Messbuch und Lektionar auf dem Altar
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Prof. Dr. Andreas Odenthal
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Heilige Messe im Kölner Dom
Heilige Messe im Kölner Dom
Papst Paul VI. an seinem Schreibtisch
Papst Paul VI. an seinem Schreibtisch

03.04.2019

50 Jahre Messbuch Papst Pauls VI. Unterschiedliche Rollen mit theologischer Qualität

Am 3. April 1969 stellte Papst Paul VI. das neue Messbuch erstmals der Öffentlichkeit vor. Es bildet die Basis für unsere heutige Liturgie. Der Bonner Liturgiewissenschaftler Andreas Odenthal erklärt, was sich mit der Einführung verändert hat.

DOMRADIO.DE: Wie ordnen Sie das Messbuch von 1969 in den Kontext der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils ein?

Prof. Dr. Andreas Odenthal (Seminar für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn): Das Messbuch von 1969 setzt im Grunde um, was die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils von 1963 abgesteckt hat. So ist es immer bei Liturgiereformen, dass sie umsetzen, was ein Konzil an Rahmenbedingungen geschaffen hat.

Und das betrifft das Messbuch in eklatanter Weise, weil es nun ein Rollenbuch ist. Das ist bereits eine theologische Akzentsetzung: Das vorkonziliare Messbuch war ein Voll-Messbuch. Alle unterschiedlichen liturgischen Rollen, die es gab, waren in dem einen Buch vereinigt, weil es für die Gültigkeit der Messe wichtig war, dass der Priester alle diese Texte spricht. Davon hat die Liturgiereform Abschied genommen, indem nun unterschiedliche Rollen eine theologische Qualität haben.

Die tätige Teilnahme aller Gläubigen und ihr gemeinsames Priestertum wird so umgesetzt. Alle Ministranten, Lektoren und so weiter vollziehen einen wahrhaft liturgischen Dienst, so sagt es die Liturgiekonstitution in Artikel 29. Deshalb hat die Liturgiereform ein solches Rollenbuch für den Priester geschaffen. Übrigens ist auch unser Gotteslob ein solches Rollenbuch, und zwar für die Gemeinde.

DOMRADIO.DE: Dennoch wird im neuen Missale von Paul VI. auch die "Messe ohne Volk" eingeführt oder auch die Messe in dem besonderen Anliegen "Der Priester für sich selbst". Wie lässt sich das mit der Liturgie als Handeln der ganzen Kirche, in der ja auch die Gläubigen ein Teil sind, in Einklang bringen?

Odenthal: Diese "Messe ohne Volk" ins Messbuch einzuführen war notwendig, weil die letzte Liturgiereform einen eklatanten Paradigmenwechsel gebracht hat. Denn die Gemeindemesse wurde Norm der Messe, nicht mehr wie vorkonziliar die Messe des Priesters mit seinen Ministern. Von daher war es nötig, auch noch diese Form, die jahrhundertelang in Übung war, dass ein Priester am Seitenaltar für sich mit einem Messdiener eine Messe hält, zu regeln.

Da bleibt die Liturgiekonstitution vielleicht ein wenig unentschieden, weil sie diese Form aus guten theologischen Gründen weiterhin zulässt. Aber wichtig ist: Es ist nicht die Normalform der Messe, sondern da hat sich das letzte Konzil definitiv entschieden: Die Gemeindemesse ist die Normalform eucharistischer Liturgie.

DOMRADIO.DE: Das heißt, auch die sogenannte "Winkelmesse" ist nach wie vor noch im Rahmen dessen, was das Zweite Vatikanische Konzil in seiner Liturgiereform bestimmt hat oder ist das so eine Art Altlast, die noch mitgenommen wird?

Odenthal: Die stille Messe ist liturgiegeschichtlich eine sehr interessante Form, die aus Bedingungen entstanden ist, die weit ins Mittelalter zurückreichen; übrigens eine typisch westliche Ausformung. Ich denke, das dürfte sich in der heutigen Praxis aufgrund der geringer werdenden Zahl unserer Priester weitgehend erledigt haben.

DOMRADIO.DE: Das neue Messbuch bietet ja auch mehr Freiheit in der Auswahl der Texte und Formen bestimmter Elemente der Heiligen Messe. Ist da nicht auch die Gefahr gegeben, dass persönliche Vorlieben und Abneigungen der Verantwortlichen hier zum Auswahlkriterium werden?

Odenthal: Das hat es immer gegeben, dass persönliche Vorlieben die Form bestimmt haben, und das ist zunächst einmal gar nichts Schlimmes. Es darf einen persönlichen Stil eines Priesters wie einer Gemeinde wie eines Bischofs oder auch eines Papstes geben. Denken Sie etwa an die Messgewänder, die Benedikt XVI. trug und die, die jetzt Papst Franziskus trägt. Da liegen Welten zwischen.

Schwierig wird es, wenn ein notwendiger objektiver Rahmen so sehr subjektiven Vorlieben untergeordnet wird, dass im Grunde Menschen, die anders empfinden, ausgeschlossen werden. Also: Der Blick muss immer auf eine Feierform gerichtet sein, die möglichst für die gesamte Gemeinde offen ist, die sich zum Gottesdienst versammelt.

DOMRADIO.DE: Können Sie ein Beispiel nennen, wie eine solche objektive Grenze überschritten wird?

