Kreuzverhüllung in der Fastenzeit
Kreuzverhüllung in der Fastenzeit
Albert Gerhards
Professor em. Albert Gerhards
Kreuzweg durch die Via Dolorosa
Karfreitag ist ein stiller Feiertag
Karfreitag ist ein stiller Feiertag

19.04.2019

Die einmalige Liturgie am Karfreitag Karg und asketisch

Der Karfreitag steht ganz im Zeichen des Leidens und des Todes Christi am Kreuz. Die Liturgie ist dabei eine ganz besondere und einmalig im Kirchenjahr. Der Liturgiewissenschaftler Albert Gehards erklärt im Interview, wie es dazu gekommen ist.

DOMRADIO.DE: Besonders auffallend an Karfreitag ist die Verhüllung des Kreuzes in den Kirchen mit einem violetten Tuch. Enthüllt wird das Kreuz dann zur Verehrung. In vielen Gemeinden läuft man den Leidensweg Jesu ab und betet den Kreuzweg. Das Kreuz steht als Symbol an diesem Tag schon im Mittelpunkt, oder?

Prof. Albert Gerhards (Emeritierter Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn): Ja. Das hängt natürlich damit zusammen, dass Jesus durch den Kreuzestod gestorben ist und das Kreuz sehr bald auch als Symbol verwendet worden ist. Bei Paulus schon in den frühesten Schriften des Neuen Testaments hat das Kreuz bereits eine ganz starke Bedeutung. Paulus sagt den Heiden eine Torheit, den Juden ein Ärgernis und den Christen aber Gottes Kraft, Wahrheit und Weisheit voraus. Hier kommt natürlich auch das Widerständige des Kreuzes heraus, was schon im Symbol des Kreuzes liegt, also ganz außerhalb des Marterinstruments, sondern schon im symbolischen Zeichen des Kreuzes und natürlich in der Kreuzes-Theologie, die jede Art von klassischem Gottesbild, klassischer Religiosität im wahrsten Sinne durchkreuzt.

DOMRADIO.DE: Beim Thema Kreuzverehrung denkt man schnell auch an die Geschehnisse um das 4. Jahrhundert herum, als Kaiserin Helena das Kreuz Jesu auffand. Auch damals wurde der Karfreitag schon begangen, oder?

Gerhards: Da noch nicht. Erst im 4. Jahrhundert nach der konstantinischen Wende entfaltet sich in Jerusalem die Feier der drei Tage. Man orientiert sich an der Chronologie der Evangelien und geht nun den Leidensweg Jesu buchstäblich nach und feiert zu den Zeiten an den Orten, an denen man sich Jesus besonders nahe fühlt, die besonderen Gegebenheiten des Leidens und der Auferstehung Jesu.

DOMRADIO.DE: Damals war dann ganz Jerusalem, also der Stadtraum, liturgischer Raum?

Gerhards: Ja. Das ist schon in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts ersichtlich geworden. Es gibt eine berühmte Quelle einer spanischen Ordensfrau, einer Nonne, die wohl aus kaiserlichem Haus stammte und alle Privilegien hatte und darum auch im ganzen heiligen Land herumreisen konnte und sehr ausführlich ihren Mitschwestern in Spanien berichtet, was sie da erlebt hat. Und das war da schon, etwa in den 80er Jahren des 4. Jahrhunderts eine sehr reich entfaltete Liturgie, in der in der Tat ganz Jerusalem und an Weihnachten auch Bethlehem liturgischer Raum war.

DOMRADIO.DE: Aber an Karfreitag herrscht doch liturgisch eigentlich ein Purismus vor.

Gerhards: Das ist ja gerade das Spannende, dass der Karfreitag durch das Fehlen an Prunk, an äußerer Entfaltung seine eigene Prägung, seine eigene Stärke erweist. Keine Liturgie beginnt so, wie an Karfreitag einfach mit einer Stille, wobei sich die Priester oder Liturgen niederwerfen und dann in die Stille hinein nur ein Gebet gesprochen wird. Es beginnt mit den Lesungen und erst nach der ersten Lesung erfolgt ein erster Gesang. Auch die Gesänge sind sehr spärlich und nicht durch Instrumente unterstützt. Es ist eine bewusst karg und asketisch gehaltene Liturgie, die aber auch in ihren Zeichen dadurch besonders stark wirkt.

DOMRADIO.DE: In den 1950er Jahren hat sich einiges geändert. Der Ruf nach einer größeren Einbeziehung der Gläubigen wurde laut. Was genau ist da passiert? 

