21.05.2021

Forschungsprojekt zur Zukunft von Flüchtlingen auf dem Land Migranten zieht es nicht nur in die Städte

Ein Forschungsprojekt zeigt, dass ländliche Regionen für in Deutschland ankommende Flüchtlinge offenbar attraktiver sind als angenommen - und dass viele Kommunen ihre Chancen nicht nutzen, um Zuwanderer zu halten.

Seit 2014 kommen immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland und werden vermehrt auch in ländlichen Regionen untergebracht. Weit verbreitet ist die Auffassung, dass die meisten von ihnen dort nicht bleiben, sondern auf der Durchreise in die Großstädte sind. Ein Forschungsprojekt unter Federführung des Thünen-Instituts für Ländliche Räume in Braunschweig zeigt nun, dass dies in vielen Fällen falsch ist.

"Von Durchreise kann keine Rede sein", sagte Projektleiter Peter Mehl vom Thünen-Institut am Donnerstag bei der Vorstellung der Ergebnisse in Braunschweig. "Es stimmt nicht, dass alle Geflüchteten in die Städte ziehen." Bisher sei die Migrations- und Integrationsforschung überwiegend auf urbane Räume bezogen gewesen. Ländliche Regionen seien nur vereinzelt untersucht worden.

Nun liefern die Forscher erstmals Fakten: Für das aus dem Bundesprogramm ländliche Entwicklung geförderte Projekt "Zukunft für Geflüchtete in ländlichen Räumen Deutschlands" haben Wissenschaftler mehrerer Disziplinen und Universitäten jeweils zwei Landkreise in Bayern, Hessen, Niedersachsen und Sachsen empirisch untersucht. Dabei zeigte sich, dass ein großer Teil der Flüchtlinge, die seit 2012 dort untergekommen sind, auch heute noch vor Ort lebt. Den höchsten Bleibeanteil weist mit rund 75 Prozent der Landkreis Vechta in Niedersachsen auf.

Erreichbarer Arbeitsplatz

Während Umzüge laut den Forschern kurz nach der Ankunft der Flüchtlinge noch sehr häufig sind, stabilisieren sich ihre Wohnverhältnisse mit der Zeit. Eine Bleibeorientierung entwickeln sie vor allem dann, wenn sie sich vor Ort wohl fühlen, sicher leben können und Begegnungen mit der Lokalbevölkerung, aber auch mit anderen Neuzugewanderten möglich sind.

"Zentral für das Bleiben ist ein guter Arbeitsplatz, der gut erreichbar sein muss", so Stefan Kordel von der Universität Erlangen-Nürnberg. Für viele Flüchtlinge sei zudem eine Unterstützung durch Ehrenamtliche entscheidend.

Einen großen Unterschied könne das Engagement einzelner Personen aus Politik und Verwaltung machen, erklärte Hannes Schammann von der Universität Hildesheim. "Bürgermeisterinnen oder Bürgermeister und auch Sachbearbeitende können selbst bei widrigen Ausgangsbedingungen einen spürbaren Einfluss haben."

Ländliche Regionen haben oft wenig Kontakt zu Migranten

Wesentliche Voraussetzung für das soziale Wohlbefinden der Flüchtlinge ist nach Erkenntnissen der Forscher die Aufnahmebereitschaft der lokalen Bevölkerung. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Bevölkerung in den untersuchten ländlichen Regionen deutlich weniger Erfahrung im Kontakt mit Geflüchteten und Migrantinnen und Migranten hat als im bundesweiten Durchschnitt", sagte Birgit Glorius von der Technischen Universität Chemnitz. Positive Kontakterfahrungen, etwa am Arbeitsplatz, könnten jedoch Offenheit begünstigen.

Bei der Auswahl der Landkreise haben sich die Forscher bemüht, eine gewisse Vielfalt ländlicher Räume einzufangen. Eine repräsentative Auswahl sei angesichts der Fülle an Kreisen und ihrer unterschiedlichen Prägung kaum möglich. Dennoch ließen sich aus den Ergebnissen valide Aussagen ableiten und Handlungsempfehlungen aufzeigen, so Projektleiter Mehl.

Als Musterbeispiel bezeichnete er den Landkreis Vechta, der in einem "Kreisentwicklungskonzept" eine Zukunftsstrategie entwickelt habe. Ausdrücklich lobte er, dass die einzelnen Gemeinden in die Entwicklung des Konzepts mit einbezogen worden seien. Denn die mangelnde Koordination zwischen Kreis- und Gemeindeverwaltungen hatten die Forscher als weiteres Problem bei der Integration ausgemacht.

Lokale Politik und Einstellung der Bevölkerung

Zwar zeigt das Forschungsprojekt, dass ländliche Räume entgegen der landläufig verbreiteten Auffassung durchaus für Flüchtlinge attraktiv sein können. Ob daraus aber eine dauerhafte Chance für Neuzugewanderte und Aufnahmegesellschaft werde, hänge von den Erfahrungen der Geflüchteten in ihren neuen regionalen Umgebungen ab, so Mehl. "Lokale Politik und die Einstellungen und Aktivitäten der Aufnahmegesellschaft tragen hierzu ganz wesentlich bei."

Häufig seien sich ländliche Landkreise und Gemeinden ihrer eigenen Handlungsspielräume nicht bewusst.

Michael Althaus
(KNA)

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