Eine ehrenamtliche Helferin im Gespräch mit Geflüchteten
Eine ehrenamtliche Helferin im Gespräch mit Geflüchteten
Klaus Hagedorn
Klaus Hagedorn

08.04.2017

Flüchtlingskoordinator im Erzbistum Köln zur Willkommenskultur Weniger Akzeptanz für Flüchtlinge?

Bröckelt die Willkommenskultur in Deutschland? Dies will jedenfalls eine aktuelle Studie vermitteln. Der Koordinator der Aktion "Neue Nachbarn" im Erzbistum Köln hält dagegen: "Die meisten Deutschen heißen Flüchtlinge willkommen".

domradio.de: Spiegeln die Ergebnisse der neuen Bertelsmann-Studie Ihre Erfahrungen? Bröckelt die Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen tatsächlich?

Klaus Hagedorn (Koordinator der Aktion "Neue Nachbarn" im Erzbistum Köln): Aus meiner Sicht nicht in dem Maße. Man muss ja auch feststellen, dass die Bertelsmann-Studie ebenfalls das Ergebnis hatte, dass sich die Einstellung der Bevölkerung gegenüber der Aufnahme von Flüchtlingen und Migranten deutlich verbessert hat. Im Jahr 2015 gab es noch die Situation, dass durch die große Einwanderungswelle nach Deutschland eine große Hilfsbereitschaft da war und die Aufnahmebereitschaft von Flüchtlingen recht ausgeprägt war. Unheimlich viele Menschen haben versucht, dabei ihren Beitrag zu leisten. Dieses Niveau des Engagements ist aus meiner Sicht schon ein wenig zurückgegangen. Aber wir sind unheimlich stolz darauf, dass wir gerade in der Aktion "Neue Nachbarn" sowohl das ehrenamtliche als auch das hauptamtliche Engagement auf einem hohem Level halten können.

domradio.de: Man muss vielleicht auch überlegen, dass dieser erste Enthusiasmus den Praxischeck noch nicht überwunden hatte und die Leute erst in der tatsächlichen Arbeit mit den Flüchtlingen gemerkt haben, was das eigentlich bedeutet, oder?

Hagedorn: Natürlich. Jetzt geht es um eine langfristige Perspektive. Wir hatten am Anfang ein großes Engagement, bei dem es um schnelle Hilfen ging. Dabei spielten die Wohnraumversorgung, die Bereitstellung von Betten, Kleidung oder Möbeln eine Rolle. Jetzt kommen wir seit geraumer Zeit in eine Phase, wo es um die nachhaltige Integration geht. Nun steht eher der Spracherwerb im Vordergrund. Das sind langwierige Prozesse, die die Ehrenamtlichen deutlich mitgestalten. Es geht um berufliche Integration. Das sind keine Dinge, die sich in wenigen Stunden erledigen lassen, sondern hier braucht man einen langen Atem. Dazu ist auch nicht jeder in der Lage. Das muss man deutlich sagen. Manche Menschen haben sehr gerne und spontan geholfen. Andere können eher ihre Stärken ausspielen, wenn es um die langfristigen Arbeiten geht.

domradio.de: Wenn man sich die Bertelsmann-Studie ansieht, dann lohnt sich ein zweiter, intensiver Blick. Viele Medien spitzen das Ergebnis auf Risse in der Willkommenskultur zu. Ein Ergebnis besagt aber, dass sehr wohl die meisten Deutschen Flüchtlinge willkommen heißen.

Hagedorn: Ja, das ist so. In diesem Zusammenhang muss man sich einmal Statistiken von vor wenigen Jahren anschauen, denn da sah die Situation noch ganz anders aus. Ich glaube, wenn man sich als Deutscher auch im Ausland einmal umhört, dann bekommt man schon ein Stück weit Bewunderung für das gespiegelt, was Deutschland seit 2015 geleistet hat.

domradio.de: Trotzdem sagen über 50 Prozent aller Befragten, dass die Belastungsgrenze erreicht ist. Was sagen Sie diesen Menschen? Ist das so? Ist unsere Belastungsgrenze, was die Aufnahme von Flüchtlingen betrifft, erreicht?

Hagedorn: Das ist ja sehr unterschiedlich. Wenn man einmal auf aktuelle Zahlen guckt, was die Notwendigkeit angeht beispielsweise Ausbildungsplätze zu besetzen, dann erleben wir, dass es viel mehr Ausbildungsplätze gibt, als Ausbildungswillige. Hier geht die Schere auseinander. Der Bedarf auf dem Arbeitsmarkt ist viel größer als das, was wir an Jugendlichen und jungen Menschen überhaupt zur Verfügung haben. Da spielt Einwanderung und Zuwanderung eine große Rolle. Auf der anderen Seite wird sehr stark geschaut, was Deutschland und was die anderen EU-Staaten geleistet haben. Da kann man schon an der einen oder anderen Stelle - nicht bei allen Ländern, aber bei einigen Ländern - feststellen, dass sich hier eher gewünscht wird, dass eine gerechte Verteilung der Flüchtlinge möglich ist. Das würde dann aus meiner Sicht auch dazu führen, dass eine größere Bereitschaft seitens der EU da ist, neue Flüchtlingseinreiseprogramme zu schaffen, um vielleicht das Sterben auf dem Mittelmeer und auf den ganzen Routen endgültig beenden zu können.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

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