"Gott im Abseits": Gläubige und Medienschaffende nähern sich an
Auf der Suche nach Gott

13.12.2017

Theologin über das Gottesbild des Menschen Zwischen gut und böse

"Und führe uns nicht in Versuchung", so heißt es im Vaterunser. Gott führe nicht in Versuchung, entgegnet Papst Franziskus und regt eine Textänderung an. Doch welches Bild haben wir eigentlich von Gott? Will er nur Gutes tun?

DOMRADIO.DE: Wir reden darüber, dass sich der Papst am Gottesbild im Vaterunser stört, weil er sagt, Gott führe nicht in Versuchung. Sie betonen, dass wir eigentlich ein anderes Gottesbild haben als die Menschen zu biblischen Zeiten. Worin liegt denn der Unterschied?

Johanna Rahner (Professorin für Dogmatik, Dogmengeschichte und Ökumenische Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Tübingen): Es gibt bestimmte Selbstverständlichkeiten, die heute nicht mehr so offensichtlich sind. Das kann man an der Versuchungsbitte sehr deutlich machen durch die Idee, dass Gott die ganze Geschichte, das ganze Leben des Menschen, ja die ganze Welt durchdringt und fast schon manipulativ in seiner Hand hält.

Das ist eine Vorstellung, die uns Menschen, die wir eigentlich in einem geschlossenen, naturwissenschaftlichen Weltbild groß geworden sind, heute nicht mehr so selbstverständlich ist, wie damals. Also dass Gott hinter allem stecken soll, ist eine Frage, die heutige Menschen zumindest befremdet, wenn es um die Frage nach dem Bösen in der Welt geht. Aber das ist etwas, was die Theologie, glaube ich, schon über Jahrhunderte hinweg verfolgt hat, nämlich dieses Hadern mit Gott, das Anfragen angesichts der konkreten, existenziellen Lebensfragen und Lebensnöte.

DOMRADIO.DE: Im Religionsunterricht in der Grundschule wurde vermittelt, dass Gott gut ist und nur Gutes will. Das heißt, es ist keine Frage, die man nur mit "Ja" oder "Nein" beantworten kann, oder?

Rahner: Das kann man schon mit "Ja" oder "Nein" beantworten. Es ist ganz richtig, was da in der Grundschule vermittelt wurde. Das ist die Grundüberzeugung eines christlichen Gottesbildes, das davon ausgeht, dass Gott den Menschen wohlwollend zugewandt ist und dass vom ihm Gutes kommt. Gleichzeitig beinhaltet die ganz normale reale Lebenserfahrung eines jeden Menschen, dass das Leben scheitern kann, dass wir Böses erfahren und dass es Leid in der Welt gibt.

Von Anfang an treibt uns die Theodizee-Frage, also die Frage nach der Güte Gottes, nach der Rechtfertigung Gottes angesichts des konkret erfahrenen Leides, um. Das ist eine kritische Anfrage an unser eigenes Selbstverständnis, aber auch an unser Gottesbild. Dahinter steckt die Frage, wo eigentlich Gott ist. Die berühmte Frage Hiobs angesichts des konkret erfahrenen Leidens: "Wo ist er? Warum greift er nicht ein? Warum gibt es Leid in der Welt?"

Das ist, glaube ich, nicht erst seit der Religionskritik, sondern schon seit biblischem Zeitalter die zentrale Frage des Menschen, wie er mit Gott und seinem Glauben an Gott leben kann, angesichts der konkreten Fragen des Leidens, aber auch der Nicht-Erfahrbarkeit Gottes in der Welt. Diese Fragen bleiben.

DOMRADIO.DE: Hiob ist ein gutes Stichwort. Der Kölner Pfarrer Franz Meurer erinnerte in einem Interview bei uns daran, dass es ja zum Beispiel in der Bibel Hiob gibt, der unter Gott leidet. Gibt es nicht auch dunkle Seiten an Gott, die man nicht ignorieren darf?

Rahner: Es ist spannend, wie die Geschichte in der Bibel erzählt wird. Wir haben die berühmte Rahmenerzählung, in der man zu erklären versucht, warum Hiob eigentlich so sehr vom Leiden verfolgt wird und alles Mögliche an extremen menschlichen Situationen erfahren muss. Das ist das Spiel im Himmel, was auch Goethe in seinem "Faust" aufnimmt, wo es eben den Teufelspakt gibt. Aber das ist schon der Erklärungsversuch von Menschen dafür, wie es eigentlich passieren kann, dass einer - und dafür steht Hiob exemplarisch als Mensch -, der auf Gott vertraut und nie etwas Falsches getan hat, doch solche existentiellen Nöte in der Welt erfahren muss. Er hadert mit Gott bis in die Abgründe hinein. Er beschimpft ihn. Er leugnet ihn aber nicht. Das ist die Pointe. Er hofft, dass er eine Antwort bekommen kann. Dann kommt eine Gruppe biblischer Schriftsteller hin und sagt, dies gehe ihnen ein bisschen zu weit. Könne man so mit Gott umgehen? Dann versuchen sie das Ganze durch die Rahmenerzählung zu entschärfen.

