Bischof Felix Genn
Bischof Felix Genn

04.06.2013

Bischof Genn über "Euko" und Kirche "Durch Reformen macht Glaube keinen Sprung nach vorne"

Am Mittwoch startet die katholische Kirche in Deutschland ihren Eucharistischen Kongress in Köln. Münsters Bischof Felix Genn zu seinen Erwartungen und der Lage der Kirche unter dem neuen Papst Franziskus.

KNA: Herr Bischof, rund 25.000 Menschen haben sich zum Eucharistischen Kongress angemeldet. Sind Sie mit der Resonanz zufrieden? 

Genn: Der Eucharistische Kongress ist in unserem Land noch eine unbekannte Größe. Zudem ist er sehr religiös akzentuiert und programmatisch nicht so breit angelegt wie Katholiken- oder Kirchentage. Deshalb sollte man nicht mit allzu großen Massen rechnen. Aber wenn das Fest erst einmal begonnen hat, werden sicher noch mehr Menschen angesprochen. 

KNA: Was erwarten Sie sich von dem Fest? 

Genn: Der Eucharistische Kongress kann eine Tiefenwirkung bei den Menschen auslösen, an die wir jetzt noch gar nicht denken. Aber ein Effekt wird sich - wie bei Katholikentagen oder Weltjugendtagen - am Ende nicht messen lassen. 

KNA: Kann von dem Treffen ein gesellschaftlicher Impuls ausgehen? 

Genn: In Köln geht es um Gottesdienst, Anbetung und die innerste Mitte der Kirche, worauf nicht jeder "anspringt". Aber von der Feier der Eucharistie gehen immer gesellschaftliche Kräfte aus. Wenn Katholiken sich von ihr anziehen lassen, hat das großen Zeugnischarakter. 

KNA: Das Großtreffen ist Teil des Dialogprozesses, mit dem die Kirche den Missbrauchsskandal aufarbeiten will. Im Programm spiegelt sich das nicht wider. 

Genn: Das Thema hat uns in den letzten Jahren viele Kräfte gekostet. Wir müssen die Opfer weiter im Blick behalten, aber auch die Täter. Ich glaube jedoch nicht, dass wir den Missbrauch bei jeder Veranstaltung in den Mittelpunkt stellen müssen. 

KNA: Wesentliches Element des Kongresses sind Katechesen. Sie selbst haben eine Katechese-Reihe mit Jugendlichen in Münster gestartet. Kann man junge Menschen damit erreichen? 

Genn:  Wenn an einem Sonntagnachmittag 200 bis 300 junge Menschen zusammenkommen und aufmerksam zuhören, berührt mich das sehr. Natürlich darf ich als Bischof dann nicht allzu akademisch daherkommen. Eine große Rolle spielen die multimedialen Elemente bei diesen Treffen. 

KNA: Was bewegt die junge Generation? 

Genn: Ich merke, dass sie unbelastet ist von den Traumata der 68er Generation. Beim letzten Mal ging es um fünf Fragen zu Jesus: Was es mit Jungfrauengeburt, Gottessohnschaft, Heilungen und der Auferstehung auf sich hat. Und warum Jesus so radikal redet. Das fordert heraus und ist ein Stück "Jungbrunnen" für mich. 

KNA: Der neue Papst hat bislang eine gute Presse. Was macht Papst Franziskus anders als sein Vorgänger? 

Genn: Beide werden nicht adäquat wahrgenommen. Benedikt XVI. war ein hoch intellektueller Kirchenlehrer und dabei den Menschen sehr zugetan. In Deutschland ist man ihm von Anfang an mit einer gewissen Reserve begegnet. Franziskus ist ein anderer Mensch, kommt aus Lateinamerika und hatte als Bischof viel direkt mit den Menschen und ihrem Alltag zu tun. Aber in ihren Botschaften unterscheiden sie sich nicht. Ich bin gespannt, was aus den Gesprächen mit der von ihm eingesetzten Kommission mit den acht Kardinälen erwächst. 

KNA: Die Bewerberzahlen für Priester sind rückläufig. Woran liegt's?

Genn: Bemerkbar machen sich die demografische Entwicklung und die Krise aufgrund des Missbrauchs. Zudem lassen sich junge Leute kirchlich nicht mehr so einbinden wie früher. Meinem Eindruck nach, werden sie aber auch nicht mehr so stark von Hauptamtlichen auf eine mögliche geistiche Berufung hin angesprochen. Bei Firmungen erlebe ich aber junge Leute, denen ich eine Berufung zutraue. 

KNA: Viele glauben an Gott - aber nicht an alle Kirchenlehren. Welche Zukunft hat eine Kirche mit halb überzeugten Katholiken? 

Genn: Schon Jesus hatte es mit nicht wenigen Halbüberzeugten, Unsicheren und Zweifelnden zu tun. Und schon damals zeigte sich, dass eine kleine Gruppe entschiedener Gläubiger eine große Stoßkraft besitzen kann - wobei ich damit nicht für eine reine Elitekirche plädieren möchte, die nur noch aus einer kleinen Gruppe aufrechter Christen bestünde. 

