Daniel Böcking - Stellvertretender Chefredakteur bei bild.de schreibt "Ein bisschen Glauben gibt es nicht"
Daniel Böcking - Stellvertretender Chefredakteur bei bild.de schreibt "Ein bisschen Glauben gibt es nicht"

13.08.2016

BILD-Journalist über seinen Weg zu Gott Ein bisschen Glauben gibt es nicht

Daniel Böcking steht mitten im Leben, ist verheiratet und hat drei Kinder. Beruflich ist er als stellvertretender Chefredakteur von bild.de gut ausgelastet. Und doch hat ihm der Glaube an Gott gefehlt - in seinem Buch beschreibt er den Weg dorthin.

domradio.de: In Ihrem Buch beginnen sie ganz vorne, in ihrer Kindheit: Wie hat ihre Beziehung zum Glauben begonnen?

Daniel Böcking (Stellvertretender Chefredakteur von bild.de): Ich glaube eigentlich an Gott solange ich denken kann. Er hat mich immer auf irgendeine Weise begleitet, aber wahrscheinlich so, wie es ganz vielen Millionen Deutschen auch geht: Ich war bei den katholischen Pfadfindern, später beim CVJM. Ich hatte Religionsunterricht, so kam ich auch zur Konfirmation. Ich habe also diesen ganz normalen Weg genommen und hatte immer irgendwo einen gewissen Gottesglauben, ohne mich weiter mit dem Glauben zu beschäftigen. Es gab auch keine tieferen Anlässe, einmal zu hinterfragen: was bedeutet das denn eigentlich für mein Leben? Für mich gab es da jemanden, ob der nun auf einer Wolke saß, ob es eine Kraft war oder was auch immer, der in irgendeiner weise sicherlich existiert. Was der von mir wollte war mir eigentlich gar nicht klar und insofern hat er auch nicht wirklich hart in mein Leben eingegriffen.

domradio.de: Würden Sie dafür einen Grund attestieren?

Böcking: Ich kann es rückblickend eigentlich gar nicht sagen – ich kann wahrscheinlich das gleiche sagen, was viele Jugendliche hätten berichten können: Es war mir nicht wirklich einladend. Der Gottesdienst war für mich eher etwas Pflichtschuldiges. Ich habe sowohl evangelische als auch katholische Gottesdienste besucht und es war nichts, worauf man sich an einem Sonntagmorgen freute, sondern etwas, das man hin und wieder machen musste. Es gab nicht diesen einen Moment, in dem es bei mir klick gemacht hat und ich gesagt habe: jawohl, das ist es! Ich habe mich selber nie wirklich aufgerafft, auf eine Suche zu gehen, sondern war ganz fröhlich mit meinem Leben. Es gab keinen Anlass oder Impuls dafür, dass ich etwas hätte ändern müssen.

domradio.de: Die Phase Ihres persönlichen Glaubens hat sich weiterentwickelt als sie ins Berufsleben eingestiegen sind. Sie haben die Axel-Springer-Akademie besucht und ihren Berufsweg als Bild-Reporter in Düsseldorf begonnen. Trotzdem ist das Thema Glaube immer wieder bei Ihnen aufgekommen.

Böcking: Das stimmt. Ich habe mich dem Glauben nie ganz verschlossen oder „auf Wiedersehen“ gesagt. Der Glaube war immer da, nur nicht dauerhaft präsent. Als ich mich damals bei der Axel-Springer-Akademie beworben habe, war mein erster Satz: Wenn der liebe Gott einen Plan mit mir hatte, war es der, Journalist zu werden. Das heißt, es muss für mich noch in irgendeiner Weise präsent gewesen sein. Es gab auch Zeiten, wo ich für mich persönlich absurde Strategien für den Glauben ausgetüftelt habe. Ich hatte Pläne wie: Ich mache alles, um im Journalismus ganz weit nach Vorne zu kommen – irgendwann bin ich ein ganz großer Journalist und mache ganz große Schlagzeilen, habt euch alle lieb und die Welt ist schön. Bis ich am dritten Tag höchstwahrscheinlich völlig zurecht gefeuert werde, aber dann hätte ich zumindest alles Gute getan, was ich hätte tun können. Das ist natürlich totaler Quatsch und es klingt total bekloppt. Später habe ich mich aber mit Christen und solchen, die sich Christen nennen, unterhalten und herausgefunden: es ging ihnen ähnlich. Ich glaube, es ist heutzutage gar nicht mehr ungewöhnlich, dass man zwar sagt „ich glaube“, aber keine genaue Vorstellung mehr davon hat, woran man glaubt und beginnt, sich seinen persönlichen Individualglauben zu schnitzen.

