Kardinal Woelki überreicht Benjamin Marx die Ordensinsignien
Kardinal Woelki überreicht Benjamin Marx die Ordensinsignien
Benjamin Marx
Benjamin Marx

23.06.2017

Ein Kölner Flüchtlingsheim setzt auf Eigenverantwortung, Würde und Intimsphäre "Wir nehmen die Menschen in ihrer Würde voll wahr"

Nur mit einer vernünftigen Unterkunft kommen Flüchtlinge in einem neuen Land auch wirklich an. Davon ist Benjamin Marx überzeugt. In Köln betreut er im Auftrag von Erzbischof Woelki mehrere Wohnprojekte für und mit Flüchtlingen.

domradio.de: Sie haben mal gesagt "Trocken, satt und warm ist einfach zu wenig!" - Mit Blick aufs Wohnen: Wie haben Sie das genau gemeint?

Benjamin Marx (Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft): Die Menschen wollen in diesem Land ankommen oder weitermachen, wo sie vielleicht vor der Flucht zu Hause aufgehört haben. Von daher halte ich das für wichtig, ihnen Anknüpfungspunkte zu geben, was sie zu Hause zurück gelassen haben, wo sie mit ihrer Bildung aufgehört haben, wo sie mit ihrer Arbeit aufgehört haben, damit sie dann hier bei uns wieder Anschluss finden. Und diese Lücke muss bei uns geschlossen werden. Das meine ich damit; denn "trocken, satt und warm" – das ist einfach nur ein Verwahren der Menschen, aber die Menschen wollen hier auch leben.   

domradio.de: Sie haben ein ehemaliges Seniorenheim an der Basilika Sankt Pantaleon umgebaut zu einem Familienzentrum mit Wohnungen für Flüchtlinge und Kölner - ein integratives Wohnprojekt. Was ist die Grundidee dahinter?

Marx: Die Idee ist, dass die Leute nach der Erstanlaufstelle, wo sie nach der Flucht nach Köln wieder hingekommen sind, nicht wieder in irgendeinem Heim landen mit Gemeinschaftsküche, -bad und –klo, sondern dass sie bereits abgeschlossene Wohneinheiten vorfinden, wo sie eben ihr eigenes Bad haben, wo sie ihre eigene Küche haben. Die Wohnungen sind relativ kompakt, die Wohnungen sind möbliert. Aber die Intimsphäre der Menschen wird gewahrt und wir nehmen die Menschen in ihrer Würde voll wahr, sodass sie sich hier selbst entwickeln können. -  Wir haben Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern da. Es sind fast ausschließlich Christen, die wegen ihres Glaubens fliehen mussten – aus Eritrea, Syrien, dem Iran und dem Irak.

domradio.de: Aber es ist eben nicht eine Unterkunft, wo ausschließlich Syrer, Eritreer, Iraner und Iraker wohnen, oder?

Marx: Nein. Es sind insgesamt 32 Wohnungen. Davon sind 22 an Menschen mit Fluchthintergrund vermietet und die anderen 10 an Menschen ohne Fluchthintergrund.

domradio.de: Was sind das für Leute außer den Geflüchteten, die da wohnen wollten?

Marx: Das sind ganz normale Kölner Bürger. Wir haben eine Wohngemeinschaft mit drei Studentinnen. Wir haben engagierte junge Leute, die eingezogen sind, die gesagt haben: "Wir finden das spannend!" Wir haben auch junge Familien, die da ausdrücklich wohnen möchten. Die Lage des Objektes ist ja so traumhaft, da würden wir wohl alle gerne mal wohnen wollen – so schön zentral und in guter Umgebung.

domradio.de: Was ist der Plan, wozu wollen Sie die Leute befähigen?

Marx: Die Menschen sollen relativ schnell wieder auf eigenen Füßen stehen. In dem Projekt wird Deutschunterricht angeboten, es werden Patenschaften vermittelt. Dass sich also vielleicht eine Familie besonders um einen Flüchtling kümmert "Kann er vielleicht ein Praktikum bei uns machen? Wie sieht das aus, hat er irgendwelche Defizite, die er überwinden muss, damit er auf dem Arbeitsmarkt eine Chance hat. Wir hatten eine WG mit vier Studenten – zwei Syrer, ein Iraker und ein Ägypter – die haben zusammen da gewohnt und die vier sind mittlerweile so weit, dass wir sie tatsächlich dazu bringen konnten, in eigene Appartements umzuziehen, so dass sie ein ganz normales Kölner Wohnumfeld haben.  Wir wollen die Menschen ja gerade nicht verwahren – Pantaleon soll keine Kita für Erwachsene werden. Wir wollen sie nicht von oben herab betreuen und alles für sie übernehmen; sondern es geht darum, sie in ihrer Würde ernst zu nehmen und dazu gehört auch die Selbstverantwortung, die jeder Mensch hat.

domradio.de: Wie sind die bisherigen Erfahrungen – zum Beispiel die in der WG?

