07.04.2018

Über das Fluchen in der Antike und im Christentum "Kommunikation mit den Göttern und den dunklen Mächten"

"Verflucht und zugenäht - Antike Fluchtafeln und das Neue Testament". So war eine Tagung an der Mainzer Universität überschrieben, die am Samstag zu Ende ging. Ein verflucht-interessantes Interview mit dem Theologen Markus Lau.

KNA: Herr Lau, können Sie ein paar Flüche nennen, die in der Antike verwendet wurden?

Lau: Einzelne Flüche zu nennen, ist gar nicht so einfach, weil ein antiker Fluch nicht aus einem Wort wie "Verdammt" besteht, sondern Fluchen und Verfluchen in der Antike in Form von längeren Texten erfolgte, die in der Regel auf Bleiplatten geschrieben werden.

Mit diesen Platten haben Menschen in der Antike dann magisch gedachte Rituale vollzogen und sie - je nach Verwendungssituation - in einem Erdloch vergraben, in das Grab eines früh verstorbenen Menschen gelegt oder auch in eine Wasserquelle oder einen Fluss geworfen.

KNA: Und wer sollte den Fluchenden dabei den Erfolg bescheren?

Lau: Solche Flüche waren immer auch Formen der Kommunikation mit den Göttern oder dunklen Mächten der Unterwelt, die dem Verfluchenden hilfreich zur Seite stehen sollten, um sein Ziel zu erreichen.

KNA: Womit beschäftigen sich die Flüche in der Antike inhaltlich?

Lau: Zusammengefasst kann man sagen: Verflucht wurde gerne und oft in Situationen, die sich als Konkurrenzkampf unterschiedlichster Art charakterisieren lassen.

KNA: Können Sie ein paar Beispiele nennen?

Lau: Da geht es um sehr alltägliche Dinge: Die Frau, in die man unsterblich verliebt ist, entscheidet sich für einen anderen. Da bietet es sich an, entweder die Frau oder denn Nebenbuhler oder gleich beide zu verfluchen, damit sie keinen Schlaf finden mögen oder krank werden – oft mit dem Ziel, dass die Angebetete sich doch noch richtig entscheidet.

Oder: Eine gut platzierte Wette auf eine Partei beim Wagenrennen wird durch einen wirkungsvollen Fluch, die Pferde der Konkurrenz mögen doch bitte heute langsamer laufen, unterstützt. Und um auf Nummer sicher zu gehen, konnte die Bleiplatte, auf die solche Flüche geschrieben werden, noch mit einem Haar des entsprechenden Pferdes versehen werden.

Ein drittes beliebtes Anwendungsfeld war die Welt des Gerichts: Den Prozessgegner konnte man zum Beispiel so verfluchen, dass ihm die Stimme vor Gericht fehlt oder er im passenden Moment seinen Verstand verliert, um kein gutes Plädoyer zu halten.

KNA: Gab es kein schlechtes Gewissen, eine Sünde gegen Gott zu begehen?

Lau: Das Konzept der "Sünde gegen Gott" ist sehr aus einer christlichen Perspektive gedacht und trifft die Logik der antiken Fluchtafeln nicht. Denn in diesen Texten werden Menschen verflucht, nicht Gott. Es ist sogar so, dass man gerade durch die Fluchformel eine Gottheit oder numinose Macht auf seine Seite und in seinen Dienst ziehen wollte.

KNA: Fluchte man nur allein oder auch in der Gruppe?

Lau: Geflucht wurde tatsächlich allein und nicht in der Gruppe. Das liegt an der gesellschaftlichen Bewertung von Flüchen, die in aller Regel tabuisiert waren – obwohl jeder wusste, dass verflucht wurde.

KNA: Gab es auch Fluch-Verbote in der Antike?

