Sekten Aussteigerin Abigail
Sekten Aussteigerin Abigail

11.08.2018

Wie Abigail der Sekte entkam Schluss mit Gehorsam

Fast ihre ganze Kindheit verbringt Abigail in einer Sekte. Dann schafft die junge Frau den Ausstieg. Ihre Geschichte zeigt, wie sich ein Mensch aus einem mentalen Gefängnis befreien kann. Und sie bietet Einblicke in ein wenig bekanntes Netzwerk.

Abigail ist 21 Jahre alt, als sie ihr erstes Leben beendet. Von einem Tag auf den anderen lässt sie alles zurück. Raus aus der alten, rein in eine neue, fremde Welt. "Es ist, als wäre ich auf einem neuen Planeten gelandet", sagt sie.

Die junge Frau mit den blonden Haaren und den blauen Augen wirkt selbstbewusst, fröhlich. Nichts deutet darauf hin, dass sie fast ihr gesamtes Leben in einer als abgeschottet und eng empfundenen Gemeinschaft verbracht hat. In einem Café in Düsseldorf erzählt sie davon, wie sich ihr Leben plötzlich in ein Vorher und Nachher teilte.

Als Abigail vier Jahre alt ist, treffen ihre Eltern die Entscheidung, in eine Gemeinschaft einzutreten, deren Namen nur wenige kennen: Organische Christus Generation - kurz OCG. So nennt sich die Sekte mit Zentrum in der Schweiz, die auch in Deutschland und Österreich Anhänger hat. Abigail und ihre vier Geschwister werden damit zu "OCGern". Wenn sie von dieser Zeit erzählt, verschwindet das Lachen plötzlich aus ihrem Gesicht. Etwas Ernstes, Verletzliches schimmert durch.

Bibel-Auslegung und Klagemauer.tv

Wer sich mit der OCG beschäftigt, stößt schnell auf einen Namen: Ivo Sasek. Ende der 1990er Jahre gründete der gelernte Automechaniker, so die Angaben der Internetseite, seine christlich-fundamentale Gemeinschaft. Oder wie Sasek es beschreibt, einen "Organismus", der neu aus Christus hervorgebracht wird. Strenge Bibelauslegung und die strikte Unterordnung unter den Willen Gottes prägen die Gemeinschaft.

Mit der Zeit kamen Onlineportale, Publikationen und Veranstaltungen hinzu. "Sasek knüpft bewusst auch Kontakte in andere Bereiche hinein - dazu zählen Holocaustleugner, Scientology-Vertreter, Esoteriker und Verschwörungstheoretiker", sagt Matthias Pöhlmann, Sektenexperte der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, über den Weg der Gruppenchefs. Sasek selbst weist Vorwürfe mit Blick auf Holocaustleugner strikt zurück.

"Ungefähr seit dem Jahr 2008 hat sich Ivo Sasek - auch in seinen Lehren - immer mehr von der Gesellschaft abgegrenzt und verbreitet immer mehr Verschwörungstheorien", berichtet auch Sabine Riede von der nordrhein-westfälischen Sekten-Beratungsstelle. Die Pädagogin beobachtet die OCG seit langem mit wachsender Sorge.

Dabei hat sie besonders die umstrittenen Erziehungsmethoden im Blick, mit denen Saseks Gemeinschaft für Wirbel sorgte. Körperliche Züchtigungen von Kindern spielen im Denkgebäude der Gruppe eine Rolle. "Sind sie aber widerspenstig und böse oder entgegen der Ermahnung wild, unbändig und übermütig, so schone deine Rute nicht", heißt es in einem von Ivo Sasek verfassten Erziehungsratgeber "Erziehe mit Vision!".

Auch Abigail berichtet von körperlichen Attacken - von ihrer Kindheit bis ins Teenager-Alter. Für die kleinsten Fehler sei sie wieder und wieder bestraft worden. "Ich war in meinem Leben von Anfang an Schlägen ausgeliefert", sagt sie. "Ich sollte gehorsam sein, lieb sein."

Auf Nachfrage gibt Sasek an, von den Behörden stets für die Erziehung seiner eigenen Kinder "hoch gelobt" und "wiederholt von jeder strafbaren Handlung freigesprochen" worden zu sein. Auch den Vorwurf, Mitglieder der OCG würden von der Außenwelt abgeschottet, bestreitet er.

Die böse Außenwelt

Abigail hingegen berichtet, sie habe während ihrer OCG-Zeit so gut wie keinen freien Kontakt nach außen gehabt. In den Kindergarten sei sie nicht gegangen: Dort werde "der Teufel gelehrt", habe ihr die Mutter erzählt. In der Grundschule traf sie dann ganz andere Kinder. Dort aber war sie eine Außenseiterin, wurde wegen ihres Übergewichts und ihrer altmodischen Kleider gemobbt. Die Außenwelt habe auf sie als kleines Mädchen tatsächlich so böse und feindselig gewirkt, wie es ihr eingetrichtert worden sei.

