Guanabarabucht in Rio de Janeiro
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Pirmin Spiegel
Pirmin Spiegel

13.02.2016

Misereor-Chef Pirmin Spiegel zur aktuellen Fastenaktion "Das Recht ströme wie Wasser"

Am 14. Februar wird sie mit einem Gottesdienst im Würzburger Dom eröffnet - die aktuelle Fastenaktion des katholischen Entwicklungshilfswerks Misereor. Worum es diesmal geht, erläutert Pirmin Spiegel im Interview.

KNA: Pfarrer Spiegel, die Fastenaktion steht vor der Tür. Worum geht es diesmal?

Pirmin Spiegel (Hauptgeschäftsführer von Misereor): "Das Recht ströme wie Wasser" ist das Motto. Ein Wort des Propheten Amos, der vor etwa 2.800 Jahren gelebt hat. Doch damals wie heute ging und geht es um Fragen von Recht und Gerechtigkeit. Und genau die stehen im Zentrum der Fastenaktion.

KNA: Warum Recht und Gerechtigkeit?

Pirmin Spiegel: Ich habe ja lange in Brasilien gearbeitet. Dabei habe ich immer wieder erlebt, wie sehr die Armen vom Leben ausgeschlossen sind, weil ihnen das Grundrecht verwehrt wird, eigene Rechte zu haben und diese auch durchsetzen zu können. Sie wollen dazugehören. Und das gilt auch heute für Milliarden Menschen in aller Welt. Sie werden ausgegrenzt und abgeschnitten. Außerdem ist es eine ganz zentrale Aufgabe vom Evangelium her: Suche zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit.

KNA: Wo fehlt es vor allem an Gerechtigkeit?

Pirmin Spiegel: Denken Sie etwa an eine aktuelle Studie, nach der die 62 reichsten Menschen der Welt soviel materiellen Reichtum besitzen wie die gesamte ärmere Hälfte der Menschheit. Und das ist nur ein Signal dafür, dass viele Menschen in den Ländern des Südens schlichtweg kaum eine Chance auf ein besseres Leben haben. Obwohl da viel mehr möglich wäre. Wer globale Gerechtigkeit will, muss Abhängigkeiten sowohl im negativen als auch im positiven Bereich in den Blick nehmen und sich mit ihnen auseinandersetzen. Misereor will mit der Projektarbeit einen Beitrag dazu leisten, dass Menschen ihre Rechte verteidigen können und Zusammenhänge aufzeigen, was mangelnde Rechte für Menschen in anderen Ländern mit uns in Deutschland zu tun haben. Welche Vorstellungen haben wir von Entwicklung und Fortschritt für Deutschland, für Brasilien, für die Welt? Ein lateinamerikanisches Gebet drückt es so aus: "Herr gib denen, die Hunger haben, Brot - und denen, die Brot haben, Hunger nach Gerechtigkeit."

KNA: Papst Franziskus hat ja das Heilige Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen. Wie fügt sich Ihre Fastenaktion in dieses Jahr ein?

Pirmin Spiegel: Schon der Name des Werkes Misereor heißt so viel wie "Ich habe Erbarmen". Wir wollen ein Herz haben - gerade für die, die ausgeschlossen sind, und für die arm gemachten dieser Erde. Und schon Thomas von Aquin hat gesagt, dass Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zwei Seiten der gleichen Medaille sind. Ich muss da immer an ein Lied der argentinischen Sängerin Mercedes Sousa denken, in dem es heißt: "Nur das eine erbitte ich von Gott: dass das Leiden der Anderen mich nicht gleichgültig lässt." Und da sind wir ganz nah bei Papst Franziskus, der etwa auf Lampedusa vor einer Globalisierung der Gleichgültigkeit gewarnt hat. Hier wollen wir Zeichen setzen und zeigen, dass es ganz viele Hoffnungsträger gibt in der Welt, die Barmherzigkeit, Solidarität und Gerechtigkeit gegen die Gleichgültigkeit setzen.

