Flüchtlinge schützen sich mit Decken vor Regen
Flüchtlinge schützen sich mit Decken vor Regen

30.09.2015

Hilfsorganisationen warnen vor Flüchtlingskatastrophen im Winter Kälte und hoher Wellengang

Die Tage werden kälter, das Meer wird stürmischer - und Zehntausende Menschen fliehen weiter Richtung Europa. Was erwartet die Flüchtlinge im Winter? Hilfsorganisationen befürchten mehr Todesopfer.

Im Schatten seiner Kapitänsmütze blickt der Kommandant auf das Schiff. Noch liegt die "Schleswig-Holstein" ruhig im Hafen von Catania auf Sizilien, sie wird beladen, betankt und in Schuss gebracht. Bald geht es wieder auf hohe See, Patrouille steht an vor der libyschen Küste. Ein leichter Wind weht, kühl - er zeugt bereits vom nahenden Winter.

Höherer Wellengang im Mittelmeer im Winter

Kapitän Marc Metzger weiß noch nicht genau, was ihm und seiner Besatzung in den kommenden Monaten bevorstehen wird. Der 42-Jährige kommandiert eine Fregatte der deutschen Bundeswehr, die als Teil einer EU-Mission Flüchtlinge im Mittelmeer rettet. "Wir wissen, dass in den letzten Jahren im Winter der Flüchtlingszufluss nachgelassen hat", sagt Metzger. "Wir müssen aber abwarten, ob das dieses Jahr auch so passiert."

Sicher ist: Im Winter birgt das Mittelmeer für Flüchtlinge aus Nordafrika noch größere Gefahren als sonst. Der Wellengang könne dann bis zu vier Meter hoch sein, sagt Metzger. "Schlauchboote und Holzboote kommen kaum gegen die Wellen an."

Mit jedem Tag wird es nun kälter in Europa - und trotzdem sind weiterhin Zehntausende Menschen auf der Flucht. Sie irren durch den Balkan, sie sitzen tagelang fest an osteuropäischen Grenzen, viele versuchen ihr Glück auf dem Seeweg, von der Türkei auf die griechischen Inseln, oder von Nordafrika nach Südeuropa.

Hilfsorganisationen warnen vor weiteren Flüchtlingskatastrophen

Derzeit spricht die Politik noch von einer Krise. Doch die Tage werden kälter. Hilfsorganisationen warnen vor einer Katastrophe. Was erwartet die Flüchtlinge - im Libanon, auf der Balkanroute, am Mittelmeer, in Deutschland?

Für Bakri Allusch war bereits der Sommer schlimm. Der Mann Mitte 30, die Haare leicht angegraut, stöhnt, als er von den vergangenen Wochen erzählt: die Hitze, kein Wasser, kein Strom und dann diese Enge in der Baracke aus Holz und Plastik, die sie sich mit Verwandten teilen: elf Personen in einem kleinen Raum.

Bakri Allusch floh vor mehr als einem Jahr mit Frau und drei kleinen Kindern vor den Bomben aus dem nordsyrischen Aleppo in den Libanon. Hier leben sie jetzt in einem Flüchtlingslager in der Bekaa-Ebene nahe der syrischen Grenze. "Wir müssen um alles betteln: Arbeit, medizinische Versorgung, Essen, um die einfachsten Dinge im Leben", sagt er. "Es wäre besser gewesen, wenn wir in Syrien gestorben wären, als hier als Bettler zu leben", sagt er. Bakri Allusch fängt an zu weinen, als er das erzählt.

Hilfsbedarf ist weiterhin groß

Und jetzt kommt auch noch der Winter. Der kann kalt sein in der Bekaa-Ebene, sehr kalt. Im vergangenen Frühjahr fiel hier so viel Schnee, dass die Straßen geschlossen werden mussten und keine Hilfe mehr zu den Flüchtlingen kam. Menschen erfroren. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR hat zwar Öl-Heizungen an Flüchtlinge verteilt. Viele Familien aber haben sie im Sommer verkauft, um an ein wenig Geld zu kommen. Auch Bakri Allusch weiß nicht, wie er die Baracke im Winter wärmen soll. "Wir erwarten das Schlimmste", sagt er. "Wir haben keine Heizung und nur kaltes Wasser."

