Symbolbild: Ordensfrauen in einer Gemeinschaft
Ordensfrauen in der Gemeinschaft
Schwester Barbara Offermann
Schwester Barbara Offermann

08.03.2018

Wie Ordensleute untereinander und mit Gott befreundet sind "Gott will unser Freund sein"

Wer in einen Orden eintritt, lebt ehelos in einer Gemeinschaft mit anderen Ordensleuten. Wie wichtig sind da Freundschaften? Auch die zu Gott. Ein Blick hinter die Klostermauern, wie es dort um die Freundschaft bestellt ist.

DOMRADIO.DE: Würden Sie denn sagen: Ehelose Ordensleute brauchen ganz besonders dringend gute Freunde?

Schwester Barbara Offermann OP (Dominikanerin von Bethanien aus Bergisch Gladbach): Das würde ich so eher nicht sagen, weil ich mir gut vorstellen kann, dass auch in einer Ehe gute Freunde nötig sind, weil man mit dem Ehepartner vielleicht auch nicht alles im Detail besprechen kann. Natürlich brauchen wir Ordensleute auch Freunde. In einer Gemeinschaft wie der unseren ist man nie allein, kann aber doch einsam sein. Deswegen sind Freunde schon wichtig, aber ich glaube, nicht wichtiger als in anderen Beziehungen.

DOMRADIO.DE: Warum ist das überhaupt für jeden Menschen so wichtig, gute und tiefe Freundschaften zu pflegen?

Schwester Barbara: Eine Freundschaft ist ja etwas, das auf Gegenseitigkeit beruht. Lieben kann man einseitig, aber befreundet sein kann man nur gegenseitig. Deswegen ist wahrscheinlich die Freundschaft die einzige Möglichkeit, aus der Selbstbezogenheit herauszukommen. Es gibt ein Sprichwort, ich glaube es ist ein afrikanisches: "Ein Freund ist ein Mensch, der die Melodie deines Lebens kennt und Sie dir vorsingt, wenn du sie vergessen hast." Das finde ich eine wunderschöne Beschreibung, weil sie sagt: Wir brauchen Freunde, wir brauchen Menschen, die uns so gut kennen, dass sie uns herausholen können, wenn wir uns selbst verloren haben, die uns wieder helfen können, zu uns selbst zu kommen. Ich glaube, dass jeder Mensch so jemanden braucht und das habe ich auch schon erfahren, das habe ich bei Freunden außerhalb des Klosters erfahren und das ist auch meiner Meinung nach genau das Wesen der Freundschaft mit Gott, der uns die Melodie unseres Lebens  ja selber geschrieben hat.

DOMRADIO.DE: Wie sieht das in Ihrer Gemeinschaft aus? Sind Ihre Mitschwestern auch Freundinnen?

Schwester Barbara: Also zunächst einmal haben wir uns nicht gesucht, weil wir uns so gerne mögen, sondern wir sind zusammen gekommen, weil wir alle Gott suchen. Aber es ist heutzutage so, dass Freundschaften nicht mehr verboten sind. Früher waren Freundschaften im Kloster ja verboten. Aber ein früherer Ordensmeister des Dominikanerordens, Timothy Raddcliffe, hat einmal gesagt: "Es sind nicht die Partikular-Freundschaften, die ich fürchte, sondern die Partikular-Feindschaften." Das finde ich eine sehr gute Beschreibung. Wenn wir heute eine Freundin finden in unserer Gemeinschaft, dann ist das etwas sehr Kostbares. Wir achten wohl darauf, dass diese Freundschaft nicht zu exklusiv wird, also dass ich nicht eine Mitschwester okkupiere und sage: "Jetzt darf niemand anderes mit der zu tun haben, weil das meine Freundin ist." Das geht in einer Gemeinschaft natürlich nicht. 

DOMRADIO.DE: Pflegen Sie selbst denn zum Beispiel noch Freundschaften aus der Zeit vor dem Eintritt ins Kloster? Oder sind Ihre wichtigsten Freunde doch eher Gefährten aus dem Ordensleben?

Schwester Barbara: Ich habe in meinem Leben schon eine ganze Reihe von Stationen hinter mir und ich habe eigentlich aus fast jeder Lebensphase eine oder mehrere Freundinnen behalten. Allerdings habe ich, so wie ich heute lebe, nicht die Möglichkeit, diese Freundschaften sehr intensiv zu pflegen. Manchmal sehe ich eine Freundin vielleicht sogar ein paar Jahre lang gar nicht. Das muss eine Freundschaft aushalten. Wenn es eine richtig gute Freundschaft ist, dann kann ich die Freundin nach drei Jahren wiedersehen und es ist so, als wäre keine Zeit vergangen. Das ist dann eine richtig gute Freundschaft. Von der Sorte habe ich mehrere.

DOMRADIO.DE: Aber Sie haben auch die Möglichkeit, sie per E-Mail zu kontaktieren oder anzurufen?

Schwester Barbara: Ja, natürlich.

