Homosexuelles Paar Hand in Hand
Homosexuelles Paar Hand in Hand

21.04.2021

Großer Zuspruch im Netz für Pfarrer-Video über Homosexualität Wenn die kirchliche Sexualmoral verletzt

Das Video eines YouTubers, der mit einem Priester über Homosexualität spricht, geht viral. Die Kommentare häufen sich. Wenn die Kirche nicht auf Homosexuelle zugeht, verliert sie diese Menschen, sagt Pfarrer Rothe und kündigt eine Aktion an.

DOMRADIO.DE: YouTube wird vor allem von jungen Menschen genutzt. Waren Sie überrascht, dass sich so viele für das Thema interessiert haben?

Wolfgang F. Rothe (Priester, Theologe und Kirchenrechtler): Ich war total überrascht. Dass das Thema momentan sehr viel Interesse hervorruft, war mir schon bekannt. Aber gerade unter jüngeren Menschen, unter der Community von Nico Abrell (YouTuber, Anm. d. Red.), habe ich ein derartiges Interesse eigentlich nicht erwartet. Im Gegentei: Ich hatte sogar ein bisschen Sorge, dass das Ganze für Nico Abrell zu einem Shitstorm führen könnte. Weil ich mir gedacht habe: Es könnte ja auch sein, dass viele dieser jungen Menschen meinen "Was fällt dem ein, sich ausgerechnet einen katholischen Priester in seinen Kanal hinein zu holen?"

DOMRADIO.DE: Welche Reaktionen haben Sie auf dieses Video bekommen?

Rothe: Die Reaktionen waren zum überwiegenden Teil positiv. Unter dem Video finden sich mittlerweile über 4.000 Kommentare von überwiegend jungen Leuten aus der queeren Community, also junge Schwule, Lesben, Bisexuelle - was man sich nur vorstellen kann. Und die haben es mit großem Interesse und - für mich überraschend - mit großer Zustimmung zur Kenntnis genommen und offenkundig auch untereinander sehr häufig weitergeleitet.

Was mich sehr berührt und bewegt hat, war einerseits das Interesse. Aber die Kehrseite des Ganzen ist ja auch, dass sich nach wie vor offenbar viele junge Menschen von der kirchlichen Sexualmoral verletzen lassen. Und das war in diesen Kommentaren eben auch sehr deutlich zu spüren, dass diese Sexualmoral vielen jungen Menschen Schmerzen zufügt und für sie ein großes Problem darstellt.

DOMRADIO.DE: Wie geht man denn mit dem Thema bei Ihnen in der Gemeinde um? Zum Beispiel, als vor einigen Wochen der Vatikan nochmal klargestellt hat, dass es keine Segnungen homosexueller Paare geben wird?

Rothe: Ich denke, bei mir in der Gemeinde ist es ähnlich wie in den meisten Gemeinden: Es ist einfach kein Thema. Ich habe zwar das Thema Homosexualität in Predigten und auch Artikeln schon öfters angesprochen, aber die Reaktionen aus dem eigentlich katholischen Kreisen sind vollkommen ausgeblieben. Meistens wird das Thema einfach mit Schweigen bedacht. Umso überraschender war eben das große Interesse auf der anderen Seite.

Ich finde es einfach wichtig, dass diese beiden Blasen, die normalerweise wenig miteinander zu tun haben, eben die Kirchen-Blase und die Blase der queeren Leute, besser vernetzt werden, dass die miteinander ins Gespräch kommen und dass da vielleicht auch mit der Zeit viele gegenseitige Vorurteile abgebaut werden können.

DOMRADIO.DE: Was bedeutet das denn für katholische Schwule und Lesben, die wirklich an ihrem Glauben und an ihrer Kirche hängen, von der sie aber immer wieder gesagt bekommen, dass das, was sie sind, unnatürlich und Sünde sei?

Rothe: Das ist zunächst einmal sehr verletzend für diese Menschen, denn die Homosexualität ist ein Teil der Persönlichkeit dieser Menschen. Es ist naturgegeben. Es ist nicht willentlich angestrebt. Und wenn wir als Kirche sagen "Das ist falsch, das ist schlecht", dann sagen wir damit, dass ein Teil ihrer Persönlichkeit falsch und schlecht ist, was ja eigentlich aus christlicher Sicht gar nicht sein kann. Denn das, was naturgegeben ist, das müssen wir zugleich auch als gottgegeben betrachten. Umso verletzender ist diese Botschaft für Menschen, die davon betroffen sind.

DOMRADIO.DE: Jetzt denkt die katholische Kirche bekanntlich in Jahrhunderten. Können Sie denn nachvollziehen, dass da nicht sofort eine 180-Grad-Kehrtwende vorgenommen wird? Sie muss ja auch die Konservativen mitnehmen.

Rothe: Absolut. Ich bin auch dieser Meinung. Es geht ja auch mittlerweile schon langsam vorwärts. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich ein solches Interview vor zehn Jahren in einem kirchlichen Medium nicht hätte führen können. Einmal, weil es von Ihrer Seite nicht möglich gewesen wäre. Und auf der anderen Seite hätte ich vermutlich mit Sanktionen rechnen müssen.

Die Gesprächsatmosphäre in der Kirche hat sich sicherlich - gerade auch im Pontifikat von Papst Franziskus - schon deutlich zum Besseren verändert. Aber da ist natürlich noch sehr viel Luft nach oben. Wenn wir in dem Tempo weitermachen, kommen wir zu langsam voran, weil dann einfach die jungen Menschen, die als Lesben und Schwule betroffen sind, weg sind. Wir erreichen sie nicht mehr.

DOMRADIO.DE: Wenn wir mal einen Ausblick wagen: Wie lange, glauben Sie, müssen wir warten, bis sich da was tut? 10, 20 Jahre - oder kommen wir da nicht mit hin?

Rothe: Es wird sich in Kürze etwas tun, denn bereits Anfang Mai wird eine deutschlandweit vernetzte Aktion stattfinden, in der Seelsorgerinnen und Seelsorger schwule und lesbische Paare trotz des vatikanischen Neins in der Öffentlichkeit segnen werden. Die Aktion läuft unter #mutwilligsegnen und soll ein ganz klares Zeichen sein, dass wir uns als Kirche eben nicht hinter dem Nein der Glaubenskongregation versammeln, sondern schon - zumindest in Teilen - einen Schritt weiter sind.

Das Interview führte Heike Sicconi. 

(DR)

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