Marx: Ich habe als Student auch in einer WG gewohnt, allerdings in einer, wo wir uns selbst ausgesucht hatten, zusammen zu leben. Da haben wir auch einen großen Kühlschrank geteilt. Die vier Studenten in der Pantaleons-WG hatten sich die jeweils anderen nicht ausgesucht und waren von der Stadt Köln zusammengelegt worden. Ein kleiner Konfliktherd war dann eben der gemeinsam Kühlschrank. Da sind große Diskussionen entstanden. So dass wir, nachdem diese jungen Männer jetzt erfolgreich umgezogen sind, für die nächste WG  dann tatsächlich vier einzelne kleine Kühlschränke in diese Küche gestellt haben. Für mich war das die Erfahrung, dass also auch ein Kühlschrank schon zur Intimsphäre gehört. Was ich durchaus verstehen kann und auch respektiere.

domradio.de: Hat das auch damit zu tun, dass die Menschen vorher in Sammelunterkünften gelebt haben, wo man Null Intimsphäre hat? 

Marx: Die Menschen  sind schon  traumatisiert. Das erkennt man auf den ersten Blick in dieser Form gar nicht. Aber sie haben oft Angst um ihre Schuhe, um ihre Klamotten, von daher sind diese abgeschlossenen Wohneinheiten wie in Pantaleon sehr wertvoll. Da haben sie wirklich ihr eigenes Reich, die Pfanne, die sie benutzen ist auch wirklich ihre Pfanne.

domradio.de: Sind Sie denn oft vor Ort? 

Marx: Ich bin regelmäßig in dem Objekt und momentan setzen wir uns jeden Montag um neun Uhr zusammen mit allen, die in dem Projekt tätig sind von der Reinigungsfrau angefangen über den  Hausmeister bis zu den Fachkräften von der Caritas und der SKF. Dann besprechen wir, was im Einzelnen denn richtig gelaufen ist, was gut gelaufen ist. Denn die Menschen, die in Pantaleon sind, sind nur temporär da. Je eher sie wieder normal Fuß gefasst haben in einer normalen Wohnung, in einem normalen Umfeld, umso besser. Es ist als Durchlaufstation gedacht – mit einer Belegung von maximal 36 Monaten. Wir hoffen, dass wir nach 24 Monaten die Menschen so weit haben, dass sie dann eben schon nach draußen können und dort ihr eigenes, selbst bestimmtes Leben leben.

domradio.de: Was ist denn mit dem anderen großen integrativen Wohnprojekt des Erzbistums in Köln – am ehemaligen Klarissenkloster in Köln-Kalk, wo der Neubau Ende diesen Jahres fertig werden soll. Was ist da das Konzept?

Marx: Da ist das Konzept ähnlich angedacht. Im Klarissenkloster gibt es ja das Pfortenhaus, das stehen geblieben ist. Das ist bereits mit Menschen mit Fluchthintergrund belegt. Der Neubau, der Anfang November eingeweiht werden soll, soll ähnlich wie Pantaleon belegt werden. Dass also auch Menschen eine Integrationsstufe in diesem Haus durchleben können und ansonsten dann eben ganz normale Kalker Bürger da auch Wohnraum finden. Zurzeit finden da die Gespräche mit der Stadt statt, wie das belegt werden kann. Mein Eindruck: Flüchtlinge sind momentan nicht so das Thema in den Medien; aber davon dürfen wir uns nicht täuschen lassen. Die Flüchtlinge sind nach wie vor da. Der Weltflüchtlingstag hat gerade erst wieder gezeigt: es waren noch nie so viele Menschen auf der Flucht wie zurzeit auf der Flucht sind. Auch wenn wir aufgrund der Mediengestaltung den Eindruck bekommen, sie sind nicht da: Sie sind da! Und die Stadt verhält sich da jetzt etwas zurückhaltend. Aber ich denke, die Situation ist nicht entspannt. 

Das Gespräch führte Uta Vorbrodt.

(DR)

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