DOMRADIO.DE: Sie als Dominikanerin gehören einem aktiven Orden an, Sie gehen raus und haben viele Gelegenheiten, neue Leute zu treffen  - und damit potenzielle neue Freunde. Für Angehörige eines kontemplativen Ordens, die vielleicht sogar in Klausur leben, ist es ja noch viel schwerer, Freundschaften zu pflegen, geschweige denn neue zu schließen, oder?

Schwester Barbara: Auf jeden Fall. Ich bin auch mit kontemplativen Dominikanerinnen befreundet und auch mit einer Benediktinerin. Aber das fällt uns aktiven Ordensfrauen natürlich leichter. Wir sind nicht so konzentriert auf das Gemeinschaftsleben, das Ordensleben, sondern wir haben mehr Kontakte nach draußen, das ist auf jeden Fall so.

DOMRADIO.DE: "Vater unser im Himmel" - so nennen wir Gott im wohl wichtigsten christlichen Gebet. Gott ist dreieinig, er ist der Schöpfer des Himmels und der Erde, der Allmächtige und eben der gütige Vater. Aber - ist er auch unser Freund? Nennen Sie Gott tatsächlich "Ihren Freund"?

Schwester Barbara: Wir haben in der katholischen Kirche eine sehr männliche Sprache von Gott. Natürlich wissen wir, dass Gott kein Mann ist, kein Geschlecht hat. Trotzdem sind unsere Bilder und Worte sind sehr männlich geprägt. Deswegen fällt es mir leichter, meine Beziehung zu Gott als Liebesbeziehung zu beschreiben. Dann ist mir Freund fast ein wenig zu schwach. 

DOMRADIO.DE: Was macht diese Beziehung mit Gott aus? Können Sie ihm alles sagen und anvertrauen?

Schwester Barbara: Ja. Vom Verstand her weiß ich, dass Freundschaft eigentlich mehr ist, als eine Liebesbeziehung. Ich habe das eben schon einmal gesagt: Lieben kann man einseitig, aber eine Freundschaft ist auf jeden Fall auf Augenhöhe und gegenseitig. Und das ist natürlich etwas, was mich immer wieder von neuem auch trifft, dass Gott meine Freundschaft möchte. Gott begibt sich auf Augenhöhe mit dem Menschen und wirbt um unsere Freundschaft. Das ist etwas, was mich immer wieder erschüttert. Dass Gott sich so klein macht, weil der Mensch für ihn so wichtig ist.

DOMRADIO.DE: Wenn ich davon ausgehe, dass eine Freundschaft auf Gegenseitigkeit beruht, sich auf Augenhöhe entwickelt - wie sieht das dann mit Gott aus? 

Schwester Barbara: Gott begibt sich auf Augenhöhe. Er wird Mensch. Das hat zum Beispiel Thomas von Aquin gesagt: "Damit der Mensch Freundschaft mit Gott haben kann, wird Gott Mensch". Das ist etwas, was im Christentum einmalig ist.

DOMRADIO.DE: Wie kann man denn eine Freundschaft mit Gott aufbauen und pflegen?

Schwester Barbara: Zum einen muss man eine Freundschaft pflegen, in dem man Kontakt hält. Und auf jeden Fall gehört zu einer Freundschaft, dass ich mich für den anderen interessiere. Wenn ich anrufe oder WhatsApp schicke und immer nur von mir erzähle, wird keine Beziehung entstehen. Dann wird der andere irgendwann genervt sagen: "Das ist keine Gegenseitigkeit!" Das heißt auch in der Beziehung mit Gott muss ich auch mal hören: "Was willst du denn von mir? Wie geht es dir denn? Was sind denn deine Interessen." Und wenn ich das tue, wenn ich das Wort Gottes studiere oder auch einfach mal still bin und lausche, ob Gott mir etwas sagen will, dann wird mich das auch verändern.

DOMRADIO.DE: Sie sagen: Die Freundschaft mit Gott ist unser ultimatives, unser höchstes Ziel. Müssen wir uns also Ihr Leben als Ordensfrau als lebenslangen Prozess vorstellen, diese Freundschaft voll zu entfalten?

Schwester Barbara: Das würde ich schon so sagen. Das ist genau die Herausforderung jeden Tag neu, von neuem zu gucken: Wie kann das gehen. Wir haben ja alle Tagesverfassungen, sind nicht immer gleich. Also geht es darum, jeden Tag neu zu schauen: "Was will Gott mir heute sagen?" Das Christentum ist eine Offenbarungsreligion. Wie offenbart sich Gott mir heute in seinem Wort oder in einem Menschen, dem ich begegne, oder in der Natur oder eben auch in der Stille. Aber dafür offen zu sein, sich dafür zu interessieren, was will dieser Freund heute von mir. Ich kann ihm auch alles von mir sagen, diese Offenheit und Ehrlichkeit muss ich auch selber bringen. Und dann werde ich irgendwann auch mich verändern auf diesen Freund hin.

Das Interview führte Tobias Fricke.

(DR)

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