Rückblickend nennt Abigail das, was sie erlebt hat, eine Gehirnwäsche - verbunden mit ständigem psychischen Druck und Überwachung auch innerhalb der eigenen Familie. "Die versuchen, dich in allen Gesprächen innerlich zu brechen", erinnert sie sich.

Nachts träumte sie sogar davon, dass andere OCG-Mitglieder sie umbringen wollten. "Ich wusste nicht mehr, wer Freund und Feind ist. Wem ich vertrauen kann, wer mir als nächstes mein Herz verletzten würde." Es sind Sätze, die Abigail in einem Brief geschrieben hat, mit dem sie Ivo Sasek ihren Austritt erklärte.

Früher sei sie gut vernetzt gewesen innerhalb der Sekte, erzählt Abigail. Sie habe regelmäßig in Kontakt mit Vertrauten Saseks gestanden. Wenn diese mit anderen in der Gruppe kommunizieren, schreiben sie sich auch mit "Liebe Geschwister" an.

Für seine weltanschauliche Agenda trommelt Sasek stark auf dem Onlinekanal "Klagemauer.tv". Das ist eine Internet-Plattform, auf der Moderatoren über Themen wie Migration sprechen oder Filme zum Impfschutz laufen. Auf den ersten Blick fallen Verschwörungstheorien etwa zum 11. September 2001 und reißerische Sendungen ins Auge. Titel sind zum Beispiel «Flüchtlingskrise oder geplanter Bevölkerungsaustausch?» und «Wie viele Pädophile arbeiten für die UN?». Sie habe zeitweise ebenfalls für den Sender gearbeitet, erzählt Abigail. Er betreibe auch in Deutschland kleine Produktionsstandorte.

Das Lachen verschwindet

Zusätzlich hat der OCG-Anführer eine sogenannte Anti-Zensur-Koalition, kurz AZK, ins Leben gerufen. Regelmäßig veranstaltet diese in der Schweiz Kongresse. In der Vergangenheit sorgten dort Vorträge des Schweizer Scientology-Mannes Jürg Stettler für Aufsehen. Außerdem steht Sasek in der Kritik, mit der AZK Holocaustleugnern ein Podium zu bieten.

Sasek selbst sieht die AZK als Forum für "die unvoreingenommene und unparteiische Anhörung von Gegendarstellungen". Darstellungen also, die in den etablierten Medien kein Gehör fänden. "Tausende von Zuschauern haben vor laufender Kamera bezeugt, dass sie nicht den Ansatz einer sogenannten Holocaustleugnung auf irgendeiner AZK-Konferenz wahrnehmen konnten", teilt Sasek auf Anfrage mit.

Ob sie denn an all die Berichte von "Klagemauer.tv" geglaubt habe? "Nein", sagt Abigail. "Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, das alles anzugucken. Ich hatte die ganze Zeit nur Angst, dass ich Ärger bekomme. Ich habe nur versucht zu genügen. Ich wollte einfach den Strafen entfliehen."

Auch wenn sie nicht alles geglaubt habe, sei sie lange nicht in der Lage gewesen, sich zu lösen. Abigails Mund zittert ein wenig, wenn sie darüber spricht. 

Und doch lacht Abigail viel. Man merkt: Da steht ein Mensch vor einem, der eine wahnsinnige Lust aufs Leben hat. Der sich sagt: Noch mal auf Anfang, aber diesmal richtig. Sie ist stolz auf das, was sie erreicht hat. Darauf, dass sie den Mut hatte, alles zu beenden. Und ihre Geschichte zu teilen, um anderen Mut zu machen. "Das Leben in der OCG ist die wahre Hölle", urteilt sie.

Ein harter Kern

Intern sei die OCG streng hierarchisch und pyramidenförmig aufgebaut, erzählt Abigail. Zentrum vieler Aktivitäten ist Walzenhausen im Nordosten der Schweiz.

Rund 2000 Mitglieder bilden den harten Kern, schätzt Sektenexperte Pöhlmann. "Zusätzlich gibt es Sympathisanten im Umfeld, die bestimmte Auffassungen, die die AZK zum Beispiel verbreitet, teilen und unterstützen. Diese sind aber nicht unbedingt in der OCG organisiert."

Mit seinen Kanälen erreicht Sasek nach Einschätzung von Fachleuten mehrere tausend Menschen - vor allem in der Schweiz, Deutschland und Österreich. "Die Zuhörer- und Zuschauerschaft von Saseks Vorträgen, Webseiten und Internet-Fernsehkanälen geht weit über seine Anhängerschaft der OCG hinaus", heißt es in einer Analyse der Sektenberatungsstelle Nordrhein-Westfalen.

Außerhalb von Walzenhausen treffen sich OCG-Mitglieder nach Abigails Aussagen in sogenannten Stuben, also privaten Hausgruppen. Sie sei oft bei solchen Treffen gewesen. Gegenseitige Kontrolle, Indoktrinierung und Einschüchterung - das seien für sie bis heute die prägendsten Erinnerungen an diese Veranstaltungen.

