhigt. Gott ist kein Medikament, keine Tankstelle und ein Gottesdienst ist keine Yoga-Übung und auch keine Zen-Meditation. Wenn ich aus der Kirche komme und die gehörten Texte mich nicht schlafen lassen, muss nichts schief gelaufen sein. Gott ist der ganz Andere, warum sollte sein Wort und sein Anspruch für mich eine leichte Kost sein? Ist nicht viel eher zu erwarten, dass mir Forderungen begegnen, denen ich ausweichen möchte?

Von der Kirche erwarte ich, dass sie mir den Anspruch Gottes vor Augen hält, wenn ich versuche, meine eigenen Überzeugungen an Stelle des Evangeliums zu setzen, dass sie mich zwingt, immer wieder gegen die Versuchung zu kämpfen, Gott auf mein Maß zurechtzustutzen und einen Götzen aus ihm zu machen. Den Kampf des Glaubens finde ich auch nach vielen Jahren noch mühsam, extrem herausfordernd und gleichzeitig immer neu faszinierend. Die Kirche hilft mir in diesem Kampf durch die Werke der großen Theologen und Heiligen der Vergangenheit.

Was fehlt?

Was mir aber manchmal fehlt, sind Menschen, die diesen Weg der Gottsuche in der Gegenwart mitgehen. Es ist zur Zeit schwer, in der Kirche Gesprächspartner zu finden, die nicht schon von vornherein wissen, wer Gott ist und das er will, sondern bereit sind, ihn hörend zu suchen.

Zur Zeit sehe ich unser Kloster und auch mich selbst zwischen allen Stühlen. Das ist eine relativ ungemütliche Position. Die Progressiven finden uns hoffnungslos altmodisch, die Konservativen lehnen uns ab, weil wir nicht die tridentinische Messe feiern. Dabei wollen wir im Grunde nur eins: Katholisch sein, dasselbe glauben wie Paulus, Origenes, Athanasius, Augustinus, Thomas von Aquin, John Henry Newman, Hans Urs von Baltasar und Gott immer tiefer verstehen.

Christiana Reemts OSB

Zur Autorin: Schwester Dr. Christiana Reemts ist seit 2005 Äbtissin des Benediktinerinnenklosters Mariendonk im Bistum Aachen. Ihre Gedanken veröffentlicht sie regelmäßig in ihrem Blog

(DR)

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