KNA: Theologen-Memorandum, österreichische Pfarrer-Initiative oder Rufe nach Reformen durch Laiengremien - inzwischen gibt es ein organisiertes Protestpotenzial. Und der Aufruf nach Gehorsam bleibt ungehört? 

Genn: Die aufgeworfenen Themen müssen wir gut behandeln, ich will die Diskussion nicht verbieten. Aber es ist doch ein Irrtum zu glauben, dass Glaube und Kirche einen Sprung nach vorne machen, wenn diese Forderungen umgesetzt würden. Entscheidend ist doch eine lebendige Begegnung mit dem auferstandenen Jesus - so wie beim Eucharistischen Kongress. 

KNA: Den Sinn von Nächstenliebe sieht jeder ein, aber das Verbot für die Frauenpriesterweihe scheint wenig plausibel. 

Genn: Verbot ist das falsche Wort. Papst Johannes Paul II. hat gesagt, dass die Kirche von Christus her nicht ermächtigt sei, Frauen zu weihen, weil er Apostel und nicht Apostelinnen in den Zwölferkreis berufen hat. Aber in der Tat: Die Dimension von Mann sein und Frausein in der Kirche ist schwer plausibel zu machen. Die damit verbundene Gender-Thematik steht im Übrigen auch hinter der Debatte über gleichgeschlechtliche Beziehungen. Es geht um die Frage: Was bedeuten Mann und Frau nicht nur als soziologische Größe, sondern mit Blick auf die Schöpfungswirklichkeit? Im Blick auf dieses Themenfeld weiß ich noch nicht, wie wir Bischöfe das gut kommunizieren können. 

KNA: Überdehnt die katholische Kirche nicht ihre Bibeldeutung? Ist die Berufung der zwölf Männer nicht zeitbedingt? 

Genn: Zeitbedingt wäre es gewesen, wenn sich Jesus von Frauen ferngehalten hätte. Diese Regel hat er aber durchbrochen und mit der Samariterin am Jakobsbrunnen gesprochen. Es hat einen Sinn, dass er mit den zwölf Männern im Abendmahlssaal war. Hier geht es um die Zuschreibung einer Aufgabe, an der die kirchliche Tradition - einschließlich der orthodoxen - festgehalten hat. Und es ist ein Signal, dass es bei den liberalen Anglikanern wegen dieser Frage Spaltungen gibt. 

KNA: Auch wegen ihres Umgangs mit wiederverheirateten Geschiedenen steht die katholische Kirche in der Kritik. Sollte sie nicht wie die orthodoxe Kirche anerkennen, dass menschliche Beziehungen scheitern können, und auch eine neue Beziehung tolerieren? 

Genn: Ich bin in der Arbeitsgruppe der Bischofskonferenz, die über diese Frage berät. Das Thema ist hochkomplex und sprengt ein Interview. Nur so viel dazu: Wir müssen der klaren Anweisung Jesu gerecht werden. Den Grundsatz "Was Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen" müssen wir sehr ernst nehmen, sonst gehen Beziehungen schnell auseinander. Wie vielen Scheidungskindern bin ich begegnet, die darunter leiden, dass es daheim nicht geklappt hat. Daran wird überhaupt nicht gedacht. Aber es gibt Fälle, die moralisch anders zu bewerten sind als ein bloßer Ehebruch. Ich denke etwa an eine Frau, die von ihrem alkoholkranken Mann geschlagen wird, ihn deshalb verlässt und eine neue Beziehung eingeht. Wir stehen in der Spannung, dem Grundsatz treu zu bleiben und zugleich den Menschen in konkreten Situationen hilfreich zu begegnen. 

KNA: Sie stehen nun vier Jahre an der Spitze des Bistums Münster. Sind sie angekommen? 

Genn: Ja. Das Bistum mit seinen vielen Regionen, Wallfahrtsorten und Verbänden ist ein Schatz. Das schwierigste Problem ist, in einer komplexen pluralen Gesellschaft jungen Menschen deutlich zu machen, dass ein Leben als Christ stimmig und schön ist.

KNA: Der Umbau hin zu größeren Pfarreien schreitet voran. Wie sieht es mit der Akzeptanz der Gläubigen vor Ort aus? 

Genn: Aufgrund des finanziellen Rückhalts sind wir im Bistum Münster nicht so massiv unter Druck wie in meinem Vorgängerbistum Essen. Bei manchen Gemeindefusionen erlebe ich, dass benachbarte Dörfer über Jahrhunderte gewachsene Abneigungen pflegen. Das darf in einer globalen Welt nicht sein und ist nicht christlich. 

KNA: Worauf müssen sich die Gemeinden künftig einstellen?

Genn: Dass nicht nur Hauptamtliche, sondern alle Getaufte Apostel und Missionare sind. 

Das Gespräch führte Andreas Otto.

(KNA)

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