Der Bedarf für zusätzliche Winter-Hilfe im Libanon werde immer dringlicher, heißt es beim UNHCR. 70 Prozent der rund 1,1 Million syrischen Flüchtlinge dort leben nach Angaben der Vereinten Nationen unter der Armutsgrenze - sie haben am Tag weniger als 3,40 Euro pro Person. Auch in diesem Jahr sollen Öfen, Decken und warme Kleidung an die Menschen verteilt werden. Von November an erhalten die bedürftigsten Flüchtlinge vier Monate zusätzliches Geld. Allerdings ist das UNHCR massiv unterfinanziert. Etwa 1,9 Milliarden US-Dollar (1,7 Milliarden Euro) bräuchten die libanesische Regierung und die Hilfswerke in diesem Jahr, um die Flüchtlinge ausreichend zu versorgen. Davon haben sie bislang erst rund 40 Prozent erhalten.

Regen und Kälte in Osteuropa

Auch in Osteuropa wird die Lage mit jedem Tag schwieriger. Der Balkan ist seit Wochen Verschiebebahnhof und Wartesaal für Tausende Flüchtlinge. Familien liegen nachts an den Grenzen ohne Decken unter freiem Himmel auf der Straße. Karl Kopp spricht bereits jetzt von einer "permanenten humanitären Katastrophe". "Leute ohne Essen und medizinische Versorgung irren durch Europa bei jetzt kühlen Temperaturen, Menschen mit Kindern, Menschen auf Krücken", berichtet der Europareferent der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl.

Der Winter auf dem Balkan ist kalt und feucht, Kopp warnt vor Erschöpfung und Erfrieren. "Die Menschen sind schon eh geschwächt", sagt er. "Wenn sich die Situation fortsetzt im Winter, muss man mit mehr Toten rechnen." Bereits jetzt gebe es starke Regenfälle.

Der Regen beschäftigt auch Nadine Cornier. Die UNHCR-Mitarbeiterin hilft am Bahnhof von Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze aus. Hunderte Menschen müssen dort derzeit bis zu ihrer Weiterreise ausharren. Derzeit lässt es sich zwar abends noch mit einem Hemd aushalten. Vergangene Woche habe es aber stark geregnet, berichtet Cornier. Das UNHCR habe deshalb Zelte aufgestellt. "Wären sie nicht drinnen gewesen, hätten wir ein Schlamassel gehabt", sagt Cornier.

Kummer bereitet ihr aber vor allem die Lage im Hunderte Kilometer entfernten Ägäischen Meer - dort, wo die Flüchtlinge mit kleinen Schlepperbooten von der Türkei nach Griechenland übersetzen. "Weil das Meer nun unruhiger wird, werden wir eine ganze Menge Menschen verlieren", sagt Cornier. Sie organisiert bereits psychologisches Training für Polizisten, die Küstenwache und den UNHCR. Damit sie die Flüchtlinge betreuen können. Aber auch, um selbst traumatische Erfahrungen verarbeiten zu können.

Ein 29-Jähriger Flüchtling aus Aleppo, der seinen Namen nicht nennen will, kam vor kurzem fast auf einem sinkenden Boot ums Leben. Er wurde mit seiner Schwester und ihrem kleinen Kind von einem griechischen Fischer gerettet. Triefend nass gingen sie in Lesbos an Land - und mussten zwei Tage lang 60 Kilometer laufen. Der syrische Arzt will nach Deutschland, sich dort auf Lungen- und Herzchirurgie spezialisieren. "Ich habe versucht, ein Visum zu bekommen. Aber es hat nicht funktioniert", berichtet er. "Also mussten wir diesen Weg nehmen. Den Todesweg."

Fluchtroute über das Mittelmeer wird auch im Winter genutzt

Vor der libyschen Küste wurden allein am Montag mehr als 1100 Flüchtlinge aus Seenot gerettet, wie die italienische Nachrichtenagentur Ansa unter Berufung auf die Küstenwache des Landes berichtete. Die Zahl der Flüchtlinge auf dem Mittelmeer-Weg nach Europa wird nach Einschätzung von Experten wie der Internationalen Organisation für Migration auch im Winter kaum geringer werden. Seit dem Jahresbeginn seien mittlerweile mehr als 470 000 Flüchtlinge in zumeist unsicheren Booten nach Europa gelangt.

