Ceuta: Ein Beamter der Guardia Civil wartet auf die Ankunft von Migranten in der spanischen Enklave Ceuta
Ceuta: Ein Beamter der Guardia Civil wartet auf die Ankunft von Migranten in der spanischen Enklave Ceuta
Spanien, Ceuta: Migranten kommen in der spanischen Enklave Ceuta an
Spanien, Ceuta: Migranten kommen in der spanischen Enklave Ceuta an

19.05.2021

Jesuiten geben EU Mitschuld am Flüchtlingsstrom nach Ceuta "Abschottung löst die Probleme nicht"

Marokko hatte seine Grenze zu Ceuta faktisch geöffnet und damit eine Massenflucht ausgelöst. Tausende Marokkaner sind in die spanische Exklave geschwommen. Jesuit Claus Pfuff ordnet Ursachen und Wirkungen des Flüchtlingsstroms ein.

DOMRADIO.DE: Beschreiben Sie bitte die Lage in Ceuta.

Pater Claus Pfuff (Leiter Jesuitenflüchtlingsdienst Deutschland): Dort werden gerade die Grenzen geöffnet, um Menschen in die EU zu lassen. Man muss zum Hintergrund wissen, dass diese Menschen dort schon lange Zeit ausharren. Es sind zehntausende Menschen, die versuchen, nach Europa zu kommen und darunter natürlich sehr viele Minderjährige.

Bisher sind sie an den politischen Grenzen und abgeschottete Grenzen gescheitert. Aber jetzt, durch diese politischen Auseinandersetzungen um die Behandlung des Chefs der Unabhängigkeitsbewegungen für Westsahara, hat Marokko als Gegenreaktion die Grenzen geöffnet und lässt unkontrolliert die Leute in die spanischen Enklaven.

DOMRADIO.DE: Das heißt also, Menschen in Not werden zur Verfügungsmasse politischer Auseinandersetzungen?

Pfuff: Ja, das erleben wir immer wieder gerade in Ländern wie Libyen, der Türkei oder auch Marokko. Sie bekommen Unterstützung, um die Flüchtlinge dort zu halten, nicht weiterziehen zu lassen oder auch wieder zurückzudrängen auf ihr Territorium. Wenn es dann zu politischen Differenzen kommt, werden kurz mal die Grenzen geöffnet, um so den Druck auf die EU zu erhöhen und politische Themen durchzusetzen.

DOMRADIO.DE: Was wir da im Moment sehen, ist dann eigentlich nur ein weiteres Beispiel für die Abschottungspolitik der EU?

Pfuff: Ja, weil die EU verschiedenen Ländern, darunter auch Marokko, Geld zahlt, Unterstützung gibt, damit Flüchtlinge nicht in die EU einreisen, sondern dort an den Grenzen aufgehalten werden. Somit wird natürlich das Problem um die Flüchtlingsfrage ausgelagert und auf diese Länder abgewälzt. Die anderen müssen dann die Arbeit machen und wir geben einfach das Geld oder Handlanger-Dienste, um uns das vom Leib zu halten.

DOMRADIO.DE: Trotz allem funktioniert die Abschottung nicht. Die Menschen machen sich weiter auf den Weg. Warum ist das so?

Pfuff: Letztlich ist es so, dass diese geplante Abschreckung die Leute nicht hindert, sich auf den Weg zu machen, weil die Probleme in den Ursprungsländern ja dadurch nicht gelöst sind. Das heißt natürlich für viele auch, dass der Standard in der EU über dem Lebensstandard in den Ursprungsländern liegt. Allein medizinische Versorgung oder Grundversorgung ist ja bei uns gewährleistet.

Zum anderen ist es auch so, dass die Menschen oftmals in ungerechten Systemen leben und gar keine Zukunftsperspektiven haben. So machen sich viele junge Leute, gerade auch unbegleitete Minderjährige auf den Weg, um hier eine neue Zukunft zu haben, um dem politischen Druck dort in den Ländern zu entfliehen.

DOMRADIO.DE: Die einzig wirklich nachhaltige Lösung wäre eine effektive Fluchtursachenbekämpfung. Woran scheitert das bisher?

Pfuff: Zum einen scheitert es daran, dass sich weltpolitisch die Situation gewandelt hat, da auch gemeinsame Lösungsstrategien an Verhandlungstischen nicht mehr so gesucht werden. Es scheitert oftmals daran, dass die Wirtschaft aus diesen Konflikten heraus auch billige Rohstoffe bezieht.

Und auch durch das Projekt der neuen Seidenstraße verändern sich wieder in den Ländern Situationen, ein neuer Kolonialismus entsteht wieder. Damit verbunden sind auch wieder neue Herausforderungen oder auch neue Probleme in diesen Ländern, die die Flüchtlingsströme weiterhin befeuern. Auch Klimaänderungen spielen eine Rolle und damit verbundene Katastrophen.

DOMRADIO.DE: Inwiefern?

Pfuff: Weil dort oftmals keine Aufbauhilfe mehr gezahlt wird. Weil man sagt, durch diese Klimaveränderungen wird es langfristig keine Perspektive geben, dass Menschen dort leben und die Menschen letztendlich alleingelassen werden, und somit ihre Grundlage für ihr Leben, ihre Heimat verlieren.

Das Interview führte Dagmar Peters.

(DR)

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