Pfarrer Dr. Wolfgang Picken
Pfarrer Dr. Wolfgang Picken

20.03.2020

Bonner Predigtreihe "Seelen-Sehnsucht" wird digital weitergeführt Glaube gibt Hoffnung und Gelassenheit in Krisenzeiten

Nicht nur die Bewegungsfreiheit ist durch die Corona-Krise eingeschränkt, auch gemeinsam Gottesdienste feiern geht nicht mehr. Wie kann die Kirche die Menschen stärken? Die Predigtreihe "Seelen-Sehnsucht" will digital Antworten geben.

DOMRADIO.DE: Wie kann uns denn die christliche Gemeinschaft momentan helfen, wenn die Menschen sich nicht wie gewohnt in der Kirche Mut zusprechen können?

Pfarrer Dr. Wolfgang Picken (Bonner Stadtdechant): Uns trifft die Coronakrise genau in der Fastenzeit. Wir wissen, dass Reduktion, Konzentration und Entschleunigung unseres Lebens immer mit Problemen für uns verbunden ist. Das ist in jeder Generation und jederzeit so gewesen. Aber die Coronakrise bietet große Chancen, um für sich neue Klarheit zu entdecken. Von daher ist die Frage: Wie können wir jetzt erst einmal Stille und Zurückgezogenheit persönlich für uns selber nutzen? Ich sage mal fast wie in Exerzitien oder geistlichen Tagen, indem wir nicht vor der Stille davonlaufen, was wir jetzt auch gar nicht mehr können, sondern uns ihr stellen.

Dabei kann man vielleicht die Erfahrung wie in Fastenzeiten machen, dass Dinge, die nicht so wichtig sind, zur Seite fallen und in den Hintergrund treten. Man kommt dann über wesentliche Dinge ins Gespräch. Wir müssen jetzt als Kirche überlegen, wie wir Gemeinschaft als Kirche organisieren, damit nicht jeder vereinzelt mit seiner Seele, seinen religiösen und sozialen Bedürfnissen. Wir leben ja in einer Zeit, in der das leichter möglich ist als in früheren Generationen, weil es sehr viele digitale, virtuelle und kommunikative Möglichkeiten gibt, die es jetzt zu nutzen gilt.

DOMRADIO.DE: Das heißt jetzt chatten, Livestream und im Internet treffen?

Picken: Genau. Ich glaube, dass man zunächst mal nachvollziehen kann, dass wir alle die Krise, diese ständigen Veränderungen, Schließungen und Einschränkungen verarbeiten müssen. Damit waren wir jetzt erst einmal beschäftigt. Jetzt kommen wir auch in den Kirchengemeinden zur Ruhe und können darüber nachdenken, wie wir jetzt auf die veränderte Situation reagieren können. Alles ist für uns total neu.

Aber viele Gemeinden haben angefangen ihre Gottesdienste zu streamen und stellen so Gemeinschaft her. Im Bonner Münster arbeiten wir für die Stadt Bonn an einer virtuellen Stadtkirche, in der man Podcast, Videos, Beratung und Nachbarschaftshilfe abrufen kann. Im Grunde genommen jedweden Bezug zum Geistlichen, zur Gemeinschaft, zu karitativen Dingen, die jetzt möglich sind, über ein Internetportal anzubieten, um so möglichst die Dienste, die Möglichkeiten, die wir für Seelsorge haben, allen zugänglich zu machen.

DOMRADIO.DE: Schöne Idee, die Kirche digital ins Internet bringen. Sie stellen einiges auf die Beine wie Gottesdienste, die übertragen werden. So zum Beispiel am Sonntag aus der Remigius-Kirche. War das ein Wunsch auch aus den Bonner Pfarrgemeinden?

Picken: Wir haben die Situation, dass die 12-Uhr-Messe sonntags in Remigius sehr stark besucht wird. Es gibt eine Predigtreihe, und die Leute wollen irgendwie die Fortsetzung. Wir haben viele Rückkopplungen, dass die Leute sagen, dass muss irgendwie weitergeführt werden. Die Reihe heißt "Seelen-Sehnsucht" und passt natürlich als Thema sehr gut. Letzte Woche haben wir das ein bisschen aus dem Stand heraus versucht. Wir hatten im Grunde nur wenige Stunden, in denen wir das vorbereiten konnten. Das wird in dieser Woche dann schon anders und auch technisch besser sein, sodass sich die Menschen gut einwählen können.

