Flüchtlinge auf Lesbos
Flüchtlinge nach ihrer Rettung
Msgr. Robert Kleine
Msgr. Robert Kleine

27.07.2018 - 00:00

Worum es in der Flüchtlingsdebatte eigentlich gehen sollte "Es sind Menschen wie du und ich"

Hetze gegen Flüchtlinge, erschwerte Rettung von Menschen auf dem Mittelmeer oder Debatten über die Frage, ob man Migranten in Seenot überhaupt retten soll: Diesen Stilblüten in der Flüchtlingsdiskussion gibt der Kölner Stadtdechant contra.

DOMRADIO.DE: Gegen die Herzenskälte in der Flüchtlingspolitik haben sich die drei Oberbürgermeister der Städte Bonn, Köln und Düsseldorf nun in einem Brief ausgesprochen und die europäisch eingebundene Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Merkel unterstützt. Die rheinischen Städte wollen gar in Not geratene Flüchtlinge aufnehmen. Wie finden Sie denn den Brief der drei Bürgermeister?

Monsignore Robert Kleine (Kölner Stadt- und Domdechant): Es ist ein sehr positives Zeichen in der aufgeheizten und auch aufgehetzten Diskussion um Geflüchtete. Ich finde es gut, dass diese drei Oberbürgermeister ein solches Zeichen setzen. Es geht ihnen ja ganz klar darum, dass Lösungen geschaffen werden müssen - europäische Lösungen. Aber wenn jemand in Not ist und im Mittelmeer zu ertrinken droht, dann muss man retten.

Ich denke, das gilt gerade für uns als Christen und als Kirche, dass wir das auch einfordern, dass die Seenotrettung nicht eingestellt wird, sondern dass Menschen geholfen wird. Denn dann erwartet sie ein Verfahren - auch bei uns in Deutschland - ob sie integriert werden, weil ihr Asylverfahren anerkannt wird oder ob sie dann auch rückgeführt werden. Aber zuerst einmal gilt die Lebensrettung.

DOMRADIO.DE: Die katholische Kirche engagiert sich in der Flüchtlingshilfe. Wie wichtig ist da der Zuspruch auch durch die lokale Politik, dass Menschen in Not geholfen werden muss?

Kleine: Ich glaube, dass die Oberbürgermeister der drei Metropolen, die alle in unserem Bistum liegen, ein Zeichen setzen und genau auf der Linie dessen sind, was die Kanzlerin, die katholische Kirche und auch die evangelische Kirche sagen: Es ist natürlich ein Akt der Humanität, zu helfen, zu unterstützen und bei denen, die aus anerkannten Gründen geflüchtet sind und auch in unserem Land als Asylsuchende anerkannt werden, miteinander zu versuchen, sie zu integrieren und sie auch in die Gesellschaft mit einzufügen.

Ich finde es furchtbar, dass darüber diskutiert wird, wenn Menschen im Mittelmeer zu ertrinken drohen, ob man sie retten soll oder ob man sie als ein abschreckendes Beispiel für andere sterben lassen soll. Das ist inhuman und vor allem unchristlich. Wir müssen das Leben schützen, natürlich auch vor dem Ertrinken.

DOMRADIO.DE: Sie sind selbst in den sozialen Netzwerken unterwegs. Haben Sie auch den Eindruck, dass der Ton in den Debatten um Flüchtlinge nicht nur rauer geworden ist, sondern auch menschenverachtend?

Kleine: Alle geflüchteten Menschen werden eine Notlage haben, weil man sonst nicht seine Heimat, seine Familie verlässt. Die Gründe, die zum Verlassen der Heimat geführt haben, werden dann ja auch noch einmal in unserem Rechtsstaat geprüft. Aber zuerst einmal sind es Menschen.

Die werden manchmal wie eine Sache besprochen. Da ist von "Goldstücken" die Rede oder es ist von "Pack" die Rede. Das sind Menschen wie du und ich, von Gott geliebt, von Gott geschaffen. Was die Menschen dann aus ihrem Leben machen und wie sie ihr Leben gestalten, das ist das andere. Aber es sind Menschen wie du und ich. Und wir haben ja auch in unserem Land schon viele Zeiten der Vertreibung und der Not mitgemacht, wo andere uns geholfen haben. Jesus sagte einmal: "Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen". Und dann von Asyl-Tourismus zu sprechen!

Das sind alles Dinge, die die ganze Atmosphäre noch einmal aufhetzen und die nicht mehr den einzelnen sehen. Ich erinnere mich noch daran: Vor einigen Monaten und Jahren war man entsetzt, als ein totes Kind am Strand angeschwemmt wurde und jetzt wird gesagt: "Naja, da schwimmen halt welche auf dem Mittelmeer. Lass sie doch einfach absaufen. Dann werden schon keine anderen kommen." Das ist ein wörtliches Zitat! Das ist unmenschlich und ich hätte nicht gedacht, dass wir irgendwann mal ein Niveau in unserem Land haben, auf dem man so diskutiert - leider oft auch anonymisiert in den Netzwerken.

DOMRADIO.DE: Haben Sie eine Erklärung, warum beim Thema Flüchtlinge so viel Populismus und Emotionen im Spiel sind?

Kleine: Ich glaube, es gibt eine Vielzahl von Gründen. Einmal gibt es natürlich auch Menschen, die in unserem Land materielle Not haben oder in prekären Situationen leben oder die Sorge haben, dass sie noch kürzer kommen. Dem muss man natürlich auch in der Politik entgegentreten.

Dann gibt es immer die Rede von der Islamisierung, dass man sagt da komme eine fremde Kultur, ein fremder Kulturkreise in unser Land. Da muss man natürlich auch seitens der Politik noch einmal klarmachen: Wir haben das Grundgesetz. Jeder, der hier lebt und anerkannt hier lebt - auch als Geflüchteter und dann Asyl bekommen hat - muss sich an unsere Grundordnung und an unsere Verfassung, an das Grundgesetz halten.

Das Ganze ist dann eine Gemengelage. Es kommt auch zu vereinzelten Fällen von Gewalt und Kriminalität, die man ja auch nicht totschweigen darf. Die darf aber auch nicht dazu führen, dass man denkt, bei jedem Gewaltakt, der sich in unserem Land vollzieht und wo Menschen Opfer von Gewalt werden, sei ein Geflüchteter oder ein Flüchtling der Täter. Das ist irgendwie eine Lawine.

Dann setzt die Rationalität aus und dann guckt man nicht mehr auf die Fakten, auf die Zahlen, sondern sagt: Jeder Geflüchtete ist sozusagen ein potentieller Gewalttäter. Und da springen leider viel zu viele Leute auf diese Polemik - vor allem der Populisten - auf.

Das Interview führte Aurelia Rütters.

(DR)

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