Migranten und Flüchtlinge versammeln sich hinter einem Drahtzaun an der Grenze zwischen Griechenland und der Türkei
Migranten und Flüchtlinge versammeln sich hinter einem Drahtzaun an der Grenze zwischen Griechenland und der Türkei
Kardinal Marx
Kardinal Marx
Kardinal Woelki
Kardinal Woelki
Erzbischof Jean-Claude Kardinal Hollerich
Erzbischof Jean-Claude Kardinal Hollerich
Prälat Peter Neher
Prälat Peter Neher

03.03.2020

Kirchenvertreter fordern Einsatz für Geflüchtete "Zunehmende Entmenschlichung von Flüchtlingen"

Die großen Kirchen in Deutschland und Europa drängen auf Hilfe für die Flüchtling im Nahen Osten. Hilfswerke sprechen von "dramatischen Szenen" an der türkisch-griechischen Grenze. Die Situation sei eine "Schande" für Europa.

"Dass wir uns da raus halten können und sagen 'Das geht uns nichts an' halte ich für unwahrscheinlich und nicht akzeptabel", betonte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, am Montag zum Auftakt der Vollversammlung der Bischöfe in Mainz. Europa müsse eine Antwort finden, mahnte er.

Außerdem müsse die Kirche nach ihren Möglichkeiten den Menschen in Not helfen und zugleich die politisch Verantwortlichen dabei unterstützen, nach Lösungen im Syrien-Krieg zu suchen. Insgesamt, so Marx, handele es sich um eine "sehr, sehr herausfordernde Situation".

"Jeder von diesen Menschen ist unser Nächster"

Auch der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki forderte Solidarität mit den Flüchtlingen. "Lassen wir uns ein auf die, die jetzt an den Grenzen Europas stehen und an unseren Grenzen anklopfen, die auf der Flucht sind vor Krieg und vor Terror", appellierte Woelki.

Diese Menschen würden gegenwärtig noch einmal missbraucht von politischen Systemen, indem sie ihrer Würde beraubt würden", kritisierte der Kölner Erzbischof und betonte: "Jeder von diesen Menschen ist unser Nächster."

Dutzmann: Deutschland kann noch Flüchtlinge aufnehmen 

Der Bevollmächtigte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union, Martin Dutzmann, kritisierte vor dem Hintergrund der Ereignisse an der Grenze der Türkei zu Griechenland die deutsche und europäische Flüchtlingspolitik. Zugleich betonte er beim Redaktionsnetzwerk Deutschland (Dienstag), dass Deutschland für die Aufnahme neuer Flüchtlinge noch Kapazitäten habe.

Mit Blick auf das Vorgehen der Griechen sagte Dutzmann: "Menschen, die in Not sind und nun auf die Grenze zu drängen, mit Wasserwerfern und Tränengas abzuwehren, ist verwerflich." Und fügte hinzu: "Die Kirchen haben immer sichere und legale Fluchtwege nach Europa gefordert. Man sieht jetzt, wie dringlich diese Forderung ist." Teilweise "katastrophal" sei die "humanitäre Situation" in den griechischen Flüchtlingslagern.

"Rückblick lässt zuversichtlich sein"

Auch in Deutschland wollten sich viele "das Problem vom Hals halten - so wie sich die EU die Situation in den Lagern auf den griechischen Inseln jahrelang vom Hals gehalten hat", so Dutzmann. Er verstehe zwar, "dass Politiker darauf achten müssen, ob und wie die Geflüchteten in unsere Gesellschaft integriert werden können", sagte der Prälat.

Doch der Rückblick auf die Jahre 2015 lasse ihn zuversichtlich sein. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) habe mit ihrem Satz "Wir schaffen das" Recht behalten. "Die deutsche Gesellschaft hat seit 2015 ungeheuer viel geschafft!" Und auch wenn die Zuwanderung nach Deutschland und Europa geregelt werden müsse: "Dass wir nicht leistungsfähig genug wären, um noch mehr Menschen bei uns aufzunehmen, das sehe ich nicht."

"Es ist eine Schande"

Caritas-Präsident Peter Neher sprach von "dramatischen" Szenen an der der türkisch-griechischen Grenze. "Diese Menschen mussten alles zurücklassen und harren jetzt in der Kälte aus, werden mit Tränengas abgewehrt und wissen einfach nicht weiter", sagte er. Die Instrumentalisierung durch die türkische Führung sei aufs Schärfste zu verurteilen. "Der zunehmenden Entmenschlichung von Flüchtlingen muss Einhalt geboten werden."

Der Präsident von missio München, Wolfgang Huber, mahnte angesichts der Situation von Flüchtlingen an der türkisch-griechischen Grenze eine schnelle europäische Lösung an. "Es ist eine Schande, dass Regierungen das Leid Millionen verzweifelter Menschen als diplomatisches Druckmittel benutzen", erklärte der Chef des katholischen internationalen Missionswerks. Grenzen noch schärfer zu sichern und Zäune noch höher zu bauen, sei keine Lösung. Die große, zu lösende Aufgabe sei, Fluchtursachen einzudämmen.

Forderung nach Friedensinitiative

Das katholische Hilfswerk Misereor forderte deswegen eine Friedensinitiave für Syrien. "Dass Europa die letzten Jahre weder einen friedensfördernden Einfluss in Syrien geltend machen konnte, noch ein eigenes funktionierendes faires System zur Aufnahme von Asylsuchenden geschaffen hat, ist ein Versagen mit verheerenden Auswirkungen", urteilte Misereor-Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon. Deutschland und Europa dürften nicht länger nur zusehen.

Eine quasi-militärische Sicherung der EU-Außengrenze gegenüber Geflüchteten vertrage sich nicht mit den europäischen Werten, betonte der Präsident der Diakonie Deutschland, Ulrich Lilie. Er forderte, den Einsatz von Tränengas und Wasserwerfern gegen Geflüchtete sofort zu beenden. "Wir brauchen dringend eine politische Lösung und europäische Verständigung in dieser in jeder Hinsicht gefährlichen Krise, aber keine weitere Gewalt", so Lilie weiter.

"Verzweifelte Lage"

An der Grenze der Türkei zu Griechenland harren derzeit tausende Geflüchtete aus, viele aus Syrien. Seit dem Wochenende hindert die Türkei viele Flüchtlinge nicht mehr daran, in die EU zu gelangen - trotz des Abkommens mit der EU von 2016.

Die syrischen Flüchtlinge seien in einer verzweifelten Lage, sagte der katholische Erzbischof von Athen, Sebastianos Rossolatos, der italienischen katholischen Nachrichtenagentur SIR. "Die Flüchtlinge stoßen einerseits mit den griechischen Sicherheitskräften zusammen, die sie am Übertritt auf griechisches Territorium hindern wollen, andererseits mit den Türken, die sie drängen, nachdem sie die Flüchtlinge mit Bussen und Taxis gratis an die türkisch-griechische Grenze gebracht haben", so der Erzbischof.

"Ich schäme mich"

Der Vorsitzende der EU-Bischofskommission COMECE, Luxemburgs Kardinal Jean-Claude Hollerich, beklagte im Interview mit DOMRADIO.DE: "Ich schäme mich, wenn ich lese, dass Flüchtlinge als Problem abgestempelt werden." Er plädierte dazu, Flüchtlinge aufzunehmen und Griechenland zu helfen.

"Wenn wir nicht mehr fähig sind, Leute in größter Not aufzunehmen, dann soll man bitte den Diskurs über die christlichen Wurzeln Europas nicht mehr führen", sagte der Kardinal.

(KNA, DR)

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