Symbolbild Führung, Macht, Leitung
Symbolbild Führung, Macht, Leitung
Jesuitenpater Stefan Kiechle
Jesuitenpater Stefan Kiechle

03.12.2019

Macht und Leitungsverantwortung in der Kirche "Eine komplizierte Prozedur von Unterscheidungen"

Wie kann gute Leitung in der Kirche heute überhaupt aussehen? Pater Stefan Kiechle war Chef der deutschen Jesuiten und hat zu der Thematik das Buch "Achtsam und wirksam – Führen aus dem Geist der Jesuiten" geschrieben.

DOMRADIO.DE: Im Moment wird viel über Macht in der Kirche und Leitungsverantwortung diskutiert. Sie sagen, Macht ist gut und zugleich sehr riskant. Steckt in Macht immer die Gefahr von Missbrauch?

Pater Stefan Kiechle (Jesuitenpater und Autor): Macht ist zunächst die Möglichkeit, dass man seinen eigenen Willen gegen andere durchsetzen kann. Ob man das dann tut oder nicht, ist eine andere Frage. Und ob man das zu guten Zwecken tut oder zu schlechten Zwecken, ist auch eine andere Frage – bei schlechten Zwecken wäre es Machtmissbrauch. Ich glaube, dass jede Macht irgendwo den Menschen so prägt, dass es eine Versuchung auch zum Missbrauch gibt. Damit muss man ganz fest rechnen.

DOMRADIO.DE: Sie haben als ehemaliger Chef der deutschen Jesuiten viel Leitungserfahrung gesammelt. Was ist Ihre persönliche Hauptlehre, die Sie aus dieser Aufgabe mitgenommen haben?

Kiechle: Eine Hauptlehre – das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Eine wichtige Lehre ist zu kommunizieren – ehrlich und direkt und wahrhaftig über die Dinge zu reden. Eine weitere Lehre ist Realität ernst zu nehmen. Wenn es ein Problem gibt, hinschauen und hingehen und mit den Leuten reden und gucken, was man tun kann. Und man sollte nicht etwas verschweigen, vertuschen, verschieben, aufschieben, nicht ernst nehmen oder übersehen, damit man irgendwie den guten Schein wahrt.

DOMRADIO.DE: Sie geben ja auch Tipps, wie Führen aus dem Geist Ihres Ordens funktionieren kann. Ein wichtiges Stichwort ist da in dem Thema die sogenannte "Unterscheidung der Geister". Was bedeutet das für den kirchlichen Umgang mit Macht?

Kiechle: Das ist eine Lehre bei uns Jesuiten, die aus der Spiritualität kommt. Und das bedeutet zunächst einmal, dass man innere Regungen sehr ernst und ehrlich bei sich wahrnimmt. Zu betrachten sind also Gefühle, Gedanken, Stimmungen, die mich interessieren, locken, anziehen oder auch Dinge, die mich hindern vor irgendwas, wie Ängste und Bedenken. Dann kann man unterscheiden und bewerten: Was führt in eine gute Richtung und was nicht?

Da versucht man, nach bestimmten Kriterien und mit bestimmten Regeln dann herauszufinden, wo es langgeht. Und darin wirkt der Heilige Geist, der uns manchmal zu Dingen treibt, auch über unsere Gefühle und Gedanken hinweg. Aber man muss da unterscheiden, und man muss auch ein bisschen selbstkritisch und wachsam sein, damit man rauskriegt, wohin es gehen könnte mit den Institutionen, die uns anvertraut sind und mit den Menschen, für die wir Verantwortung haben, sodass wir da zu guten Entscheidungen kommen.

DOMRADIO.DE: Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Kiechle: Wenn ich als Jesuitenprovinzial, also als Chef sozusagen, Entscheidungen zu fällen habe, dann gilt es zum Beispiel zu überlegen: Wir werden immer weniger, wir müssen irgendwas machen. Machen wir eine Schule zu oder schließen wir eine Sozialeinrichtung für arme Leute? Dann muss ich unterscheiden, was das größere Gut, was das wichtigere Gut ist. Auch muss ich bedenken, wie es den Menschen geht, die betroffen sind. Was halte ich für wichtig und nicht, was ergibt welche Schwierigkeiten? Was kann vielleicht auf andere Weise besser weitergeführt werden und was nicht?

Das ist eine komplizierte Prozedur von Unterscheidungen, da spielen Argumente eine Rolle, aber auch Gefühle und Wertungen spielen eine Rolle. Und da kann man dann versuchen, in einem längeren Prozess hoffentlich auch partizipativ mit mehreren Leuten, zu einem guten Ergebnis zu kommen.

DOMRADIO.DE: Schauen wir mal auf die Strukturen. Macht wird in der Kirche ja fast ausschließlich von Männern ausgeübt. Wie kann man unter solchen Umständen dennoch gut leiten und Fehler, wie sie in der Vergangenheit beim Thema Missbrauch passiert sind, vermeiden?

Kiechle: Alte Fehler, die bei Missbrauch passieren, das gibt es bei Männern und bei Frauen, da würde ich jetzt nicht so den großen Unterschied sehen. Dennoch: In der Kirche wird ganz viel von Männern regiert. Das hängt natürlich mit dem Priesteramt zusammen und mit anderen strukturellen Sachen. Da wäre es schon sehr hilfreich, wenn wir auf Dauer da etwas verändern können, dass mehr Frauen mit in Führungsaufgaben kommen.

Und ich habe die Erfahrung gemacht: Immer wenn in Leitungsgremien Männer und Frauen zusammensitzen, ist das viel besser und viel anregender, als wenn das nur Männer sind. Und ähnlich wird es auch sein, wenn es nur Frauen sind. Das kenne ich jetzt weniger, weil der Jesuitenorden ein Männerorden ist. Aber ich vermute, eine Mischung der Geschlechter ist immer besser und hilfreicher. Und daran muss die Kirche arbeiten.

DOMRADIO.DE: Was könnten Sie sich da vorstellen, in welchen Positionen Frauen vielleicht dann sein könnten?

Kiechle: In Beratungsgremien sowieso, aber vielleicht auch in Entscheidungsgremien mehr und mehr. Das kann in Bistümern sein. Das kann auch in Sozialeinrichtungen sein, in der Caritas. Überall könnten Frauen da mehr Aufgaben kriegen. Bestimmte Positionen, zum Beispiel das Bischofsamt, sind ja Männern vorbehalten. Ob es da auf Dauer eine Änderung gibt? Ich fände das sehr wünschenswert, wenn man da hinkommt. Aber das ist sicher noch ein langer Weg.

DOMRADIO.DE: Morgen und übermorgen nehmen Sie an einem kirchlichen Strategiekongress zum Thema Macht teil. Beim Synodalen Weg der deutschen Bistümer geht es ja auch um Macht und Gewaltenteilung. Sehen Sie die Kirche auf einem guten Weg beim Thema Umgang mit Macht oder sind die Schritte da Ihrer Meinung nach noch zu zaghaft?

Kiechle: Ob der Synodale Weg wirklich etwas voranbringt, das muss man sehen. Ich bin vorsichtig optimistisch, aber habe natürlich auch meine Fragen. Wenn da nur Lobbygruppen, die immer schon genau vorher wissen, was sie wollen, nur gegeneinander kämpfen, dann bringt das erst einmal gar nichts. Aber ich bin doch voller Hoffnung, dass ein guter Dialog etwas bringen kann.

Das Interview führte Michelle Olion.

(DR)

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