Paul M. Zulehner
Paul M. Zulehner

16.02.2016

Pastoraltheologe Zulehner über die Rolle der Christen in der Flüchtlingskrise Das Christliche im Abendland

Der Theologe Paul M. Zulehner hat eine Umfrage dazu gemacht, wie die Menschen mit der Flüchtlingskrise umgehen. 'Entängstigt euch!' lautet der Titel seines neuen Buches. Was hinter der Aufforderung steckt, erzählt er im domradio.de-Interview. 

domradio.de: An der Online-Umfrage, die Sie für das Buch durchgeführt haben, haben sich über 3.000 Menschen beteiligt. Was hat Sie bei den Ergebnissen am meisten überrascht? 

Prof. Paul M. Zulehner: Wir wussten, dass es im Prinzip drei Gefühlsgruppen gibt: Diejenige, die sehr zuversichtlich ist, die sich vielleicht an der Politik von Angela Merkel orientiert. Dann eine zweite Gruppe, die sehr abwehrend ist, die sich mehr an der Politik von Viktor Orban orientiert. Und dazwischen gibt es eine Gruppe, etwa die Hälfte der Menschen, die verunsichert ist und zur Angst neigt. Wir wollten erstens wissen: Wie sieht die Einstellung dieser drei Gefühlslager aus? Und die zweite Frage war: Wie kann man sich erklären, dass in ein und derselben gesellschaftlichen Situation die einen auf Abwehr, die anderen auf Zuversicht und die dritten auf rationale Besorgnis setzen?  

Unsere Vermutung war, dass die Entscheidung fällt, bevor man auf die Situation zugeht. Das heißt, man geht mit einer bestimmten Einstellung auf die Flüchtlingssituation zu und neigt eher zur Zuversicht oder zur Abwehr - je nachdem wieviele Ängste man in seiner eigenen Biografie angesammelt hat. Wieviele Ängste man vor dem sozialen Abstieg hat. Wieviele Ängste man auch hat, in einem kurzen Leben mit knappen Chancen zu kurz zu kommen. Das war unser Ansatz und es hat sich voll bestätigt, dass die vorhandenen Ängste die Weichen stellen.

domradio.de: Sie sagen nun: Entängstigt euch! Wie soll das denn gehen?

Zulehner: Das hat mich als Pastoraltheologe interessiert. Jetzt leben die Menschen bei uns, suchen nach Schutz, wollen integriert werden - ein Teil von ihnen jedenfalls. Viele wollen, wenn es Frieden in Syrien gibt, gerne wieder zurückkehren. Meine Kernfrage war, wie es gelingen kann, eine positive Haltung einzunehmen. Es müsste gelingen, dass die Angst kleiner und die Hilfsbereitschaft und Solidarität größer wird.  

Wir haben Lösungsvorschläge erarbeitet. Der erste ist der vielleicht wichtigste und einfachste: Es braucht Begegnungen mit Gesichtern. Man muss Menschen kennenlernen und sich ihre Geschichte erzählen lassen. Man muss mit ihnen Feste feiern, Musik machen, kochen. Die zweite Strategie ist: Wir brauchen einen Versuch, politische Bildung zu machen. Wir brauchen auch interreligiöse Bildung. Ein Phänomen der Abwehr ist ja der Kampf gegen die befürchtete Islamisierung. 

domradio.de: Die Pegida-Bewegung warnt vor der Islamisierung des Abendlandes. Sie wollen in dieser Situation das Christliche im Abendland retten, wie Sie in Ihrem Buch schreiben. Wie meinen Sie das?

Zulehner: Es überrascht ja, dass im atheistischen Osten Deutschlands die Rettung des christlichen Abendlandes auf dem Programm steht. Es hat sich ja niemand aufgeregt, dass das christliche durch den schleichenden Atheismus gefährdet ist. Das Christliche im Abendland zu retten, heißt, jetzt zu sagen: Es sind alle Geschöpfe Gottes. Und ein Kind, dass an die türkische Küste tot angeschwemmt wird, ist letztlich eines von uns. Es kann uns nicht belanglos sein, was mit den unglaublich bedrohten Menschen, die vor dem Krieg flüchten, geschieht. Wir sind eigentlich als Christen solidarisch geborene Menschen. Es ist ja erfreulich, dass sich der Großteil der Christen heute dieser Aufgabe stellt. Es gibt aber auch Christen, die zur Fraktion der Abwehr und der Hetze gegen den Islam gehören. Das tut mir als christlichem Theologen sehr weh. 

Das Interview führte Mathias Peter. 

(dr)

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