Wie muss sich Kirche hinsichtlich der steigenden Austrittszahlen verändern?
Wie muss sich Kirche hinsichtlich der steigenden Austrittszahlen verändern?

21.01.2020

Wie die Kirche Austritte verhindern kann Kirchenmitglied auf Probe?

Der Jurist Bernhard Schlink hat vorgeschlagen, Kirchenaustritte künftig im Pfarrbüro anzumelden. Für den Theologen Björn Szymanowski ist das eine gute Idee. Allerdings sollte die Kirche früher mit Gläubigen reden und Alternativen anbieten.

DOMRADIO.DE: Der Vergleich hinkt, aber wenn man ein Netflix-Abonnement oder eine Zeitschrift kündigen möchte, will man möglichst wenig Aufwand haben. Am besten ist, es geht schnell und ohne persönlichen Kontakt zum Anbieter. Sehen die Menschen, die aus der Kirche austreten, das ähnlich?

Björn Szymanowski (Zentrum für angewandte Pastoralforschung der Ruhr-Uni-Bochum): Ja, das ist mit Sicherheit so. Man darf nicht vergessen, dass der Kirchenaustritt eine ganz bewusste Entscheidung zur Distanzierung von der Kirche ist. Wenn es digitale Möglichkeiten gäbe, den Kirchenaustritt zu erklären, würde das mit Sicherheit auch genutzt werden. Das ist zweifelsfrei so. 

Zunächst ist der Vorschlag von Herrn Schlink sehr sympathisch. Er hat mit Sicherheit seine Vorteile. Netflix ist aber nun mal ein anderes Unternehmen als die Kirche. Es ist pastoral von großem Wert, mit Leuten ins Gespräch zu kommen, die austreten wollen. Wir verkennen da allerdings – glaube ich – vor allem zwei Gründe, die besonders gegen den Vorschlag von Herrn Schlink anzubringen sind. Das ist einmal ein theologischer und einmal ein staatskirchenrechtlicher Grund.

DOMRADIO.DE: Können Sie uns die Gründe näher erläutern?

Szymanowski: Theologisch – genauer ekklesiologisch-kirchenrechtlich – ist es eigentlich gar nicht möglich, aus der Kirche auszutreten. Das hängt mit der Taufe zusammen. Durch die Taufe, so sagt man, erhält man ein unauslöschliches Prägemal. Man kennt den Spruch: einmal getauft, immer getauft. Das Zweite Vatikanische Konzil hat das sehr deutlich gemacht. Wenn der Einzelne alle Bande zur katholischen Kirche trennt, steht er nicht außerhalb der Kirche Christi. Es gibt so etwas wie einen unverlierbaren Charakter der Mitgliedschaft. Das ist etwas anderes als bei Netflix. Das hat aber auch seinen theologischen Grund. Das ist keine kirchliche Übergriffigkeit, sondern eine ganz zentrale Vorstellung innerhalb der Heilslehre, die dahinter steht. Gott nimmt unter keinen Umständen seine Heilszusage zurück. Das hat, wenn Sie es weiterdenken, eben auch eine große Konsequenz. Theologisch gibt es so etwas wie einen Kirchenaustritt gar nicht. Bei Netflix kann man sich das sehr gut vorstellen. Da gibt es ein Abo, das man kündigen kann und dann ist gut.

Die Kirche hat eine andere Logik. Das Kirchenrecht beispielsweise kennt das Phänomen Kirchenaustritt gar nicht. Ich glaube, dass ist diese theologische Schwierigkeit, die sich aus dem Vorschlag von Herrn Schlink ergibt, also der Widerspruch zu dieser systemimmanenten Logik von Kirche. Sie würden da einfach auch einen theologischen Befund einschränken. Das darf der Staat verfassungsmäßig gar nicht zulassen. Das ist, glaube ich, ein wichtiger Grund.

DOMRADIO.DE: Der Jurist Bernhard Schlink sagt, dass es auch den Menschen, die austreten, um die persönliche Beziehung und das persönliche Gespräch geht. Sie haben letztes Jahr dazu eine Studie erstellt. Können Sie das bestätigen? 

Szymanowski: Der Austritt selbst ist immer ein Zeichen, dass man sich von der Kirche distanziert. Man darf nicht vergessen, bis dahin ist es ein langjähriger Prozess, in dem sich viele Gedanken darüber gemacht haben. Ich glaube, es gibt bessere Situationen, um mit den Gläubigen zu reden, als kurz vor dem Austritt. Ich denke da an Beschwerdemanagement, mit dem kirchliche Beschwerdestellen eingerichtet werden, wo man Dampf ablassen kann und Missstände systematisch beheben kann – schon im Vorfeld. Ich glaube, dass dieser Akt - gerade dieser formalrechtliche Akt des Kirchenaustritts - ganz anders belegt ist. Die Studien zeigen auch, dass es einen Auslöser gibt. Irgendwann ist man so weit weg von Kirche, dass man nur noch raus möchte. Das ist ein gewisser Lebensprozess, der durchlaufen wird.

