Jesidisches Flüchtlingskind (Archivbild)
Jesidisches Flüchtlingskind (Archivbild)

13.01.2018

Wie verweigerter Familiennachzug Flüchtlingen das Leben schwer macht Integrationsbremse

In der Politik wird - wie am Freitag in den Sondierungsgesprächen von Union und SPD - am grünen Tisch über Themen wie den Familiennachzug entschieden. Welche Folgen solche Entscheidungen für Menschen haben, zeigt das Beispiel Nazim.

"Ich war so traurig ohne meine Eltern, ich konnte kaum etwas essen." Der Jesiden-Junge Nazim kam Ende 2015 alleine nach Deutschland, vom Flüchtlingslager im Nordirak auf gefährlichen Routen über die Türkei bis nach Köln, wo seine ältere Schwester Shantel mit ihrer Familie lebt. Die Flucht war zu Ende, die Alpträume nicht. Zu sehr quälten den damals 16-Jährigen die Sorge um Vater, Mutter und die jüngeren Geschwister, die er daheim zurückgelassen hatte. 

In Köln kam Nazim auf engstem Raum bei der Familie der Schwester unter, als ehrenamtlicher Vormund sprang Claudia Vogelsang ein. "Er sah damals aus wie 12 und spindeldürr, mit seinen 1,72 Metern wog er gerade mal 49 Kilogramm", erinnert sich die Mentorin, die ihm vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) vermittelt wurde. Sobald sein Deutsch gut genug war, erfuhr sie Nazims Geschichte – zumindest die Eckdaten.

Zusammen mit Eltern und Geschwistern war er ganz knapp dem Massaker der Terrormiliz IS an der religiösen Minderheit der Jesiden in der Region Sindschar entronnen. Im Lager litt er dann an Angstzuständen und magerte immer weiter ab, bis der Vater ihn schließlich alleine auf den langen Weg nach Europa schickte. Traumatisiert erreichte Nazim sein Ziel, seitdem versucht Claudia Vogelsang, ihn auf dem Weg zurück in ein einigermaßen normales Leben zu bringen.

Schwierige Einschulung

Dazu gehörte zunächst, ihn im Alphabetisierungskurs anzumelden. Schließlich musste Nazim, dessen Muttersprache Kurdisch und zweite Sprache Arabisch ist, erst einmal mühsam unsere Schrift lernen. Es folgten ein Deutschkurs und die Einschulung, die sich schwierig gestaltete. Nazim schlief schlecht, konnte sich kaum konzentrieren, hatte Probleme, dem Unterricht zu folgen. Bis er endlich einigermaßen an seiner heutigen Berufsschule Fuß fassen konnte, vergingen Monate.

Mindestens genauso zäh gestalteten sich die Behördengänge in Sachen Asylantrag. Es dauerte über ein Jahr, den Asylstatus durchzubekommen, der Nazim als Angehörigem einer verfolgten religiösen Minderheit zusteht. Aber nur mit bewilligtem Asyl konnten Claudia Vogelsang und ihr Mündel den Antrag auf Familienzusammenführung stellen. Ein bürokratischer Papierkrieg unter enormem Zeitdruck, schließlich musste alles unter Dach und Fach sein, bevor Nazim volljährig würde. "Unter der Hand haben mir Mitarbeiter der zuständigen Behörden bestätigt, dass sie auf Anweisung von ganz oben auf Zeit spielen sollen", empört sich Claudia Vogelsang.

Die Behörden, so die Helferin, versuchen bewusst, Asylanträge und Familiennachzüge auszubremsen. "Hätten wir nicht unter den Beamten auch Menschen getroffen, hätte es nicht geklappt." So aber erhielten sie kurz vor Nazims 18. Geburtstag tatsächlich die Nachricht, dass seine Eltern nach Deutschland einreisen dürfen. Ende gut, alles gut? Von wegen. "Der schlimmste Moment in über zwei Jahren Vormundschaft war ausgerechnet der, als Nazims Mutter ihren Sohn endlich wieder in die Arme schließen konnte. Da klingelte das Handy – am anderen Ende weinte die siebenjährige Tochter im Flüchtlingslager im Irak. Das muss eine Mutter doch zerreißen!", meint Claudia Vogelsang. Für die drei jüngsten Kinder hatten Nazims Eltern keine Einreiseerlaubnis bekommen. So muss Nazim vorerst weiter davon träumen, mit der ganzen Familie friedlich im sicheren Deutschland  zu leben.

Empfänglich für radikale Islamisten

Als menschenverachtend empfindet Claudia Vogelsang das, deren Vormundschaft mit dem 18. Geburtstag Nazims offiziell beendet ist. Sie will Nazim und seiner Familie hier und im Irak aber weiter eng verbunden bleiben und setzt dabei ihrerseits auf Unterstützung durch den SkF. Regelmäßig tauschen sich die Vormünder dort aus – betreut werden sie dabei von Hilde Stapper. Auch die SkF-Referentin für Ehrenamt ist schier entsetzt über die restriktive Familiennachzugs-Politik der bisherigen und wie es aussieht wohl auch der künftigen Bundesregierung.

Wer traumatisierten Jugendlichen den Weg zum Zusammensein mit ihrer Familie verschließt, da ist sich Fachfrau Stapper sicher, behindert nicht nur ihre Integration, sondern macht sie auch empfänglicher für radikale Islamisten. Sie verweist auf die Meinung von Experten, die ohnehin nur mit Nachzugszahlen von bis zu 70.000 Personen rechnen. Das sollte bei 82, 8 Millionen Einwohnern doch zu verkraften sein, meint Hilde Stapper. "Aber das wäre eine Investition in unsere gemeinsame Zukunft!"  Was Nazims persönliche Zukunft betrifft: Im Sommer beginnt er eine Friseurlehre: "Ich mag Friseure!"

Hilde Regeniter

 

(DR)