"Die Boote sind voll", sagt auch Kopp. "Es werden mehr Menschen in den Fluten verschwinden." Bereits in diesem Jahr seien Tausende Menschen im Mittelmeer ertrunken. "Das ist der tödlichste Wasserweg auf der Welt."

Der Druck der Flüchtlinge auf der Landseite baue sich weiter auf, die Leidensschicksale würden noch größer werden, berichtet auch Kapitän Marc Metzger in Catania. Wenige Tage zuvor war eine 17-Jährige Frau unter den Geretteten, die im neunten Monat schwanger war. Ihre kleine Tochter saß neben ihr im Notlazarett und malte Bilder.

Rettung bei schwerem Seegang wird schwieriger

"Ich kann mir vorstellen, dass es im Winter einige auf anderen Wegen versuchen, zum Beispiel mit Fischerbooten", sagt der Fregattenkapitän. Darauf muss sich die Besatzung der "Schleswig-Holstein" einstellen. "Eine Rettung bei schwerem Seegang ist sehr schwierig, das ist eine Gefahr für die Retter und die Geretteten", sagt Metzger.

Bei Rettungseinsätzen werden normalerweise Schwimminseln an der Seite der Fregatte eingesetzt. Speedboote bringen die Flüchtlinge von ihrem kenternden Boot zu der Schwimminsel, von der einer nach dem anderen an Bord gehen kann. Ab anderthalb bis zwei Metern Wellengang können diese Schwimminseln aber nicht mehr eingesetzt werden. Die Besatzung muss sich für den Winter etwas anderes überlegen. Die Devise des Fregattenkapitäns bleibt weiterhin: "Wenn es Menschen in Seenot gibt, ist die Frage nicht ob, sondern wie sie gerettet werden."

Auch Deutschland muss sich vor dem Winter rüsten

Der Winter naht, die Zeit läuft. Das gilt auch für Deutschland. Tausende Flüchtlinge brauchen auch hier einen warmen, trockenen Platz zum Schlafen. Viele leben derzeit in Zelten. "Wir fordern Bund, Länder und Gemeinden auf, angesichts sinkender Temperaturen für feste Wohnunterkünfte zu sorgen", sagt der Sprecher des Deutschen Roten Kreuzes, Dieter Schütz. "Die Gefahr besteht, dass sich die Flüchtlinge Krankheiten zuziehen."

Schleswig-Holstein überlegt, im Winter Schiffe zu chartern. Rheinland-Pfalz will beheizbare Zelte nicht mehr ausschließen. Kommunen suchen händeringend nach Wohnungen, mittlerweile machen Forderungen nach Beschlagnahmungen leerer Gebäude die Runde. "Es gibt das Ziel der Länder, dass alle Unterkünfte winterfest gemacht werden", heißt es aus dem Bundesinnenministerium. Selbst Jugendherbergen wollen Flüchtlingen eine Unterkunft bieten.

Doch selbst wenn sie ein festes Dach über dem Kopf haben, hält die kalte Jahreszeit Herausforderungen bereit. Die Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge in Meßstetten auf der Schwäbischen Alb ist bereits seit Monaten hoffnungslos überbelegt. Mehr als 3000 Flüchtlinge leben hier eng auf eng in einer ehemaligen Kaserne. Feldbetten stehen in der ehemaligen Waffenkammer und in den alten Hörsälen. Die Gemeinschaftsräume wurden zweckentfremdet, auch der Kinosaal dient nun als Schlafraum. "Der "Luxus", den man am Anfang noch hatte, ist geschwunden", berichtet der örtliche Streetworker Axel Leukhardt.

Den ganzen Sommer lang hielten sich die Flüchtlinge deshalb im Freien auf, sie grillten im Wildgehege nebenan, entspannten auf den Wiesen ums Dorf herum. "Was machen die im Winter?" Immer wieder kommt es bereits zu Konflikten in Flüchtlingsunterkünften, wie zuletzt im nordhessischen Calden. In Meßstetten habe es bisher nur kleinere Auseinandersetzungen gegeben, berichtet Leukhardt. "Alle warten darauf, dass was passiert."

 

Nico Pointner, Gioia Forster, Jan Kuhlmann und Jessica Aguirre
(dpa)

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