Diese Logik muss man auch wertschätzen. Man muss anerkennen, dass es die Entscheidungen der einzelnen Personen sind. Man darf nicht in eine Kontrollfunktion von Kirche hineingeraten – ob das jetzt von außen nur attestiert wird oder Wirklichkeit ist. Sonst steht eine wichtige Perspektive auf dem Spiel - die negative Religionsfreiheit. Der Staat muss es garantieren, sie ist verfassungsrechtlich normiert. Dafür gibt es ganz bestimmte Eintritts- und Austrittsregeln. Beim Eintritt regelt es die Kirche selbst und das ist auch gut so. Es ist ein formaler Ausdruck der positiven Religionsfreiheit. Das heißt, die Kirche darf ihre inneren Angelegenheiten selbst regeln, sofern sie dem Grundgesetz nicht widersprechen.

Bei einem Austritt ist das anders. Das macht der Staat, es gibt eine bürgerliche Wirkung. Es hat aber keine innerkirchlichen Einflüsse. Das hat auch seinen Sinn, weil der Staat die Glaubens- und Gewissensfreiheit garantiert. Das heißt, der Staat sichert zu, dass man auch "Nein" zur Religion sagen kann. Das ist im Moment des Austritts ein ganz wichtiges Element, gerade weil wir in den Studien Gründe gefunden haben, wo etwa auch Zwangserfahrungen in der Jugend mit reinspielen. Um diesen Eindruck zu vermeiden, ist es wichtig, dass hier ganz klare Regeln auch staatlicherseits getroffen werden. Gerade insofern, als dass die negative Religionsfreiheit eben ein sehr verletzliches Gut ist.

DOMRADIO.DE: Abgesehen vom formalen Akt – ein Kirchenaustritt ist ja, wie Sie schon sagten, meistens nicht nur kurz überlegt.

Szymanowski: Der Kirchenaustritt ist keine gesellschaftliche Konvention, er ist immer mit einer bestimmten Hemmschwelle verbunden. Das sagen auch viele der Austrittswilligen, dass es sowohl familiär, gesellschaftlich und auch allgemein eben keine Normalität ist. Diese Hemmschwelle zu überschreiten ist an sich schon ein großes "Wagnis". Jetzt stellen Sie sich vor, Sie müssten einen Kirchenaustritt vor der kirchlichen Stelle erklären, da geht die Hemmschwelle noch mal um ein Weiteres nach oben. Das ist eine Möglichkeit, da stimme ich Herrn Schlink zu, mal Dampf abzulassen und das Gespräch zu suchen. Vielleicht ist der Austritt, und das zeigen auch die Studien, manchmal einfach nur ein Zeichen von Unzufriedenheit.

Aber im Endeffekt darf man auch nicht verkennen, dass viele Menschen negative Erfahrungen mit Kirche machen. Das zeigen die Studien ganz genauso: vom Stress mit dem Pfarrer und leider auch viele Fälle von sexualisierter Gewalt. Stellen Sie sich vor, Sie müssen einen Kirchenaustritt vor einer kirchlichen Stelle erklären. Da wird der Vorschlag höchst problematisch, weil er dazu führt, die Hemmschwelle des Austritts zu steigern – und damit wird die negative Religionsfreiheit eben auch infrage gestellt.

DOMRADIO.DE: Könnte man sich denn etwas von diesem Abo-Modell, wie es beim Streamingdienst Netflix existiert, als Kirche etwas abschauen?

Szymanowski: Mit Sicherheit. Das ist ja auch alles nicht neu. Aber die Frage von gestaffelten Mitgliedschaftsbeiträgen, auch wenn es die bei Netflix nicht gibt, ist interessant. Dort gibt es ja den Probemonat. Also die Möglichkeit, einfach mal rein zu schnuppern in diese Institution und sich nicht "auf Lebzeit" zu binden. Das ist natürlich auch eine Aufgabe, die die Kirche übernehmen muss. Zu sagen: Wir haben hier etwas, für das es sich lohnt, Mitglied zu sein und mitzumachen. 

Das ist ein großes Potenzial, das Kirche hat. Auf der anderen Seite erfordert es aber auch große Anstrengungen. Man muss sich genau überlegen, wie wir eigentlich unseren Auftrag so passend verkündigen, dass die Menschen unser Abo sozusagen weiter beziehen würden. 

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)

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