Der See Genezareth blickt auf eine lange Geschichte
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20.09.2016

"Glaubensfragen" auf dem Deutschen Historikertag Historiker: "Glauben wird es immer geben"

Heute beginnt der größte geisteswissenschaftliche Fachkongress Europas: Alle zwei Jahre wird zum Deutschen Historikertag geladen, dieses Jahr geht es um "Glaubensfragen". Prof. Markus Friedrich von der Universität Hamburg hat mit uns darüber gesprochen.

domradio.de: "Glaubensfragen" – das ist auf den ersten Blick ein sehr weit gefasstes Thema. Warum ist es für den Deutschen Historikertag interessant, in diesem Jahr über Glauben zu sprechen?

Prof. Markus Friedrich (Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Hamburg): Glauben ist ein Thema, das in unserem Leben sehr präsent ist und zwar in ganz verschiedenen Dimensionen. Der Historikertag möchte sich gerne die Vielfalt dieser Dimensionen zum Thema machen. Zum einen ist da natürlich die religiöse Seite, die von vielen Menschen sofort erkannt wird. Wir möchten aber gerne in den nächsten Tagen auch darauf hinweisen, dass Glauben in vielen anderen Bereichen des Lebens ganz wichtig ist: In der Ökonomie spielen Glauben und Vertrauen eine wichtige Rolle, in den Naturwissenschaften ist Glauben ganz wichtig; denken Sie an die USA, wo zum Beispiel der Klimawandel im Moment zu einer Glaubensfrage für die Menschen wird. Es lassen sich noch viele weitere Bereiche nennen. Wir denken, dass es ein ganz aktuelles Thema ist - auch und gerade im Jahr 2016.

domradio.de: Da haben Sie schon den einen oder anderen Aspekt angedeutet, wie sich Glaubensfragen im Laufe der Zeit auch verändern. Das ist Ihre Disziplin: die Geschichte. Also, was tut sich da? Gewinnt der Glaube an Relevanz oder nimmt das eher ab?

Prof. Friedrich: Ich würde sagen, dass Glauben unverzichtbar ist für die Menschen. Glauben hat es immer gegeben, Glauben wird es immer geben. Ich denke, die Menschen sind so gestrickt, dass sie einfach bestimmte Dinge für wahr nehmen müssen, auch wenn wir sie nicht überprüfen können oder vielleicht auch nicht überprüfen wollen. Wir als Historiker können untersuchen, wie sich das gewandelt hat, wie sich die Formen des Glaubens verändern und auch, wie die Menschen mit Konflikten im Glauben umgehen.

domradio.de: Glauben ist für viele etwas total Persönliches, es gibt Halt. Religionen andererseits - soweit sie sich in organisierter Form präsentieren - bieten dagegen immer wieder Nährboden für Konflikte. Geht es Ihnen darum, am Ende des Historikertages eine Position entwickelt zu haben?

Prof. Friedrich: Als Wissenschaftler sind wir immer skeptisch, wenn es darum geht, Positionen zu entwickeln. Als Wissenschaftler wollen wir zunächst einfach den natürlichen Wandel beschreiben. Ich glaube dann aber, dass die Beschreibung der Veränderungsprozesse im Glauben große Wirkungen auch in die Öffentlichkeit hinein entfalten kann. Meistens ist es ja so: Wenn Wissenschaftler und Historiker über so etwas nachdenken, kommt am Ende raus, dass alles komplizierter ist, als man es vorher gedacht hat. Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß. Es gibt nicht nur gut und böse. So ist es auch im Glauben; und wenn diese Botschaft am Ende des Historikertags dann auch über die Hörsäle hinausdringt, wäre aus meiner Sicht für die aktuelle Debatte und grundlegend schon vieles gewonnen. Es ist nicht so einfach, den Glauben auf gut oder böse, richtig oder falsch, befolgenswert oder ablehenswert festzulegen. Es ist ein wichtiges Phänomen, das ganz viele Schattierungen hat und wenn das am Ende ankommt, glaube ich, wäre für die aktuelle Debatten ein großer Fortschritt erzielt.

domradio.de: Wie stehst denn grundsätzlich um die Vereinbarkeit? Also der Historikertag ist ja eine wissenschaftliche Veranstaltung, den Glauben schiebt man in eine andere Sphäre hinein. Wie führen Sie die beiden Welten zusammen?