Die Ersten fragen schon nach, ob sie jetzt wochenlang die Kommunion nicht mehr empfangen können, wochenlang nur geistliche Kommunion. Auch da werden wir jetzt am kommenden Sonntag einfach mal einen Test starten. Kirchen sind ja auf. Wenn wir es wirklich so handhaben, wenn die Menschen in die Kirche kommen, eine Kerze aufstellen und vorne an die erste Stufe treten, könnten wir ihnen auch die Kommunion reichen.

Wir werden Einzel-Kommunion anbieten, damit die Leute auch seelische Stärkung erfahren. Denn wir halten ja viel von der Eucharistie. Der Mensch verbindet sich mit Gott. Das heißt Stärkung an Leib und Seele. Vielleicht ist es gerade jetzt wichtig, dass wir denen, denen das besonders notwendig erscheint, auch die Gelegenheit bieten.

DOMRADIO.DE: Die Menschen sollen ja eigentlich zu Hause bleiben und im Livestream den Gottesdienst verfolgen. Eigentlich geht das nicht, dass alle zur Remigius-Kirche strömen. Die Appelle lauten ja: Bleiben Sie zu Hause!

Picken: Wir glauben nicht, dass alle auf einmal dahin strömen werden. Das wird sich auf eine gewisse Zahl begrenzen. Es wird im Grunde so laufen wie - ich sage mal salopp - in einer Apotheke und wie in einem Laden. Auch jetzt kommen die Leute. Die Kirchen sind ja offen. Die Menschen kommen und stellen eine Kerze auf. Und dann könnten sie einfach, wenn sie wollen, nach vorne gehen und bekommen die Kommunion. Das hat für uns große Bedeutung.

Wir müssen ja auch sehen, dass wir seelisch über diese Zeit kommen. Denn das ist ja eine lange Phase, auf die wir uns da einstellen. Ganz bewusst ist es kein gemeinschaftlicher Gottesdienst, zu dem wir die Menschen zusammen und gleichzeitig einladen. Aber über mehrere Stunden werden Priester da sein. Wenn dann jemand nach vorne kommt, können sie die Eucharistie reichen. Wir werden gucken, wie sich das entwickelt und ob das ein Angebot ist, das sich gut in diese Situation einfügt.

DOMRADIO.DE: Hygienemaßnahmen werden auch getroffen. Das konnte man im Internet lesen. Live wird der Gottesdienst auf bonner-muenster.de gestreamt. Im Anschluss gibt es dann diese Möglichkeit der Einzel-Kommunikation. Kommen wir noch mal ganz kurz auf die Predigtreihe zu sprechen. "Seelen-Sehnsucht" - wonach sehnt sich denn jetzt unsere Seele besonders?

Picken: Als wir die Predigtreihe entwickelt haben, war noch nicht abzusehen, dass sich diese Coronakrise so entwickeln würde. Aber eigentlich zielt diese Predigtreihe genau auf das ab, was jetzt viele Leute erleben, nämlich auf das Wesentliche zu schauen, auf das, was die Seele braucht. Ob das die große Sehnsucht nach Liebe ist, das war das Thema in der letzten Predigt am vergangenen Sonntag. Oder ob es die große Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Frieden, nach Vergebung ist. Jetzt, am kommenden Sonntag, wird die große Sehnsucht nach Gott und Wahrheit und Wahrhaftigkeit ein Thema sein.

Das sind ja Dinge, die uns innerlich treiben und bewegen, oft mehr, als wir uns das eingestehen wollen. Die Frage ist: Wie leben Menschen jetzt in dieser Krise, wenn sie eine Seelen-Sehnsucht haben nach bleibendem Leben beispielsweise. Aber sie wissen oder auch nicht, dass diese Sehnsucht erfüllt wird. Der Glaube gibt uns die Hoffnung, dass sie erfüllt wird, und ein gewisses Maß an Gelassenheit, auch in Krisensituationen. Bei denen, die diese Sehnsucht nicht erfüllt sehen, kann sich das sehr schnell zu einem Problemstau und damit auch zu großen menschlichen, sozialen und psychischen Problemen entwickeln.

(DR)

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