Gerhards: Die Karliturgie der römischen Kirche besteht nicht nur aus den großen Liturgien - dem Abend des Gründonnerstags, dem Mittag an Karfreitag und der Osternacht -, sondern diese drei Feiern sind eingebettet in ein System von Stundengebets-Liturgien. Und diese Stundengebets-Liturgien waren teilweise volkstümlicher, weil etwa - wie das Wort Kar schon sagt - die Trauergesänge speziell da angesiedelt waren. Die Klagegesänge des Jeremiah zum Beispiel, hier klingt der Trauercharakter der Musikgeschichte besonders im Ohr, und die eigentlichen Haupt-Liturgien hatten sich auf den Morgen verschoben und waren für die Leute nicht mehr nachvollziehbar, sondern nur für Kleriker, Messdiener und wer da sonst gerade dazugehörte.

In den 1950er Jahren gab es dann die große Karwochen-Reform, weil Papst Pius XII. zu Recht sagte, diese Herzstücke der Liturgie sollen möglichst allen Gläubigen zugänglich gemacht werden. Daher wurden zuerst die Osternacht und dann alle drei Liturgien so reformiert, dass sie danach auch von den Gläubigen nachvollzogen werden konnten. Durch die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils wurden sie dann in der Muttersprache vollzogen und auch die Gestaltung wurde so reformiert, dass eine tätige Teilnahme möglich wurde. 

DOMRADIO.DE: Das ist am Karfreitag traditionell um 15 Uhr, in der neunten Stunde, die Sterbestunde Jesu. Wie genau sieht die Liturgie aus? 

Gerhards: Die Liturgie an Karfreitag beginnt in Stille, also zu Beginn gibt es keinen Gesang. Eigentlich ist der Eröffnungsgesang des Gründonnerstags, der mit "Wir rühmen uns des Kreuzes unseres Herren Jesus Christus" beginnt, der Eröffnungsgesang für alle drei Liturgien, für Gründonnerstag, Karfreitag und Ostern.

Karfreitag beginnt in Stille, dann kommen das Niederwerfen und ein Gebet und dann beginnt das vierte Lied vom Gottesknecht aus dem Jesaja Buch, die zweite Lesung. Im Anschluss kommt die große Johannes-Passion als zentrales Stück der Wortverkündung. Und dann erfolgt die Kreuzverehrung, die unterschiedlich vollzogen werden kann. Es kann zum Beispiel verhüllt hereingetragen werden, der Gesang "Seht das Holz des Kreuzes, an dem der Herr gehangen“ wird gesungen und es wird gebetet. Dann wird jeweils ein Teil des Holzes enthüllt oder das Kreuz wird schon enthüllt hereingetragen, es gibt also zwei Möglichkeiten.

Es gibt eine Prozession, die gewissermaßen spiegelbildlich zur Prozession mit der Osterkerze in der Osternacht zu sehen ist, bei der ebenfalls ein Christussymbol hereingetragen wird. An Karfreitag ist es aber eben nicht das Symbol des Gekreuzigten, denn es geht ja um das Holz des Kreuzes, also weniger um das Bild, sondern um das Holz, an dem der Herr hing, im lateinischen Lignum Crucis, und um die Osterkerze. Sie ist das Licht, Christus, das Licht des Auferstandenen, das die Nacht erleuchtet. Das muss man in dieser Dialektik sehen. Beides geschieht in Form einer Einzugsprozession, sodass deutlich wird, das sind die beiden Pole - Karfreitag und Ostern - die hier angesprochen werden. Dann kommen die großen Fürbitten, es wird für die Kirche gebetet, für die Juden und die anderen Religionen, für alle Menschen und für die Notleidenden und dem schließt sich dann - jedenfalls in der Regel - eine Kommunionfeier an. 

DOMRADIO.DE: Das klingt danach, dass all diese Liturgien verbindende Elemente haben, oder?

Gerhards: Im Grunde ist eigentlich die ganze Hohe Woche, beginnend mit der Einzugsprozession an Palmsonntag, eine Liturgie, aber hauptsächlich die drei großen Liturgien. Ich sagte ja, der Einzugsgesang von Gründonnerstag, "Nos autem gloriari oportet", übesetzt mit "Wir aber müssen uns rühmen, im Kreuz unseres Herren Jesus Christus", so heißt es abweichend von Paulus, ist im Grunde eine einzige Liturgie, auch wenn die natürlich unterbrochen ist. Aber so ist das im Grunde gedacht.

Es gibt sehr viele Bezüge in den Schriften, die gelesen werden, in den Gesängen, die gesungen werden, aber eben auch in den Riten, sodass das im Grunde genommen ein durchgehender Tenor ist. Und es ist eben auch immer alles da: An Karfreitag ist schon ein Stück Ostern da und an Ostern bleibt ein Stück des Karfreitags erhalten. Es ist also nicht so, dass man etwas hinter sich lässt, sondern es durchdringt sich gegenseitig.

Das Interview führte Verena Tröster.

(DR)

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