Tierversuche sind umstritten
Tierversuche sind umstritten

24.04.2021

Tag des Versuchstiers: Theologin verurteilt Tierversuche "Auf das Leiden von anderen verzichten"

Sie müssen unvorstellbare Leiden durchmachen, zugunsten der Wissenschaft. Damit versuchen wir die Experimente an Versuchstieren zu legitimieren. Aber kann man das mit dem christlichen Glauben vereinbaren?

DOMRADIO.DE: Ihr Schwerpunkt liegt auf der systematischen Theologie und der theologischen Ethik. Wie berührt Sie da der ausbeuterische Umgang mit Tieren, mit unseren Mitgeschöpfen?

Dr. Simone Horstmann (wissenschaftliche Mitarbeiterin in der katholischen Theologie an der Technischen Universität in Dortmund): Es berührt mich persönlich unheimlich. Zum einen, weil ich glaube, dass ich einen relativ klaren Blick auf die Lebenswirklichkeit von unterschiedlichsten Tieren in unserer Gesellschaft habe. Und die ist, wenn man das zusammenfassen will, wirklich grauenerregend. Das hat mit der industriellen Tierhaltung sehr viel zu tun, aber letzten Endes mit nahezu allen Lebensbezügen, die wir zu anderen Tieren haben. Und deswegen ist es auch für uns ein wichtiges Anliegen, hier ein theologisches Umdenken einzuleiten.

DOMRADIO.DE: Mit Ausbruch der Corona-Pandemie wurde auch mit Hochdruck daran gearbeitet, einen Impfstoff dagegen zu finden. Wir wissen auch, dass da Mäuse, Ratten und andere Tiere, auch Rhesusaffen in ihren Käfigen, beteiligt waren. Kann man da die schlimme Problematik und den positiven Effekt der Nutzung von Versuchstieren abwägen?

Horstmann: Das ist eine gute Frage. Dieses Kalkül von Kosten und Nutzen, die man wie in so einer Waagschale gegeneinander abwägt, scheint ja von vielen plausibler Zugang zu unterschiedlichen tierethischen und generell ethischen Fragen zu sein. Ich würde dem ein bisschen entgegen setzen, dass es meiner Meinung nach kein überzeugender Zugang aus einer christlich-theologischen Sichtweise sein kann. Ich will das mal vielleicht kurz erklären, weil dieser Zugang mir zum einen sehr technisch erscheint und zum anderen ist es, glaube ich, eher geraten, darüber nachzudenken, ob nicht vielleicht sogar weniger die ethischen Fragen und die ethischen Kalküle und Begründungsmodelle als vielmehr die dogmatischen Fragen hier gefordert sind. Also das, was in Tierversuchen passiert, ist in meinen Augen eine säkularisierte, profanisierte, isolierte Modellierung von Erlösungsvorstellung. Und das kann man, glaube ich, Sie haben es ja angesprochen, gerade im Kontext einer Epidemie sehr gut nachvollziehen. Also auch hier verhandelt unsere Gesellschaft im Grunde Fragen von Erlösung.

DOMRADIO.DE: Gucken wir mal durch diese christliche Brille, die Sie gerade schon aufgesetzt haben, darauf. Uns ist die Erhaltung unserer Schöpfung mit in die Wiege gelegt oder einer der Aufträge im Leben. Wie viel Einfluss müssen oder können die Kirchen denn nehmen, gegen das Leid der Tiere?

Horstmann: Die Rede von der Bewahrung der Schöpfung ist eine große Rhetorik, die da immer wieder stark gemacht wird. Ich habe da deswegen ein bisschen Schwierigkeiten mit, weil sie in meinen Augen nur ganz bedingt das einfängt, über was wir wirklich sprechen müssten. Wenn ich nochmal an die Frage der Tierversuche an den heutigen Tag anknüpfen darf, dann würde ich wirklich sagen, es ist Aufgabe der Kirchen, aber auch natürlich der Theologie. Deswegen fühle ich mich da ja auch auf den Plan gerufen. Wir müssen die Frage stellen, ob das, was in Tierversuchen passiert, nicht letzten Endes, ich würde es mal wirklich so drastisch sagen, eine Pervertierung des christlichen Ethos ist. Da geht es im Grunde um Vorstellungen davon, dass Lebewesen geopfert werden, zugunsten oder zum Wohl von anderen Lebewesen, von uns in dem Fall als Menschen. Und das variiert und kippt im Grunde die Vorstellung, die im Zentrum des Christentums steht, regelrecht um. Und deswegen denke ich sind wir vor allen Dingen gefordert, jetzt gar nicht so sehr die großen plakativen Rhetoriken von der Bewahrung der Schöpfung sozusagen als ein Allheilmittel zu präsentieren oder als einen Appell, sondern vor allen Dingen mal genau darüber nachzudenken, inwiefern hat die Theologie nicht möglicherweise auch problematische Deutungsfolien geliefert, die jetzt hier in solchen Kontexten nicht einfach nur aufgegriffen werden. Sie werden dann auf eine höchst problematische Art und Weise umgedeutet. Also ich denke nicht, dass das, was in Tierversuchen passiert, eine Vorstellung davon repräsentiert, was ein legitimes Opfer ist. Darüber müssen wir sprechen.

DOMRADIO.DE: Ziehen Sie da den Bezug zur Bibel, dass sich also der Mensch über die Tiere stellen kann, sie als Objekte, an denen er forscht, nutzen kann?

Horstmann: Ja, auch. Da passiert im Grunde eine durchaus radikale Instrumentalisierung. Ist sicherlich ein gewichtiger ethischer Einwand, den man dagegen starkmachen kann. Das ist aber im Grunde auch ein säkulares Argument. Deswegen wäre mein theologischer Zugang, vor allen Dingen zu fragen, jetzt nochmal mit Blick auf die Dimension der Erlösung: Ist das, was in Tierversuchen passiert, nicht letzten Endes eine Zelebrierung des Mythos von der erlösenden Gewalt? Es geht mir wirklich um die dogmatische Frage, ob da nicht letzten Endes ein Opfer zelebriert wird.

DOMRADIO.DE: Was schlagen Sie vor? Wie kommt man also im 21.Jahrhundert aus diesem Dilemma raus? Können wir auf Tierversuche in der heutigen Zeit verzichten oder was schlagen Sie vor?

Horstmann: Ja, ich glaube, wir können darauf verzichten und wir müssen darauf verzichten. Der Ausweg, den ich sehe, der vielleicht ein etwas steiniger, aber auch ein erfolgversprechender Weg zu sein scheint, in meinen Augen, ist die Aufgabe, dass auch Theologie gefordert ist. Und auch die anderen Wissenschaften und unsere gesamte Lebenswelt ist eigentlich gefordert, eine Sprache dafür wieder zu gewinnen, was das Leben von anderen Tieren an Bedeutung hat, und zwar für sie selber, aber auch für uns. Und ich glaube, wenn man so fragt, wenn man nicht nach ethischen Kalkülen von Kosten und Nutzen oder von Objektivierung oder Instrumentalisierung her denkt, sondern von der Frage der Bedeutung her versucht, Lebenswirklichkeit zu verstehen, dann kann man womöglich auch zu dem Ergebnis kommen, dass es für die Bedeutung, die mein Leben für mich hat, ein Gewinn darstellen kann, auf das Leiden von anderen zu verzichten.

Das Interview führte Katharina Geiger.

(DR)

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