MOAS-Retter im Einsatz
MOAS-Retter im Einsatz
Ostern auf dem Seenotrettungsboot
Seenotrettung im Mittelmeer

19.07.2017

Seenothilfe MOAS weist Kritik des Innenministers zurück "De Maizières Vorwurf ist absurd"

Bundesinnenminister de Maizière hat sich kritisch zum Vorgehen von Nichtregierungsorganisationen bei der Rettung von Flüchtlingen geäußert. Manche NGOs würden ihre Positionen verschleiern. Dieser Vorwurf stößt auf heftigen Widerstand. 

domradio.de: Hat der Innenminister recht? Werden Transponder abgestellt, um Positionen zu verschleiern? Welche Gründe gäbe es dafür?

Matthias Dentler (Seenotrettungsorganisation MOAS in Deutschland): Nein, damit hat er auf keinen Fall recht. Transponder schalten wir nie ab. Den Rettungsorganisationen wird ja immer wieder vorgeworfen oder unterstellt, mit den Schleppern Hand in Hand zu arbeiten. De Maizière hat aber insofern recht, dass Italien gegen die Rettungsorganisationen wegen der genannten Vorwürfe Ermittlungen durchgeführt hat. Deshalb waren auch Vertreter von MOAS in Italien eingeladen. Wir haben dort auch ausführlich und detailliert über die Arbeit von MOAS berichtet. MOAS konnte nicht das geringste Fehlverhalten nachgewiesen werden. Allerdings fand das Ganze schon im April statt. 

domradio.de: Welche Hintergründe gäbe es, die Position zu verschleiern und dadurch die Transponder abzustellen?

Dentler: Wir retten ja in internationalen Gewässern. Das heißt, internationale Gewässer beginnen 24 Seemeilen, rund 50 Kilometer vor den Küsten - international. Und der Vorwurf, die Transponder abzuschalten, heißt indirekt, dass wir in libysche Territorialgewässer eindringen und direkt an der Küste Rettungen durchführen würden. Das hätte dann auch eine andere rechtliche Betrachtung zur Folge.

Wir retten in internationalen Gewässern und sind verpflichtet, die Flüchtlinge in den nächsten sicheren Hafen zu bringen. Das Ganze wird aus Rom vom maritimen Seenotrettungskoordinationszentrum koordiniert, nach deren Anweisungen wir auch arbeiten. Dieses Koordinationszentrum wäre nicht zuständig, wenn man in den libyschen Territorialgewässern retten würde. Deswegen gibt es diesen Vorwurf, ihr rettet gar nicht in internationalen Gewässern. ihr scheidet die Transponder aus und fahrt da rein. Das tun wir niemals, das ist noch nie vorgekommen und das würden wir auch nie tun.

domradio.de: Der Vorwurf von de Maizière lautet, mit den Schleppern Hand in Hand zu arbeiten. Können Sie das nachvollziehen?

Dentler: Nein, das kann ich nicht nachvollziehen. Den NGOs vorzuwerfen, mit den Verbrechern zusammenzuarbeiten, ist ein starkes Stück und völlig absurd. Die Flüchtlinge sind unter prekären Umständen über Monate in Afrika auf der Flucht. Und dann sind sie meist in Libyen noch über Wochen und Monate in der Hand von kriminellen Schlepperbanden, in der Regel unter entsetzlichen Bedingungen - nicht erst wenn sie in Boote im Mittelmeer steigen. Uns vorzuwerfen mit denen zusammenzuarbeiten, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. 

domradio.de: Österreichs Innenminister Sobotka hat Strafen für "selbsternannte Seenot-Retter" im Mittelmeer gefordert. Ist das ein Problem, das Sie auch in ihrer Arbeit erleben, dass Wildfremde mit ihren kleinen Booten ins Mittelmeer fahren und dort gezielt nach Flüchtlingen suchen? 

Dentler: Nein, das kann ich nicht bestätigen. Mit einem kleinen Boot herauszufahren, das hört sich so an, als wäre das ein See. Aber es ist ein riesiges Seegebiet. Wir haben unsere Basis auf Malta. Um ins zentrale Mittelmeer in die Nähe der libyschen Küste zu kommen, brauchen wir mit unserem recht großen 40 Meter Schiff 18 Stunden.

Die Bedingungen für Rettungseinsätze sind auch schwierig. Wir haben manchmal neun Meter hohe Wellen. Wir nehmen bis zu 600 Menschen an Bord. Nicht, weil wir sie an Bord nehmen wollen, sondern weil wir sie an Bord nehmen müssen, da sie sonst ertrinken. Mit einem kleinen Schiff rauszufahren und zu sagen, ich rette jetzt mal, ist schwer vorstellbar. Das haben wir auch noch nie gesehen. Rechtlich ist es so, dass jedes Schiff auf See verpflichtet ist zu retten, wenn es von einem anderen Schiff in Seenot weiß. Man kann sich das dann nicht mehr aussuchen, ob man da hinfährt und hilft oder nicht. Und damit könnte man sich mit einem kleinen Schiff auf See in große Gefahr bringen.

Das Interview führte Tobias Fricke. 

(DR)

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