Fest des Heiligen Januarius in Neapel
Fest des Heiligen Januarius in Neapel
Blutreliquie des Heiligen Januarius
Blutreliquie des Heiligen Januarius
Ritter des Januariusordens mit der Büste des Märtyrers
Ritter des Januariusordens mit der Büste des Märtyrers
Ältere Frau mit einem Rosenkranz
Ältere Frau mit einem Rosenkranz

19.09.2017

Blutwunder von Neapel pünktlich eingetreten Die einzige Hoffnung für die Stadt

Ein Wunder mit Ansage - dreimal im Jahr erleben es gläubige Katholiken in Neapel. Bei dem "Blutwunder von San Gennaro" verflüssigt sich in einer Ampulle das sonst verklumpte Blut des heiligen Januarius. So auch an diesem Dienstag wieder.

Dreimal im Jahr strömen Gläubige in Scharen in den Dom von Neapel. Sie verbringen dort Stunden, die meisten beten erwartungsfroh, still und unentwegt. Doch es gibt auch anspornende, ungeduldige Ausrufe wie "Gelbes Gesicht, bist du ärgerlich? Nun mach schon!" Das passiert, wenn "o miracolo" - das Wunder auf Neapolitanisch - zu lange auf sich warten lässt. Mit dem "gelben Gesicht" ist San Gennaro gemeint, der heilige Januarius, Märtyrer und Bischof von Benevent, Schutzpatron Neapels.

Er wird so genannt, weil seine Statue im Dom golden ist und folglich das Gesicht gelb erscheint. "O miracolo" ist das berühmte Blutwunder, das sich in der Regel mindestens dreimal im Jahr wiederholt: am ersten Mai-Wochenende, am 19. September und 16. Dezember. Bleibt es aus, gilt das als schlechtes Omen für die nahe Zukunft der Stadt am Vesuv, die ausreichend Erfahrungen mit Katastrophen hat.

Blutwunder eingetreten

Das eingetrocknete Blut des früheren Bischofs wird im Dom in zwei Ampullen in einer Art silberner Monstranz aufbewahrt. An den Gedenktagen bringt man diese in die Reliquienkapelle, schüttelt sie kräftig - und meist verflüssigt sich der Inhalt dann vorübergehend. Das nächste Blutwunder fand pünktlich am heutigen Dienstag statt, dem Todestag von San Gennaro, der 305 unter Kaiser Diokletian in Pozzuoli bei Neapel enthauptet worden sein soll.

Aller Verehrung zum Trotz - die katholische Kirche bleibt skeptisch und erkennt das Wunder offiziell nicht an. Die Überlieferung über Januarius stammt vor allem aus dem Martyrologium des Hieronymus und dem liturgischen Kalender von Karthago. In Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965), als das Verzeichnis der Heiligen und Seligen überarbeitet wurde, hat die Kirche San Gennaro zum "Ortsheiligen" degradiert. Wegen der großen Volksfrömmigkeit toleriert sie ihn aber - und damit auch das Blutwunder.

Überall auf der Welt, wo viele Neapolitaner leben, wird Januarius verehrt. Selbst in New York, im einstigen "Little Italy", wird San Gennaro im September tagelang gefeiert. Der Überlieferung zufolge hat eine fromme Frau gleich nach seiner Enthauptung sein Blut aufgefangen und aufbewahrt. Das Wunder der Verflüssigung ist seit 1389 belegt, als die Ampullen erstmals in die Nähe seiner Kopfreliquie gebracht worden seien. Seitdem verflüssigt es sich mit schöner Regelmäßigkeit.

Das Wunder passiert oft auch am 16. Dezember. An diesem Tag des Jahres 1631 brachten die Neapolitaner die Ampullen in die Nähe des ausbrechenden Vesuvs und flehten ihren Heiligen an, die Stadt vor der Lava zu bewahren. Tatsächlich verflüssigte sich der Inhalt, und Neapel blieb verschont.

Der Volksglaube zählt

In der Vergangenheit gab es schon viele naturwissenschaftliche Forschungen über das Phänomen. Doch sie konnten schon deshalb keine eindeutigen Beweise bringen, weil dazu Verflüssigung von Substanzen nur simuliert, der Ampulleninhalt selbst aber gar nicht untersucht wurde. Weiter unklar ist: Ist in der Monstranz überhaupt Blut? Und stammt es überhaupt von San Gennaro? Heutzutage wäre ein solcher wissenschaftlicher Nachweis denkbar. Aber kaum jemand scheint daran Interesse zu haben. Der Volksglaube zählt.

Auch für Papst Franziskus, wie sich bei dessen Neapel-Besuch im März 2015 zeigte. Ihm zu Ehren waren die Ampullen aus dem Safe geholt worden. Das Ergebnis: San Gennaro wirkte das Wunder außer der Zeit; der Ampulleninhalt verflüssigte sich, wenn auch nur zum Teil. Das sei ein Zeichen, "dass wir uns alle mehr bekehren müssen", erklärte Franziskus schlagfertig. Dann küsste er die Monstranz - so, wie das alle Gläubigen nach der Verflüssigung an den Gedenktagen tun, wenn ihnen Kardinal Crescenzio Sepe, Erzbischof von Neapel, im Dom die Monstranz entgegenhält.

"Für mich ist San Gennaro alles. Er erscheint mir im Traum, er gibt mir Hoffnung, er erfüllt meine Wünsche", sagt eine ältere Neapolitanerin, die seit 26 Jahren dreimal jährlich in den Dom kommt.

Skeptisch sind meist jüngere Leute; sie diskutieren in Internet-Foren. "Schluss mit diesem Wunder auf Kommando! Der Glaube ist was anderes", schreibt etwa Marco. Und Eliana meint: "San Gennaro - für viele bist du ein Betrug und einer, hinter dem die Camorra (Ortsmafia) steckt".

Großer Schatz

Doch da widerspricht selbst der berühmte Mafia-Experte Roberto Saviano. Der Journalist erinnert an die großen Probleme von Neapel mit seinen knapp eine Million Einwohnern. Über 40 Prozent der jungen Menschen sind arbeitslos; andere kommen gerade so über die Runden. Saviano: "In einer so verzweifelten Stadt ist dieser Zauber die einzige Hoffnung".

Die Einwohner sind alle irgendwie Miteigentümer des berühmten Schatzes von San Gennaro. Über die Jahrhunderte wurde dem Heiligen von Päpsten, Königen und anderen Verehrern so viel kostbarer Schmuck geschenkt, dass ihr Gesamtwert den der britischen Kronjuwelen übersteigen soll - Diamanten, Brillanten, Rubinen, Gold und Silber.

Der Kunstexperte Vittorio Sgarbi schätzt ihn auf eine Milliarde Euro. Ein Laienrat aus Vertretern adliger Familien mit dem Bürgermeister an der Spitze verwaltet den Schatz, der größtenteils in einem Banksafe liegt. Nur ein kleiner Teil befindet sich im Museum neben der Kathedrale. Er gehört der Stadt - und damit allen Neapolitanern. Wie San Gennaro.

Christa Langen-Peduto
(KNA)

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