Odenthal: Wenn ich sonntags eine Eucharistiefeier besuche, möchte ich in den Amtsgebeten nicht der persönlichen Spiritualität des Priesters begegnen, sondern dann auch beten, was die Kirche betet. Die persönliche Spiritualität des Priesters ist vonnöten etwa in der Auslegung des Evangeliums, in der Homilie.

DOMRADIO.DE: Andererseits gibt es auch Gläubige, die gerade diese persönliche Spiritualität des Priesters auch in den Amtsgebeten regelrecht wünschen. Und andere Priester, die sich an die Vorgaben des Messbuchs halten, die bekommen dann von diesen Gläubigen Kritik an ihrer Art der Zelebration, es sei zu unpersönlich. Was denken Sie: Sollte man sich als Priester den Wünschen der Gläubigen mehr anpassen oder auf die Vorschriften und Normen verweisen?

Odenthal: Das ist eine interessante Frage. Ich möchte aber gerne weg von der - ich nenne es einmal - Symptomebene einer Verrechtlichung. Mir geht es um etwas Tieferes. Unsere Liturgie ist immer vorgegeben im Sinne einer Vor-Gabe der Heilsgeschichte. Das heißt, wir haben schon bestimmte Inhalte unseres Feierns. Sie können es auch theologisch anders sagen: Die Vorgegebenheit der Gnade ist für mich ein hohes Gut, was sich dann auch in bestimmten Strukturen äußern muss.

Romano Guardini hat schon vor bald hundert Jahren darauf hingewiesen, dass es eine Schwierigkeit des modernen Menschen ist, sich auf diese Vorgegebenheit einzulassen. Mit anderen Worten: Mir begegnet in der Liturgie etwas Fremdes. Mir begegnet der fremde Gott, der nicht immer meinen subjektiven Bedürfnissen entspricht. Das möchte ich aus der Liturgie nicht eliminieren.

Insofern muss ich damit rechnen, dass bestimmte Texte und Strukturen mir zunächst einmal fremd bleiben. Das ist die Herausforderung, der wir uns alle - ob Priester oder Gemeinde - immer wieder neu zu stellen haben.

DOMRADIO.DE: Wie sehen Sie das Nebeneinander zwischen Messbuch von 1962, also der außerordentlichen Form des römischen Ritus, und der ordentlichen Form nach dem Missale von 1969?

Odenthal: Wir dürfen Benedikt XVI. sehr dankbar sein, denn er hat postmodernen Pluralismus in die Liturgie eingeführt: Mehrere Formen haben nebeneinander Platz. Das wäre meines Erachtens noch zu erweitern; nicht nur im Hinblick auf die Tradition, sondern auch im Hinblick auf die Zukunft.

DOMRADIO.DE: Das Messbuch von 1969 bringt ein neues Verhältnis zwischen Priestern und Gläubigen in der Liturgie zum Ausdruck. Ihr Erfurter Kollege Benedikt Kranemann hat vor kurzem darauf hingewiesen, dass die Form von Macht und Stellung zwischen Priestern und Gläubigen durchaus etwas ist, das in der Liturgiewissenschaft bislang zu wenig Beachtung gefunden habe. Verstärkt die Feier der Liturgie die kirchlichen Machtverhältnisse in ungünstiger Weise?

Odenthal: Macht ist nichts Schlimmes, sondern im Sinne von Vollmacht etwas sehr Wesentliches. Ich hätte gerne, dass jemand die Liturgie leitet, der geistliche Vollmacht hat, aber auch liturgische Vollmacht im Sinne einer Kompetenz, die Menschen dazu zu befähigen, ihr Leben in den alten Formen unserer Liturgie und den Texten der Heiligen Schrift zum Ausdruck zu bringen.

DOMRADIO.DE: 1975 erschien die deutsche Fassung des Messbuchs, über das wir gerade sprechen. Eine Revision wurde wegen mangelnder Einigung zwischen den deutschen Bischöfen und dem Vatikan ad acta gelegt. Papst Franziskus scheint ja auch mehr auf der Seite der Ortskirchen zu stehen. Wie sehen Sie die Zukunft des Buchs im Hinblick auf eine mögliche Weiterentwicklung?

Odenthal: Ich darf noch einmal auf Romano Guardini rekurrieren: Als man nach der Liturgiekonstitution anfing, die Liturgie zu verändern, hat er eine Grundfrage gestellt: Sollte man, statt von Erneuerung zu reden, nicht lieber überlegen, in welcher Weise die heiligen Geheimnisse zu feiern seien, damit dieser heutige Mensch mit seiner Wahrheit in ihnen stehen könne? Mich interessiert diese Grundsatzfrage. Wie sich dann Liturgie verändert, das muss sich aus den Prozessen, die wir im Moment erleben, auch ergeben.

Eines kann ich Ihnen aber deutlich sagen: Eine Übersetzung der liturgischen Bücher ins Deutsche im Sinne einer wörtlichen Übersetzung des Lateinischen wird nicht gelingen. Wer das durchsetzen will, wird eine Bauchlandung machen. Jede Übersetzung ist immer schon Interpretation. Und hier würde ich mir einen großen kreativen Freiraum auch für den deutschen Sprachraum wünschen.

Das Interview führte Jan Hendrik Stens.

(DR)

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