Auch dagegen wehrt sich Sasek. Das Gegenteil sei der Fall. Es gebe keinen psychischen Druck in der OCG. Strukturen, die möglicherweise als hierarchisch oder streng wahrgenommen werden könnten, erklärt er so: "Um all diese Studios und rein organisatorischen Abläufe zu koordinieren, braucht es wie in jedem anderen Betrieb dieser Welt klare Strukturen und Gebietseinteilungen."

Viele Menschen hätten sich "von selbst in dieses Generationsereignis" eingefügt, wie er schreibt. "Die OCG existiert in einer Herzens-Verbindlichkeit, in einem tiefen Bewusstsein der Zusammengehörigkeit aller Menschen dieser Welt", so Sasek in einer schriftlichen Antwort an die dpa.

Nach Abigails Erfahrungen hingegen kann das enge Netz der Gemeinschaft anders gesehen werden: Es solle einen Ausbruch verhindern. Schließlich könnte derjenige, der die Isolation durchbreche, erkennen, was Lüge sei und was Wahrheit. So wie es auch Abigail erlebt hat.

Der Ausbruch

Es ist Winter 2017, als sie sich trotz Krankheit zu einer Veranstaltung der OCG schleppt, getrieben vom Pflichtgefühl und der Angst vor Strafen. Zum Schlafen wird sie in ein eiskaltes Zimmer geschickt. "Ich habe am ganzen Körper gezittert. Es war so kalt, dass ich nicht schlafen konnte", sagt sie.

In den darauffolgenden Tagen verschlechtert sich Abigails Zustand. Sie bekommt kaum Luft und hat hohes Fieber. Schließlich wird es so schlimm, dass ihr Vater den Notarzt ruft. Normalerweise herrsche in der OCG ein Misstrauen gegenüber der Schulmedizin, meint Abigail. "Es ist ja ein Zeichen von Geistlosigkeit, wenn man krank ist."

Schon auf dem Weg ins Krankenhaus beginnt sie sich zu wundern: "Im Rettungswagen habe ich gedacht: Was sind das denn für Menschen? Die sind so lieb." Sie weint, als sie von ihrer Zeit im Krankenhaus erzählt. "Neben mir lag eine ältere Person im Sterben. Zu der kamen ganz viele Leute. Da hab' ich zum ersten Mal wirklich gesehen, wie herzlich manche Menschen miteinander umgehen. Ich hatte das nie in meinem Leben gespürt."

Auch die Ärzte und Krankenschwestern seien so nett zu ihr gewesen, wie sie es noch nie erlebt habe. In diesem Moment, da ist sie sich rückblickend sicher, fiel das Lügengebäude in sich zusammen. Seitdem sie denken kann, galt für sie: Die Außenwelt ist böse. "Aber da habe ich gemerkt, es gibt eine Liebe in dieser Welt, die ich nicht kenne. Und nicht eine Hölle, die ich nicht kenne."

Einiges nachzuholen

Kurz darauf habe sie alles abgebrochen: "Mir war total egal, welche Konsequenzen mir drohen. Ob mich mein Vater rausschmeißt. Ich wusste, ich will diese Welt, die so lieb ist, kennenlernen. Wenn alles zerbricht, ist mir das total egal." Auch ihre vier Geschwister hätten diesen Sprung des Austritts mittlerweile gewagt, erzählt sie.

Sie blinzelt in die Sonne und schaut über den Rhein. Auf der anderen Seite ist Kirmes. Trinken, rauchen, knutschen: Zwischen Autoscootern und Kettenkarussell genießen Jugendliche ihre Freiheit. Über die Brücke strömen sie zum Festplatz. Wer mit Anfang 20 sein Leben neu beginnt, der hat doch sicher vieles nachzuholen? Abigail lacht. Klar, meint sie. Aber nicht mit Partys, Exzessen und Alkohol. Sie habe mal ein Radler getrunken. Sei nicht so ihr Ding.

Natürlich habe die OCG versucht, sie zurückzuholen. Sie habe auch Angst gehabt. "Mein ganzes Leben habe ich mit einem Mal abgebrochen. Ich habe bei null wieder angefangen. Ich hatte keine Freunde. Ich musste schauen, wie ich mein Leben finanziere. Aber ich wusste: Irgendjemand fängt dich auf." Geholfen habe ihr auch Gott. Noch immer ist sie sehr gläubig. Gott, so sagt sie, war und ist ihr großer Anker. In eine Kirchengemeinde wolle sie aber nicht mehr.

Heute, mit 23 Jahren, absolviert Abigail eine Ausbildung zur Informationstechnischen Assistentin und macht ein Praktikum in einem Krankenhaus. An einem Ort, an dem sich Menschen um andere kümmern. Sie habe großen Spaß an ihrer Arbeit und könne sich das auch für später vorstellen. Hass verspüre sie nicht. Sie habe keinen Schaden davongetragen. Man wünscht ihr, dass es wirklich so ist. "Ich bin ein sehr glücklicher Mensch", sagt sie.

Christoph Zeiher
(dpa)

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