KNA: Neu in diesem Jahr ist, dass Sie Ihre Aktion gemeinsam mit dem Rat der Kirchen in Brasilien starten. Was steckt dahinter?

Pirmin Spiegel: Da gibt es drei Aspekte: Erstens kann nicht ein Land alleine die aktuellen großen Herausforderungen wie Klimawandel oder die Flüchtlingsfrage lösen. Nord und Süd müssen hier eng zusammen arbeiten. Zweitens sagt UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, dass 80 Prozent der Weltbevölkerung einer Religion angehören. Damit hat Religiosität ein Riesen-Potenzial, aber auch die Pflicht, etwas zu verändern in dieser Welt. Und drittens: Brasilien ist ein Schwellenland, also nicht nur Hilfsempfänger, sondern selbst wichtiger Akteur in der Weltgemeinschaft. Und da wollen wir gemeinsam etwas bewirken, aber auch die Zusammenhänge in der Welt aufzeigen.

KNA: Wie machen Sie das beim Thema Recht und Gerechtigkeit? In Brasilien und mit den Gästen von dort hier in Deutschland?

Pirmin Spiegel: Ein Thema ist der Zugang zu sauberem Trinkwasser und zu Toiletten. Es ist ungerecht, dass dieser so vielen Menschen verwehrt wird. Wir stellen zwei Projektpartner aus Brasilien in den Mittelpunkt - als konkrete Beispiele für viele andere: eins in einer Megastadt und eins auf dem Land.

KNA: Worum geht es da in der Stadt?

Pirmin Spiegel: Dort unterstützen wir das Zentrum Gaspar Garcia: ein Menschenrechtszentrum in Sao Paulo - mit 21 Millionen Einwohnern die größte Stadt Brasiliens. Dort leben Millionen auf der Straße und haben keinen Zugang zu sanitärer Grundversorgung! Es fehlen würdiger Wohnraum, Müllabfuhr und der Anschluss an das öffentliche Verkehrsnetz. Unsere Partner sorgen aber nicht nur für Wasser und für menschenwürdige Wohnungen. Sie leiten die Menschen an und machen sie stark, bieten Rechtsberatung an, unterstützen sie bei der Arbeitsplatzsuche und zeigen so Spuren der Hoffnung auf.

KNA: Und das Landprojekt?

Pirmin Spiegel: Fast 5.000 Kilometer weiter nördlich im Amazonasgebiet geht es um Selbstbestimmung - kulturell, sozial und wirtschaftlich. Am Fluss Tapajos zum Beispiel soll ein gigantischer Staudamm gebaut werden für ein Kraftwerk zur Energiegewinnung. Aber der würde das Land der Menschen dort überfluten, denen es seit langem Heimat ist und die dort unter anderem ihre Toten beerdigt haben. Jetzt sollen sie von dort zumeist ohne adäquaten Ersatz weichen, damit Industriezentren günstigen Strom bekommen und der Transport zum Beispiel von Soja in die Häfen der Welt noch schneller möglich ist. Von den billigen Agrarimporten profitieren dann vor allem wir in den Industriestaaten - Stichwort Fleischkonsum oder Biosprit. Hier wollen wir auf die Rechte der Einwohner aufmerksam machen, auch mit einer Unterschriftenaktion in Deutschland.

KNA: Ihre Aktion läuft in der Fastenzeit. Was hat das Ganze mit Fasten zu tun?

Pirmin Spiegel: Fastenzeit heißt Zeit der Umkehr. Wenn ich nicht gleichgültig werden will gegenüber dem Leiden anderer, geht es auch um meine und unsere Prioritäten. Welche Folgen hat mein Lebensstandard für andere Menschen? Auf die vielen Wechselwirkungen wollen wir aufmerksam machen. Und die werden ja auch jetzt in der Flüchtlingsfrage sehr deutlich. Wie können wir leben, so dass alle gut leben können? Und wo könnten wir uns einschränken, wenn es dadurch gerechter zugeht auf der Welt?

Gottfried Bohl

(KNA)

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