Eine Flüchtlingsfamilie bereitet ihr Essen über einem offenen Feuer in einem Flüchtlingslager auf Samos zu
Eine Flüchtlingsfamilie bereitet ihr Essen über einem offenen Feuer in einem Flüchtlingslager auf Samos zu
Migranten in Griechenland
Migranten in Griechenland
Pfr. Hans Mörtter
Pfr. Hans Mörtter

20.10.2020

Kölner Sozialpfarrer besucht Flüchtlingslager auf Samos "Zeugen sind unerwünscht"

Maden im Essen, Stacheldraht ums Lager: "Es ist die Hölle" zieht der evangelische Pfarrer Hans Mörtter Fazit, der gerade das Flüchtlingslager auf Samos besucht hat. In der Debatte um die Aufnahme und Verteilung vermisst er die christliche Pespektive. 

DOMRADIO.DE: Die Tageszeitung "taz" nennt die Zustände auf Samos, wo es seit Wochen Brände und Aufstände gibt als "Apokalypse in Europa" bezeichnet. Würden Sie diese Einschätzung nach Ihrer Reise teilen?

Hans Mörtter (Pfarrer der Lutherkirche in Köln): Ja, das ist die Hölle! Ich habe immer gesagt: 'Die Hölle gibt's nicht.' Aber jetzt weiß ich, dass es sie gibt.

DOMRADIO.DE: Was hat Sie bewogen nach Samos zu reisen?

Mörtter: Schon seit einem Jahr drängt und bittet mich Daniela Neuendorf von der "Refugees Foundation" zu kommen, zu sehen, mitzumachen und ich hatte nie Zeit. Jetzt war es so weit - gerade nach Moria - musste ich da hin, ich musste es selber sehen. Ich weiß ganz viel, ich kenne viele Bilder, ich kenne viele Filme, ich kenne viele Berichte, auch die Berichte von Augenzeugen und ehrenamtlichen Helferinnen. Aber die Idee von Daniela dahinter, hinter dem direkten Sehen, war auch: Wir brauchen Zeugen, die dafür eintreten und sagen: 'Das habe ich gesehen und das ist Wirklichkeit.'

DOMRADIO.DE: Was haben Sie denn gesehen und gehört?

Mörtter: Wir sind in das Lager reingegangen, obwohl das ziemlich schwierig ist - man darf da nicht rein, Zeugen sind unerwünscht. Dazu kommt die Abriegelung durch die Corona-Pandemie. Wir sind mit Führern und Dolmetschern einfach quer durch gegangen und haben mit den Menschen geredet. Da sind Hütten, Zelte, ein wildes Durcheinander der unbeschreiblichsten Art. "Hütte" suggeriert noch irgendwie eine Unterkunft. Es ist aber absolut erbärmlich. Es ist grausam zu sehen, wie da mit irgendwelchen Mitteln, die die Leute irgendwo finden, etwas zusammengeschustert wird. Freiwillige, die Planen bringen, damit es regensicher gemacht werden kann. Die Ratten, die am helllichten Tag durchs Lager laufen, der Müll überall, die mangelnden hygienischen Zustände. Das Feldcamp ehrenamtlicher Ärzte irgendwo draußen, wo, wenn es regnet, das Wasser durchfließt. Mit einem kleinen Zelt, in dem man notdürftig intime Untersuchungen oder kleine Behandlungen machen kann. Dazu Essen, worin Maden sind, was die Leute aufkochen, damit es nicht ganz so schlimm ist. Es ist unfassbar!

DOMRADIO.DE: Sie haben nicht nur geschaut, Sie haben auch - mit Dolmetschern - mit den Menschen gesprochen und sind mit ihnen in Kontakt gekommen. Die gerade beschriebenen Zustände, die kann man sehen. Was haben die Menschen Ihnen erzählt?

Mörtter: Zum Beispiel, dass Kinder Hunger haben, weil das Essen teilweise nicht genießbar ist und sie dann versuchen, selber irgendetwas zu kochen. Mit dem bisschen Geld, das sie haben, im Supermarkt einzukaufen, wo sie auch nur ganz schwierig hinkommen, weil es weit weg ist und weil der Ausgang reglementiert ist. Und dann gibt es eben mal ein paar Tage lang nichts zu essen, sodass Kinder hungrig ins Bett gehen. Omar, elf Jahre, der hat mir das erzählt. Das schlägt schon ziemlich ins Kontor.