domradio.de: Sie waren 2010 nach dem Erdbeben in Haiti und bei der Loveparade-Katastrophe mit dabei. Auch das Gottvertrauen der Bergleute, die in Chile in der Berggrube eingeschlossen waren, haben sie erlebt. Das alles hat sie verändert. Sie sind zu einem Katastrophen-Koordinator geworden…

Böcking: Den stärksten Impuls habe ich in Haiti nach dem Erdbeben erlebt. Das ist eher zufällig in einer Zeit passiert, in der ich in der Chefredaktion von Bild für die Digitalstrategie zuständig war. Es war also nicht mehr mein klassischer Job, wie lange Zeit als Polizeireporter raus zu gehen. Für mich war es sehr krass von heute auf morgen in die Katastrophe zu fahren. Wir haben dort einen Hilfsflieger begleitet, für dessen Organisation ich zuständig war. Gerade in Haiti war Tod, Verzweiflung, Schmerz und Leid wahnsinnig präsent. Was mich dabei aber am meisten berührt hat, waren die ehrenamtlichen Helfer und christlichen Hilfsorganisationen, die aus Gottvertrauen und Gotteskraft gehandelt haben. Ohne sich zur Verzweiflung bringen zu lassen, das Leid auszublenden oder zu hadern, haben sie Stärke und Kraft aus ihrem Gottvertrauen gezogen. Als ich mich zum Beten dazu gesellt habe, habe ich völlig neue Impulse bekommen. Jesus Christus sollte eine gewaltige Rolle im Leben eines Christen spielen - in meinem Leben hatte er die bis dahin noch nie. Ob er coole Sachen gesagt hat oder der Erlöser war, hatte mich mit meinem kleinen Glauben, den ich bis dahin gepflegt hatte, nie beschäftigt. Gerade die Helfer in Haiti haben mich verändert. Glauben anzutreffen mitten in Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Trauer hat sich dann bei der Loveparade mit ihren 21 Toten und der Trauerverarbeitung fortgesetzt. Genau wie in Chile, wo die Familienangehörigen wochenlang darauf hofften, dass ihre Väter und Ehemänner gerettet werden und dies in Gebeten zum Ausdruck gebracht haben.  

domradio.de: Trotz tollem Job und erfülltem Privatleben hat Ihnen etwas gefehlt: Gott und der Glaube. Ab wann wurde die Suche nach Gott spannend für Sie?

Böcking: Das war in den Folgejahren. Es ist nicht so, dass mir von einen Tag auf den anderen alles hell erschienen wäre und ich gedacht hätte „Juhu, jetzt habe ich’s“. Es war tatsächlich ein etwas längerer Weg. Ich habe mich nach den Ereignissen im Jahr 2010 bei einer christlichen Hilfsorganisation zum Katastrophenkoordinator ausbilden lassen und war dabei zum ersten Mal mit Christen im Gespräch. Nach sehr vielen Gesprächen über Jesus Christus und Gott habe ich gemerkt, dass es totaler Irrsinn ist, wenn ich sage „ich glaube an Gott“, ohne dass er das wichtigste in meinem Leben oder der Dreh- und Angelpunkt ist.  Wenn ich an Erlösung und das Leben nach dem Tod glaube, muss es eigentlich total logisch sein, dass ich mein Leben danach ausrichte und das der neue Schwerpunkt in meinem Leben ist. Das war wie ein Sechser im Lotto für mich, darüber habe ich auch in meinem Buch geschrieben. Selbstverständlich plane ich mein Leben neu und kremple alles um nach einem solchen Gewinn, weil ich plötzlich ganz neue Möglichkeiten habe. Ähnlich habe ich auch die Erkenntnis für mich empfunden: Es ist Wahnsinn was ich für ein Geschenk ich ignoriert habe. Dann habe ich angefangen, mich damit zu beschäftigen – ganz platt gesagt: ich habe angefangen, den Glauben auszuprobieren und in der Bibel zu lesen. Nicht einfach das Vaterunser runterzuleiern, sondern einen Dialog zu suchen. Monat für Monat und am Ende fast Jahr für Jahr – dieser Weg dauerte gewiss noch zwei Jahre. Da habe ich gemerkt, dass aus meinem Glauben eine Gottgewissheit wurde, sagen zu können: „Ja das stimmt alles!“ Es sind natürlich irgendwann Punkte erreicht, an denen man mit seiner Ehefrau und seinen Freunden darüber reden muss und sagt: Da ist etwas in meinem Leben, das eine ganz neue Wichtigkeit für mich hat und ganz konkrete Veränderungen nach sich ziehen sollte. 

domradio.de: Wie würden Sie ihre Art zu glauben heute beschreiben?