Prof. Friedrich: Ich würde sagen es gibt bestimmte Unterschiede, oder man hat in der Geschichte bestimmte Unterschiede zwischen Glauben und Wissen gemacht. Uns ist es aber ein ganz wichtiges Anliegen zu sagen, dass es fließende Grenzen gibt. Keine Wissenschaft, die Wissen dann herstellt, kann ohne Glauben auskommen. Wissenschaftler haben Werte, Wissenschaftler haben Standpunkte - politischer aber auch sonstiger Art. Das beeinflusst natürlich, was wir in unserem täglichen akademischen Tun so treiben. Umgekehrt werden Wissensbestände immer wieder auch zu Glaubensfragen. Ich denke also nicht, dass es eine klare Grenze zwischen den beiden Formen gibt, auch wenn es bestimmte Unterschiede historisch immer wieder gegeben hat. Für uns ist es wichtig, glaube ich, festzustellen, dass Glauben und Wissen einander beeinflussen und dass es unmöglich ist, beides ganz klar auseinander zu dividieren und dann vielleicht das eine für gut und richtig und das andere für falsch und verführerisch zu halten.

domradio.de: Wenn wir auf unsere deutsche Gesellschaft schauen und fragen: "Wo spielt Glaube gerade eine Rolle?" Dann ist da in der medialen Berichterstattung sicherlich der muslimische Glaube sehr präsent. Derzeit kommen viele Muslime nach Deutschland. Und es gibt Stimmen, die sagen: Dieser Glaube, der passe nicht zusammen mit dem christlichen Abendland und seinem Glaubensverständnis. Meinen Sie, dass das andersherum auch genauso gut ein Anknüpfungspunkt, eine Chance sein kann? Denn immerhin ist es ja ein Glaube?

Prof. Friedrich: Ich denke, das ist eine ganz wichtige Debatte, die uns auch bewusst war, als wir das Motto gewählt haben. Mein Standpunkt, sowohl persönlich, sowie als Forscher zur frühen Neuzeit, ist, dass bei so einer wissenschaftlich kritischen Auseinandersetzung, wie sie der Historikertag mit dem Phänomenen betreibt, am Ende herauskommen wird, dass es nicht den Islam gibt, so wie es nicht das Christentum oder das Judentum oder irgendwelche einheitlich anderen Weltreligionen gibt. Es gab immer internen Wandel und interne Vielfalt in allen Religionen, die die Menschen im Lauf der Zeit hervorgebracht haben. Insofern würde ich sagen, jede Religion, der Islam wie das Christentum, bieten Ansatzpunkte für viele gemeinsame Erfahrungen. Er bietet Ansatzpunkte für Toleranz, aber natürlich auch für Ausgrenzung, für Gewalt, für Verachtung anderer Menschen. Das gilt, denke ich, für den Islam genauso wie für das Christentum. Es wäre wieder die Aufgabe des Historikertags oder überhaupt der Gesellschafts- und Kulturwissenschaften herauszufinden, warum manche Religionen zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Kontexten die eine oder die andere Facette, die sie so in sich tragen, besonders ausleben. Die Frage ist dann ja häufig auch, ob das dann wirklich etwas mit Religion und mit den Glaubensvorstellungen zu tun hat, ob es sich da nicht auch häufig um maskierte, politische Anliegen handelt, die zu solchen Eskalation führen können.

Das Interview führte Daniel Hauser.

(DR)

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