Dass es die "food-line" gibt, bedeutet, dass man ab ungefähr zehn Uhr ansteht, um bei der Catering-Essensausgabe etwas von diesem beschissenen, wirklich beschissenen Essen, abzubekommen. Da gibt es keinen Corona-Schutz, dafür ist bei den langen Schlangen einfach kein Platz. Sie stehen dicht bei dicht. Darum kümmert sich kein Mensch. Aber vor allem ist es die Würde! Die Würde geht da völlig verloren, wenn man einen solchen Fraß vorgesetzt bekommt. Verbunden mit Mangelernährungen, weil das nicht nährstoffhaltig ist. Die Kinder leiden zum Beispiel unter Anämie.

DOMRADIO.DE: Haben Sie denn mit den Menschen auch über deren Perspektiven sprechen können? Wissen sie, was als nächstes für sie ansteht oder wo sie vielleicht hinkommen können?

Mörtter: Erst einmal ist es eine Art von Depression über die Situation, in der sie leben. Trotzdem ist da immer noch die Hoffnung, dass da Europa ist. Dass sie wahrgenommen werden, dass sie eine Chance haben, dass die Kinder eine Perspektive bekommen. Die Kinder sind scharf darauf, zu lernen. Wenn ich das meiner Tochter erzähle - die versteht das nicht, dass man scharf sein kann aufs Lernen. Sie hoffen also immer noch.

Eine syrische Familie hat davon berichtet, dass auf Samos gerade ein neues Lager gebaut worden ist, mitten auf dem Land, mitten in der Prärie, wo nichts drum herum ist. Der Bürgermeister sagte uns: 'Zum Einkaufen können die Leute durchaus gehen. Sie dürfen dann zwar nicht alle, aber teilweise, auch raus. Sechs Kilometer hin zum Laden können sie ja laufen und sechs Kilometer zurück. Wo ist denn das Problem?' Ich fasse es nicht!

Das ist ein richtiges Hochsicherheitsgefängnis, was sie da gebaut haben. Mit hohen Zäunen, mit Nato-Stacheldraht drüber - das ist der Hammer! Das heißt, die NGOs werden wenig Möglichkeiten haben, da reinzukommen, da wirklich zu helfen. Wobei sie dringend notwendig sind, weil das System krank und nicht ausreichend ist. Der Familienvater sagte dann, in das Lager wollten sie die Griechen ja reinstecken. Wir haben ihnen aber gesagt: 'Nein, nein, das macht Europa. Die Griechen sind von Europa im Stich gelassen und die haben die 'Arschkarte', sollen uns die Leute fernhalten.' Der war völlig frustriert, als er hörte, dass Europa und vor allem auch Deutschland verantwortlich sind für dieses neue Gefängnis.

DOMRADIO.DE: Jetzt sprechen wir zum Beispiel bei DOMRADIO.DE darüber und Sie berichten auf Ihren Social-Media-Kanälen von diesem Besuch. Was wird weiter aus Ihrem Besuch dort resultieren?

Mörtter: Für mich selber, ich bin wie ein tickender Vulkan. Ich bin voller Trauer, ich bin voller Schmerz. Das geht mir so unter die Haut! Ich glaube wie jedem Menschen, der noch irgendwie menschlich fühlt und das so nah erlebt, dieses Elend da und diese Entwürdigung des Menschseins. Wenn wir von "Massentierhaltung" sprechen, ist das parallel dazu "Massen-Menschen-Haltung". Das ist ganz nah beieinander.

Das heißt, ich versuche jetzt ganz rebellisch den großen Aufstand, Öffentlichkeit zu mobilisieren und auch Politik herauszufordern. Am liebsten würde ich auch einmal mit Laschet oder unserem EKD-Vorsitzenden, also mit Vertretern unserer Kirche, inkognito in dieses Lager oder ein anderes Lager gehen und so, wie ich es getan habe, mit den Leuten reden, damit klar wird: Das ist ein No-Go. Wir verkaufen unser Menschsein. Der christliche Glaube ist anscheinend sowieso schon längst adé. Wir müssen uns das wieder zurückholen. Wir sind Menschen und wir dürfen als Menschen solch eine Achtungslosigkeit gegenüber dem Menschsein nicht zulassen. Das ist in meinen Augen hochkriminell.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(DR)

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