Flüchtlingsboot im Mittelmeer
Flüchtlingsboot im Mittelmeer

01.08.2015

Seemannsmission: Seeleute bleiben mit Flüchtlingsleid allein Retten und weiter

Die humanitäre Katastrophe auf dem Mittelmeer hat ihren Höhepunkt offenbar noch nicht erreicht. Mit domradio.de spricht Seemannsdiakonin Reinhild Dehning über die Seeleute. Sie sind oft die ersten Helfer auf offenem Meer.

domradio.de: Die Mission ist für alle Seeleute offen. Wer steht da bei Ihnen in der Tür?

Reinhild Dehning (Seemannsdiakonin im Hafen von Piräus, Griechenland): Es kommen eigentlich alle Seeleute - egal welcher Nationalität und welcher Religion. Da wir hier in Piräus die einzige Seemannsmission sind, auch die einzige Seemannsmission in Gesamtgriechenland laden wir alle zu uns ein und wir gehen auch zu allen Seeleuten auf die Schiffe.

domradio.de: Wie kann ich mir das praktisch vorstellen? Bekommen die Leute einen Kaffee und dann sagen sie, welche Probleme sie haben?

Dehning: Meistens gehen wir eher direkt auf die Schiffe, weil sie wirklich ganz oft gar keine Zeit haben vom Schiff lange herunter zu gehen. Wir gehen also an Bord. Wir bekommen von ihnen oftmals den Kaffee, dann setzt man sich hin und schaut, wer Zeit und wer Luft zum Gespräch hat.

domradio.de: Welche Probleme haben die Leute?

Dehning: Das sind sehr vielfältige Probleme. Sie sind teilweise 6-8 Monate unterwegs, leben und arbeiten in einer Zwangsgemeinschaft. Sie haben es sich nicht ausgesucht, mit wem sie zusammen zur See fahren und können auch nicht schnell mal einen Freund anrufen oder mit ihren Angehörigen sprechen. Wir sind als Seemannsmission bekannt, uns vertraut man und mit uns redet man über die Problematiken, wie zum Beispiel Familie, über Geldsorgen oder auch, was mit dem Arbeitsplatz ist. Es ist ganz vielfältig, so wie der Mensch auch vielfältig ist. Jeder hat sein eigenes Päckchen und manchmal mag er das mit uns teilen.

domradio.de: Spielt das denn eine Rolle, dass Sie eine christliche Organisation sind, bei denen auch der Glaube der Seeleute eine Rolle spielt?

Dehning: Auf jeden Fall! Wir werden auch häufig nach religiösen Dingen oder auch nach religiösen Handlungen angefragt, zum Beispiel ein gemeinsames Gebet oder eine Andacht an Bord. Das heißt aber, dass wir nicht immer nur religiös angesprochen werden. Wenn wir nur eine soziale Einrichtung wären, würde die Komponente vielleicht wegfallen. Wir bieten alles, die soziale Betreuung, aber auch die religiöse Komponente.

domradio.de: Piräus ist der drittgrößte Mittelmeerhafen Griechenlands. Übers Mittelmeer kommen so viele Flüchtlinge wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Das spielt für die Seeleute, mit denen sie sprechen, sicherlich eine große Rolle, oder?

Dehning: Eine sehr große Rolle. Die Schiffe fahren ja ihre Routen übers Mittelmeer, teilweise eben von Griechenland nach Nordafrika und auf manchen Routen ist es einfach möglich, auf Flüchtlingsschiffe zu treffen und wenn nun ein Flüchtlingsschiff in Seenot ist, müssen natürlich die Seeleute helfen. Sie sind ja auch dafür ausgebildet in Seenotfällen aktiv zu werden. Wofür sie nicht ausgebildet sind: So viele Menschen aufzunehmen, längere Zeit zu beherbergen und auch alles, was an Bord ist, mit ihnen zu teilen. Die Belastung ist extrem groß. 

domradio.de: Es hat sich in den letzten Jahren also Einiges geändert?

Dehning: Es hat sich Einiges geändert. Durch die ganzen Flüchtlingsströme passiert es eben häufiger, die Häufigkeit und auch die Qualität haben sich geändert. Die Seeleute werden mehr involviert in das ganze Geschehen. Die professionellen Retter haben zum Beispiel später eine Möglichkeit, das Ganze aufzuarbeiten. Sie haben eine psychologische Betreuung. Seeleute geben später die Flüchtlinge ab, egal welches Leid sie gesehen haben. Sie fahren weiter, ohne dass sich jemand um sie kümmert.

domradio.de: Was sagen Sie zu den Seeleuten, wenn sie Ihnen von Flüchtlingsbegegnungen erzählen?

Dehning: Es gibt keine Standardsituation. Es kommt darauf an, wie der Seemann das empfunden hat, wie hat er das erlebt, wie viel Zeit haben wir, miteinander zu reden. Was ich ihm mitgeben kann, ist das Gefühl, er kann sich mir anvertrauen, er kann mir alles erzählen, was er empfunden und erlebt hat. Ich kann in der Zeit, die ich mit ihm habe, ihm ermöglichen, die Situation leichter zu tragen.

 

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch

(dr)

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