Lau: In Rom war das Verfluchen seit den Anfängen des Römischen Rechts sogar gesetzlich verboten. Wie so oft: Verboten muss werden, was faktische Praxis ist. Die vielen Fluchtafeln, die sich erhalten haben und die wir kennen, das sind gut 1.600, die aus der Zeit vom 6. Jh. v. Chr. bis zum 6. Jh. n. Chr. stammen, zeigen jedoch, dass ein gesetzliches Verbot die Praxis des Verfluchens nicht eingeschränkt hat.

KNA: War das Fluchen auch bei den frühen Christen verbreitet?

Lau: Damit dürfen wir rechnen. Und das ist auch ganz normal, waren die frühen Christen doch Menschen, die in antiker Kultur sozialisiert waren und nicht in einer Sonderwelt lebten. Und dazu gehört auch das Verfluchen. Mehr noch: Man merkt manchen neutestamentlichen Texten an, dass sie das Verfluchen eindämmen wollen. Das macht nur dann Sinn, wenn Christen auch verfluchen. Sie verfluchen aber gewiss nicht mehr oder schlimmer als andere Menschen in der Antike.

(KNA)

Im Video: Täglicher Gottesdienst

Sehen Sie hier den täglichen Gottesdienst aus dem Kölner Dom. An Werktagen ab 9 Uhr, an Sonn- und Feiertagen ab 12 Uhr in der Mediathek.

Morgenimpuls mit Schwester Katharina

Jeden Morgen von Montag bis Freitag on Air und Online: Schwester Katharina Hartleib aus Olpe begleitet Sie mit spirituellen Impulsen in den Tag.

Der gute Draht nach oben!

Tageskalender

Radioprogramm

  • Tageskalender
  • 17.10.
06:30 - 10:00 Uhr

DOMRADIO Der Morgen

  • Michaelsempfang der Bischofskonferenz: Was wurde besprochen?
  • Aufarbeitung von Gewalt gegen Frauen in der Kirche
10:00 - 15:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

  • Wie geht es weiter? Auf dem pastoralen Zukunftsweg
  • Hörst du mich? Die blinde Sängerin der Band "Tonbande"
  • Begünstigt die Liturgie Klerikalismus und Missbrauch?
10:00 - 15:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

  • Wie geht es weiter? Auf dem pastoralen Zukunftsweg
  • Hörst du mich? Die blinde Sängerin der Band "Tonbande"
  • Begünstigt die Liturgie Klerikalismus und Missbrauch?
15:00 - 19:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

  • Das Geschäft mit der Angst: Der neue Bluttest
  • Betroffene erstatten Anzeige gegen TÜV - Misereor zu Dammbruch in Brasilien
  • Prashant Baxla als Pastoralreferent - Taizé-Gebete
15:00 - 19:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

  • Das Geschäft mit der Angst: Der neue Bluttest
  • Betroffene erstatten Anzeige gegen TÜV - Misereor zu Dammbruch in Brasilien
  • Prashant Baxla als Pastoralreferent - Taizé-Gebete
19:00 - 22:00 Uhr

DOMRADIO Der Abend

  • Wie geht es weiter? Auf dem pastoralen Zukunftsweg
  • Begünstigt die Liturgie Klerikalismus und Missbrauch?
  • Das Geschäft mit der Angst: Der neue Bluttest
22:00 - 22:30 Uhr

DOMRADIO Nachtgebet

Heutiges Evangelium:
In dieser Woche zu Gast:
In dieser Woche zu Gast:

DOMRADIO.DE auch auf Alexa

Gottesdienste, Nachrichten und das Evangelium – jetzt täglich auch auf Ihrem Echo und Echo Show!

Wort des Bischofs

Der geistliche Impuls von Kardinal Woelki. Jeden Sonntag neu.

Wochenkommentar

Der DOMRADIO.DE Chefredakteur blickt auf die Woche.

Kostenlose Radio-App für iPhone und Android

Nehmen Sie Ihr DOMRADIO.DE mit wohin Sie wollen und wann immer Sie Lust haben. Funktionen: Nachrichten, Podcasts, Mediathek, Wecker, Sleep-Timer, Bluetooth, Chromecast, AirPlay, CarPlay, Android Wear…

Der tägliche Impuls von Weihbischof Puff