20.02.2018

Schnecken als typisches Fastenessen "Wie feines Kalbfleisch"

Wenn es um Essen in der Fastenzeit geht, sind Katholiken seit jeher erfinderisch. Schnecken wurden so seit dem Mittelalter zur beliebten Fastenspeise. Weil sie weder als Fisch noch als Fleisch galten, durften sie ungestraft gegessen werden.

DOMRADIO.DE: Viele Menschen denken bei Schnecken zuerst an Nacktschnecken, die über Gemüsebeete herfallen. Wie können Sie denen ihren Ekel vor Schnecken nehmen? 

Rita Goller (Schneckenzüchterin von der Schwäbischen Alb): Es geht hier ja um die Weinbergschnecke, also um die Gehäuseschnecke. Wenn Sie diese Weinbergschnecke betrachten und sehen, wie sie gleichmäßig dahinkriecht, ist das schon etwas besonderes. Und sie frisst auch nicht aggressiv den Salat ab, wie die Nacktschnecke. Auch den Schleim dieser Weinbergschnecken bekommen Sie relativ schnell wieder von den Händen weg - anders als den der Nacktschnecken. 

DOMRADIO.DE: Warum sind denn die Schnecken in der Fastenzeit ein favorisiertes Essen für Katholiken? Weil sie nicht aus Fleisch und Blut sind?

Goller: Genau, weil sie kein Blut haben. Deshalb wurden Schnecken traditionell oft von Klöstern gesammelt und in Klostergärten gehalten. Bei uns in der Region gibt es traditionell in den Wirtschaften immer noch Schnecken als Aschermittwochsessen und auch in der Zeit danach. 

DOMRADIO.DE: Das heißt, sie als Schneckenzüchterin spüren in der Fastenzeit eine erhöhte Nachfrage. 

Goller: Ja. Wobei ich aktuell keine Schnecken ernte, weil die Schnecken ja im Winterschlaf an Gewicht abnehmen. Außerdem muss man die Schnecken sehr lange kochen. Sie müssen mindestens zweieinhalb Stunden geköchelt werden. Und so lange wartet im Normalfall kein Gast. Das heißt, die Schnecke wird nicht frisch verarbeitet, sondern kommt bereits verarbeitet ins Glas oder wird eingefroren. Im Glas ist es etwas besser, weil die Schnecke noch zieht, das heißt, sie wird dann noch größer und saftiger. 

DOMRADIO.DE: Wonach schmecken denn Schnecken?

Goller: Schnecken schmecken wie feines Kalbfleisch mit etwas nussigem oder erdigen Geschmack. So, wie man auch beim Wein im Nachgang das "Schwänzchen" schmeckt, spürt man bei der Schnecke im Nachgang, wo sie sich aufgehalten hat - ob eher im moosigen Bereich oder im erdigen Bereich. Aber ansonsten schmeckt sie wie feines Kalbfleisch.

DOMRADIO.DE: Wie sind Sie denn dazu gekommen, diese Gehäuseschnecken zu züchten?

Goller: Einer meiner Vorfahren hat jahrhundertelang Schnecken gesammelt - allerdings erst spät im Jahr, um Jakobi herum. Weil dann die Paarungszeit der Schnecken vorbei ist und für Nachkommen gesorgt ist. Er hat die Schnecken dann zu etwa 250.000 Stück in großen Schneckengärten gehalten, noch ein paar Wochen gefüttert, bis sie letztendlich in den Winterschlaf gegangen sind. Erst dann hat er sie herausgeerntet und verpackt. Dann ist er mit ihnen donauabwärts gefahren bis nach Wien und Budapest. An der Donau liegen viele Klöster, die oft 10.000 bis 15.000 Schnecken abgenommen haben. Den Rest der Tiere hat er dann in Wien auf dem Markt verkauft.

Das Interview führte Tobias Fricke.

(DR)

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