Der Magdeburger Vormundschaftsverein "Refugium" kümmert sich um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge wie Souleymane aus Mali
Souleymane aus Mali

23.07.2015

Verein kümmert sich um geflohene Kinder "Elternliebe kann man nicht ersetzen"

Sie kommen aus Syrien, Afghanistan oder Mali: Über 10.000 minderjährige unbegleitete Flüchtlinge suchten 2014 in Deutschland Zuflucht. Der Magdeburger Vormundschaftsverein "Refugium" hilft ihnen bei ihrem neuen Leben.

Der 2. März 2015 hätte ein schwarzer Tag in seinem Leben werden können. Es sah aus, als sei alles umsonst gewesen: die Flucht, die Tränen, das Betteln, das Schlafen auf der Straße, die Angst, die Erniedrigungen. Das Alleinsein. Doch Souleymane hatte Glück, endlich einmal. Sein Vormund ließ ihn auch nach seinem 18. Geburtstag nicht im Stich und sorgte durch ein ärztliches Gutachten dafür, dass er am 2. März nicht nach Italien abgeschoben werden konnte - wegen psychischer Probleme.

Roland Bartnig heißt der Mann, der mehrfacher Vater ist und gemeinsam mit seiner Kollegin 45 minderjährige unbegleitete Flüchtlinge im Auftrag des Vereins «Refugium» in Magdeburg als gerichtlicher Vormund betreut. Er klärt die rechtliche Seite, sorgt für die Unterbringung in Jugendhilfeeinrichtungen, meldet das Kind in der Schule an. Unterzeichnet Zeugnisse oder unterschreibt, wenn nötig, die Erlaubnis zur Blinddarmoperationen.

Seine Beziehung zu den Mündeln ist freundschaftlich. "Die Eltern kann man nicht ersetzen. Auch deren Liebe nicht", sagt Bartnig, der trotz langen Haaren und Stirnband etwas Väterliches hat. Seit 14 Jahren arbeitet er für den Verein, der bei der Caritas angesiedelt ist und dessen Arbeit der Magdeburgs Bischof Gerhard Feige als "Herzensanliegen" bezeichnet.

Keine Abschiebung von Minderjährigen

Mindestens 10.321 minderjährige Flüchtlinge wurden nach aktuellen Zahlen des Bundesfachverbandes Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge (UMF) im Jahr 2014 von Jugendämtern in Obhut genommen, 45 Prozent mehr als im Vorjahr. Tendenz weiter steigend. Viele kommen aus Syrien, im Durchschnitt sind die Flüchtlinge 15,7 Jahre alt. Die Minderjährigen dürfen nicht abgeschoben werden und bekommen in Deutschland besondere Betreuung. Außerdem sind sie ausgenommen vom sogenannten Dublin-Verfahren, das heißt, sie dürfen nicht in das Land der Einreise zurückverwiesen werden. Die Altersgrenze von 18 Jahren führt dazu, dass die Jugendlichen häufig versuchen, sich ein oder zwei Jahre jünger zu machen. Nach UMF-Erhebungen sind es 30 Prozent.

Bartnig zeigt dafür Verständnis. Er sagt: "Würden wir das nicht alle versuchen?" Viele der Minderjährigen sind ohne Papiere unterwegs, so dass das Alter vom Jugendamt entweder geschätzt werden muss oder aber eine medizinische Untersuchung etwa durch Röntgen des Handwurzelknochens erfolgt. Bartnig kritisiert dies: "Diese Studien beziehen sich auf weiße Europäer; dass hier ganz andere Ethnien vorliegen, wird nicht berücksichtigt."

Krieg und Angst vor Zwangsverheiratung

Souleymane, der nach seinem 18. Geburtstag in das potenzielle Land seiner Einreise - Italien - abgeschoben werden sollte, ist vor zwei Jahren geflohen, aus dem westafrikanischen Mali, wo 2012 und 2013 ein Bürgerkrieg tobte und sich nach einem Tuareg-Aufstand im Norden des Landes Islamisten und Kriminelle breitmachten. Der Frieden steht bis heute auf tönernen Füßen, das Land ist arm, es gibt viele Menschenrechtsverletzungen. Wenn der Junge von seiner Flucht erzählt, nehmen seine Augen einen verzweifelten Ausdruck an. Er wird leise. "Mein Vater ist im Krieg getötet worden, mein Bruder auch. Wo meine Mutter und meine Schwester sind, weiß ich nicht", sagt er in gebrochenem Deutsch. 

Krieg im eigenen Land ist einer der Gründe, warum sich Kinder und Jugendliche auf den gefährlichen Weg nach Europa machen, allein, ohne ihre Eltern. Angst vor Zwangsverheiratung ist ein anderer. Oder aber Jungen werden von der Familie losgeschickt. "Oft ist es das sogenannte beste Kind - etwa, um in Europa Geld zu verdienen", so Bartnig.   

Die nun geplante quotale Verteilung der Minderjährigen auf die Jugendämter der Kommunen kritisieren die Experten. An einen ungewünschten Ort verwiesen zu werden, könnte die Jugendlichen etwa dazu treiben, «ihre eigenen gefahrvollen Wege zu suchen», so der UMF.  Wege, die vielleicht auch Souleymane wieder gehen wird, wenn er keine Chance bekommt, in Deutschland zu bleiben. Boxweltmeister, ja, das wäre sein großer Traum. Die Goldmedaille in seiner Altersklasse hat er in der Landesmeisterschaft Sachsen-Anhalts bereits gewonnen. Ganz ohne Bleiberecht.

(KNA)

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