Rettungswesten auf einem Schiff
Rettungswesten auf einem Schiff
Bischof em. Michael Wüstenberg
Bischof em. Michael Wüstenberg

05.05.2021

Bischof Michael Wüstenberg war an Bord der "Sea-Eye 4" "Es ist ein Skandal, wie sich Europa verhält"

Zwei Wochen lang ist Ruhestandsbischof Michael Wüstenberg, der früher eine Diözese in Südafrika leitete und heute in Hildesheim lebt, auf dem Rettungsschiff "Sea-Eye 4" mitgefahren. Diese Zeit hat Eindrücke bei ihm hinterlassen.

KNA: Sie haben den kürzlich in Rostock getauften Versorger der Regensburger Hilfsorganisation Sea-Eye auf einer Überführungsfahrt in die spanische Hafenstadt Burriana begleitet. Von dort aus soll das Schiff noch in dieser Woche zu seiner ersten Mission im Mittelmeer aufbrechen und Flüchtlinge retten, die oft in kaum seetauglichen Booten nach Europa gelangen wollen. Warum war es Ihnen wichtig, die Überführung der Sea-Eye 4 ins Mittelmeer zu begleiten?

Bischof em. Michael Wüstenberg (Ruhestandsbischof): Als ich noch Bischof in Aliwal in Südafrika war, erreichten mich die Nachrichten von Flüchtenden, die vor Lampedusa ertranken. Auch wenn keine Südafrikaner beteiligt waren, waren doch Menschen von dem Kontinent betroffen, auf dem ich war. Das ist mir damals sehr nahe gegangen. Daher war es mein Wunsch, mal auf solch einem Rettungsschiff mitzufahren. Eigentlich wollte ich letztes Jahr über Ostern auf einer Rettungsmission auf dem Mittelmeer mit dabei sein. Das hat wegen der italienischen Politik und Corona aber nicht geklappt. Dass ich nun nur eine Überführungsfahrt begleitet habe, war die zweite Wahl.

KNA: Welche Erfahrungen haben Sie unterwegs gemacht?

Wüstenberg: Ich war sehr beeindruckt von den jungen Leuten an Bord, die sich freiwillig engagieren, von ihrer Einsatzbereitschaft und Arbeitsmoral. Zusammengeschmiedet hat sie die gemeinsame Vision, etwas zu tun, um Menschen zu retten.

KNA: Was berichten die Helfer, die schon bei Rettungseinsätzen im Mittelmeer dabei waren?

Wüstenberg: Da war beispielsweise eine Frau aus Uruguay, die insbesondere von ihren Erfahrungen mit flüchtenden Frauen sehr nachdrücklich erzählte. Diese hätten häufig sehr traumatisierende Erfahrungen gemacht. Man wundert sich ja manchmal, dass Frauen auf den Schiffen auch Babys zur Welt bringen. Laut der Helferin bekommen viele Frauen diese Kinder, weil sie zuvor in den Lagern in Libyen vergewaltigt wurden. Ein Mitarbeiter berichtete mir, dass seine Rettungseinsätze für ihn eine lebensverändernde Erfahrung gewesen seien.

KNA: Welche Gedanken sind Ihnen sonst noch durch den Kopf gegangen?

Wüstenberg: Wenn ich morgens an Deck stand und in die Ferne schaute, habe ich viel über unsere katholische Soziallehre nachgedacht. Ich bin unsicher, wie gut sie im Bewusstsein der Gläubigen verankert ist. Sie formuliert, dass die Güter der Welt für alle bestimmt sind. Auch Gemeinwohl und Solidarität spielen eine wichtige Rolle. Da sehe ich viele Defizite in Europa, wenn es um die Aufnahme von Flüchtlingen geht.

KNA: Was meinen Sie konkret?

Wüstenberg: Viele schimpfen über Italien, weil es den Rettungsschiffen den Zugang zu seinen Häfen verwehrt. Aber ich sehe auch mangelnde Solidarität anderer Länder gegenüber Italien. Wenn für manche Staaten eine ganz kleine Zahl von Flüchtlingen schon genug ist, dann ist das weder christlich noch sozial.

KNA: Engagiert sich die Kirche ausreichend gegen das Sterben von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer?

Wüstenberg: Es geschieht jedenfalls eine ganze Menge. Einige Bistümer haben Rettungseinsätze ausdrücklich unterstützt, andere tragen sie stillschweigend mit - auch finanziell. Es gibt viele Initiativen in Gemeinden, die den Geflüchteten beim Einleben in Deutschland zur Seite stehen. Papst Franziskus machte seine erste Reise als Kirchenoberhaupt nach Lampedusa und feierte seinen Gottesdienst an einem Altar, der aus Wrackteilen zusammengezimmert war. Natürlich kann immer noch mehr geschehen. So wünsche ich mir, dass auf europäischer Ebene manche Bischöfe noch deutlicher gegenüber ihren Regierungen auftreten. Im Sinne der Menschlichkeit ist es dringend geboten, dass die Kirche sich für Flüchtlinge einsetzt.

KNA: Gab es auch Kritik an Ihrer Begleitfahrt?

Wüstenberg: Auf einen Tweet von mir gab es sehr böse Reaktionen von spanischen Rechten. Wir als Gesellschaft müssen lernen, in guter Weise übereinander zu sprechen - selbst wenn wir gewisse Anliegen nicht unterstützen oder nicht verstehen. Auch über Flüchtlinge und die Rettungseinsätze sollten wir in guter Weise reden. Es geht um Menschen und um die Menschenwürde.

KNA: Das Engagement der Seenotretter stößt auch in der Mitte der Gesellschaft immer wieder auf Kritik. Haben Sie dafür Verständnis?

Wüstenberg: Jeder hat das Recht, Kritik zu äußern. Ich habe den Eindruck, dass wir noch deutlicher herausarbeiten müssen, dass die Flüchtenden und auch die Armutsmigranten Gründe haben zu fliehen. Die gehen teilweise auch zurück auf unsere koloniale Vergangenheit und unseren heutigen Lebensstil, der auf Kosten dieser Menschen geht.

Jeder von uns ist in der Verantwortung, seine eigene Lebensweise zu überdenken und für eine gerechtere Verteilung der Güter zu sorgen.

KNA: Welche Forderungen haben Sie an die Politik mit Blick auf die Flüchtlingssituation?

Wüstenberg: Die Politik muss die Situation für die Flüchtenden erleichtern. Es ist ein Skandal, dass sie in die libyschen Lager zurückgetrieben werden, wo unmenschliche Zustände herrschen. Es ist ein Skandal, wie sich Europa verhält - auch vor dem Hintergrund des Wertekodex, den es vertritt. Wir brauchen menschliche Aufnahmebedingungen und müssen Fluchtursachen bekämpfen. Das ist ein sehr anstrengendes und langwieriges Unterfangen.

KNA: Wie wollen Sie sich in Zukunft weiter engagieren?

Wüstenberg: Nach meiner Reise möchte ich das Thema Flüchtlinge in der kirchlichen Öffentlichkeit halten. Ich möchte dafür werben, dass wir gut und freundlich darüber sprechen und die Not der Leute sehen und anerkennen. Darüber hinaus würde ich weiterhin gerne bei einer Rettungsmission mitfahren - und hoffe, dass dieser Wunsch eines Tages nach der Corona-Pandemie in Erfüllung geht.

Das Interview führte Michael Althaus.

(KNA)

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