Böcking: Das ist eine sehr gute Frage – darüber habe ich noch nie nachgedacht. Wahrscheinlich kann man fast ‘kindlich naiv‘ sagen. Das liegt daran, dass ich selber auch beim Schreiben des Buches gemerkt habe, dass ich jeden Tag und in jedem Gespräch wahnsinnig viel lerne und fragend auf viele Sachen zugehe. Was sich aber bei mir manifestiert hat, ist diese Glaubenstiefe und die totale Ruhe, zu wissen, es gibt Gott und Jesus Christus und die Vergebung, die uns allen widerfahren ist – das sind wundervolle Geschenke, über die ich mich freuen kann! Ich habe die Bibel und das Gebet, um mir jeden Tag Aufträge oder Hinweise darauf zu holen, wie mein Leben zu laufen hat und woraus ich jede Minute im Leben schöpfen kann. Es gibt eigentlich nichts, worauf der Glaube keinen Einfluss hat und es ist nichts in meinem Handeln vorhanden, das davon nicht berührt wäre.

domradio.de: Sie sind stellvertretender Chefredakteur bei bild.de - Wie geht Ihr Gaube mit ihrem Job überein, bei dem Polarisieren eigentlich zum Alltag gehört?

Böcking: Ich will gar nicht verhehlen, dass bei Bild Polarisieren zum Alltag gehört, das wäre sicherlich totaler Quatsch! Aber es geht ganz wunderbar überein! Sie haben völlig Recht dass diese Frage nach Bild immer wieder gestellt wird, ich habe auch schon mehrfach über den Glauben geschrieben, auch für Bild, und immer wieder kamen solche Fragen: „Wie kannst du denn als Christ bei Bild arbeiten?“ Meine ganz ehrliche Antwort darauf war immer „Warum denn nicht?“ Polarisieren per se sehe ich nicht als etwas Falsches an. Ich bin sehr glücklich in einem Team wie dem bei Bild zu arbeiten, in dem ich meinen Glauben auch ausdrücken und darüber reden kann. Dort gibt es viele Menschen, die nicht gläubig sind, genauso wie Muslime, Juden und auch Christen. Wir gehen alle sehr offen, ehrlich und gut damit um und können unsere Werte in Diskussionen einbringen. Es ist eine sehr lebhafte Runde, die einen in meinen Augen fantastischen Journalismus macht.

domradio.de: Ein spannendes Kapitel in Ihrem Buch dreht sich um das Thema Gottvertrauen. Auch und gerade wenn wir viel von Terrorangst sprechen. Wie hilft Ihnen Gottvertrauen dabei, diese Angst zu relativieren?

Böcking: Ich vertraue auf Gott, das ist ja eigentlich die einzige Antwort! Warum habe ich das geschrieben? Vor allem auch deswegen, weil ich gesehen habe, wie verängstigt viele Menschen reagieren und weil es mich wirklich angefasst hat, dass gerade in einer Zeit, in der ich zum Glauben gefunden habe und sagen konnte „hier ist eine 180 Grad Kehre, ich kehre jetzt um zu Gott und das ist das wichtigste in meinem Leben“,  der Glaube um mich herum in meinem Augen oder gefühlt immer leiser wurde. Dass es in Zeiten des Terrors von ISIS etc. fast schon anstößig war, über seinen Glauben zur reden. In der Sekunde, in der man sagt „ ich glaube wirklich so richtig und mit Haut und Haaren an etwas“, man fast schon als Radikaler oder Extremist wahrgenommen wird. Dabei lehrt mich der christliche Glaube Barmherzigkeit, Nächstenliebe und so wunderbare Eigenschaften, in denen ich sehr gerne radikal sein möchte. Ich habe es ganz anders verstanden: nicht ängstlich sein, sondern gerade jetzt voller Mut zum Glauben stehen, der etwas sehr persönliches und Gutes ist, so wie ich ihn für mich verstanden und erlebt habe und es in Gebeten immer wieder von Gott erfahre. Ich kann tatsächlich so weit gehen und sagen: Ich fürchte den Tod nicht. Das soll nicht heißen, dass ich eine gewisse Todessehnsucht habe und jetzt gerne in Katastrophengebiete und gefährliche Gebiete reisen möchte. Ich glaube aber tatsächlich, dass es nicht unsere Aufgabe als Christen ist zu hadern, zu verzweifeln und uns zu verstecken. Wir sind mit so vielen Geschenken ausgestattet, dass wir gerade jetzt eine Zeit haben, in der wir unsere Werte zeigen und zu unserem Glauben stehen können. Ganz praktisch auf den Alltag gemünzt heißt das, in einer Flüchtlingskrise selbstverständlich Hilfe anzubieten und dort Nächstenliebe walten zu lassen. In all den Aufträgen, die ich der Bibel entnehme, ist nirgendwo der Punkt ist: Hab ganz viel Angst, zittere und werde vielleicht sogar noch ablehnend und isoliere dich durch all das, was um dich herum passiert. Das Gegenteil ist der Fall, ich entnehme der Bibel ganz viele Aufträge zum Handeln!

Das Interview führte Dr. Christian Schlegel

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