Wenn man aber die Kernerzählung betrachtet, dann kommen die sogenannten Freunde Hiobs, die die Ursache des Leidens bei ihm suchen und fragen: "Hast du nicht doch etwas Falsches getan? Liegt es nicht doch an dir und deinem Verhalten?" Doch er antwortet: "Nein. Gott ist schuld. Und ich will eine Antwort." Das ist, glaube ich, die entscheidende Frage, dass die Bibel diese dunkle Erfahrungsseiten, das Vermissen Gottes, das existentiell an den Rand getrieben werden, von der Nichtexistenz Gottes  als der letzten Frage es Glaubens ausgehen zu können, auch zu stellen wagt.

Das ist sehr schön mit der Versuchungsbitte überein zu bringen. Und zwar nicht damit, dass Gott Böses tut, sondern dass er uns in Situationen bringen kann, bei denen wir am Ende dastehen und die Frage stellen, ob es ihn wirklich gibt. Warum ist das so? Weil er eben nicht derjenige ist, der sich demonstrativ zeigt, der ein Wunder nach dem anderen vollbringt und in die Weltgeschichte eingreift und alles dem Menschen aus der Hand nimmt und sagt, der Mensch könne es sowieso nicht, er könne es viel besser und dann manipulativ den Menschen als Marionette an seinen Schnüren zieht. So ist Gott eben nicht. Die Rückseite dieses "So ist Gott nicht" sind dann solche Situationen, die uns an den Rand der absoluten Verzweiflung führen und an die Frage der Existenz Gottes.

DOMRADIO.DE: Kann man es zusammenfassen in ein Motto: "Gott will zwar Gutes, lässt aber auch Böses zu"?

Rahner: Das ist die große Frage. Woher kommt das Böse? Wir haben keine Antwort dafür. Die Bibel sagt uns nur, man könne Gott die Frage stellen. Er ist frei und hat uns als freie Menschen geschaffen. Aber am Ende ist er uns eine Antwort auf diese Frage schuldig. Da hat Hiob vollkommen Recht. Man darf also die Frage nach dem Bösen stellen. Gott bleibt aber eine Antwort schuldig.

DOMRADIO.DE: Sollte denn Ihrer Meinung nach die Formulierung im Vaterunser geändert werden oder bleiben wie sie ist?

Rahner: Wenn man in einer Katechese, wie wir sie betrieben haben, ständig eine Erklärung hinterherschieben muss, damit ein Satz richtig verstanden wird, dann kann man zumindest kritisch die Frage stellen, ob es nicht eine angemessenere deutsche Übersetzung gibt.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)

Wort des Bischofs

Der geistliche Impuls von Kardinal Woelki. Aktuell: Statement zur Missbrauchs-Studie.

DOMRADIO.DE auch auf Alexa

Gottesdienste, Nachrichten und das Evangelium – jetzt täglich auch auf Ihrem Echo und Echo Show!

DOMRADIO in Berlin und Brandenburg

Ab sofort auf DAB+ auch in Berlin und Brandenburg: Das Kölner DOMRADIO!

Mit Willibert in die Heilige Stadt

Im November 2019 ist es soweit: Erkunden Sie das ehrwürdige Rom auf dieser Pilgereise mit dem Rom-Kenner Willibert Pauels, Karnevalsfreunden und DOMRADIO.DE Besuchern auch bekannt als "ne Bergische Jung"!

Der gute Draht nach oben!

Tageskalender

Radioprogramm

  • Tageskalender
  • 21.09.
06:00 - 06:30 Uhr

DOMRADIO Morgenimpuls

06:30 - 10:00 Uhr

DOMRADIO Der Morgen

  • Katholische Verbände fordern bezahlbaren Wohnraum
  • Wohnungsnot: Wien zeigt es geht auch anders
  • Papstreise ins Baltikum steht kurz bevor
10:00 - 15:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

10:00 - 15:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

15:00 - 19:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

15:00 - 19:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

19:00 - 22:00 Uhr

DOMRADIO Der Abend

22:00 - 22:30 Uhr

DOMRADIO Nachtgebet

Heutiges Evangelium:
In dieser Woche zu Gast:
In dieser Woche zu Gast:

Wochenkommentar

Der DOMRADIO.DE Chefredakteur blickt auf die Woche.

Programmtipps

  • Lukasevangelium
    22.09.2018 07:50
    Evangelium

    Lk 8,4–15

  • Buch Mormon von Joseph Smith
    22.09.2018 09:10
    Anno Domini

    Das Buch Mormon

  • Spätsommerfrühherbst
    23.09.2018 07:10
    WunderBar

    Die Spätsommerfrühherbstfamili...

Kostenlose Radio-App für iPhone und Android

Nehmen Sie Ihr DOMRADIO.DE mit wohin Sie wollen und wann immer Sie Lust haben. Funktionen: Nachrichten, Podcasts, Mediathek, Wecker, Sleep-Timer, Bluetooth, Chromecast, AirPlay, CarPlay, Android Wear…

Empfangsanleitung zum Ausdrucken

Gemeinsam für das Mehr im Menschen

Berufungspastoral im Erzbistum Köln: Dein Platz in Kirche und Welt.

Das ganze Leben

Hilfsangebote der Kirche im Erzbistum Köln.

Der tägliche Impuls von Weihbischof Puff

Weihbischof Schwaderlapp beantwortet Glaubensfragen